Ein zweisprachiger, reichhaltiger Sammelband 
Das Fach Musik in der Schweiz

Das Fach Musik in der Schweiz

Bernhard Suter, 25.05.2022

Das Schulfach Musik ist regional unterschiedlich geprägt. Welche Entwicklungen hat es in den letzten Jahrzehnten erlebt und wohin bewegt es sich?

Dieses Buch trägt zwei Titel, und das ist programmatisch. Dank Zweisprachigkeit kommen verschiedene Sichtweisen auf kulturelle Fragen und Realitäten zusammen – ganz im Sinn und in der Tradition der SMZ. Die Co-Autorinnen Sabine Chatelain und Gabriele Noppeney verfassen sogar ihren Buchbeitrag zweisprachig. Sie stellen zwei unterschiedliche Unterrichtssequenzen (Spracherwerb durch Liedtexte und bilingualer Musikunterricht) vor, die sich zwar an einem gemeinsamen Referenzmodell (Integrated Music Education) orientieren, aber je an einer französisch- und an einer deutschsprachigen Lehrerausbildungsstätte durchgeführt wurden.

Jedem der zehn Beiträge ist ein dreisprachiges Résumé / Zusammenfassung / abstract vorangestellt, was sich besonders bei der Lektüre fremdsprachiger Texte als sehr hilfreich herausstellt.

Madeleine Zulauf blickt in «Le role de la recherche dans le développement de l’éducation musicale scolaire» auf die gut vierzigjährige Geschichte der Musikpädagogik in der Westschweiz zurück und stellt fest, dass sich das Forscherinteresse zunehmend neu ausrichtet und auf Innovationen in der Praxis zielt: «La posture des chercheurs passant de rétroactive à proactive.» Im Gegensatz zur Westschweiz fehlt in der Deutschschweiz eine wissenschaftliche Tradition in der Musikpädagogik. Schulmusik wird hier vor allem als praktische Disziplin angesehen, die von Praktikerinnen und Praktikern angeleitet wird. Doch welche konzeptionellen Vorstellungen liegen dabei zugrunde? Dieser Frage geht Olivier Blanchard in seinem Beitrag «Schweizer Schulmusik. Schule oder Musik?» nach. Hier Leistungsorientierung, da Musizieren, das Emotionales und Gemeinschaftsbildendes stärker gewichtet als messbare Leistungen.

Jürg Huber fragt grundsätzlich nach: Was eigentlich ist Sinn, Zweck, Inhalt und Didaktik von Schulmusik, und wie wird darüber diskutiert? Während in den Siebzigerjahren «Singen» und «kritische Hörerziehung» im Mittelpunkt standen, liegt heute ein umfassenderes Verständnis von Musikunterricht vor, wie beispielsweise ein Blick in den Lehrplan 21 oder aktuelle Lehrmittel zeigt. Nur, wie heisst unser Fach eigentlich, «Singen» oder «Musik»? Das Schulfach wurde im Jahr 2000 in der ganzen Deutschschweiz umgetauft. Doch die Frage nach der Priorisierung des Singens scheint nach wie vor virulent, meint Christoph Marty: Soll Singen nach wie vor die zentrale Rolle im Musikunterricht einnehmen oder soll es bloss einer von verschiedenen, gleichberechtigten Unterrichtsinhalten sein? Auch im vorliegenden Buch beschäftigen sich drei der zehn Beiträge mit der Stellung des Gesangs bzw. Lieds im Musikunterricht: «Singen oder Musik. Beweggründe zur Änderung einer Fachbezeichnung» (Marty), «Das Vermitteln von Kinderliedern in der Schule als Kulturbestandteil und musikdidaktische Kernaufgabe» (Stadler Elmer) und «Chorarbeit als Beitrag zur künstlerischen Bildung auf der Sekundarstufe II» (Beat Hofstetter).

Eine Untersuchung der Hochschule Luzern bestätigt die Beliebtheit des Singens an Gymnasien. Ganz schlecht hingegen schneiden Musiktheorie und Musikgeschichte im Ranking der Schülerinnen und Schüler ab. Noch beliebter als «Singen / Musik machen» ist allerdings «Musik hören». Was bedeuten diese Resultate für den Unterricht? Eine vordergründige Konsequenz wäre: Musik machen statt Musik studieren! Dieter Ringli schlägt einen anderen Ansatz vor, der sich nach dem Primat der Handlungs- und Schülerorientierung richtet: «Die Lust am Singen nutzen und mit Musiktheorie verbinden!» Wie das geht? Die Schülerinnen und Schüler (SuS) erarbeiten einen Popsong: eigenes Arrangement erstellen, Rhythmen (body)perkussiv zum Grooven bringen, Gesangslinien finden, Begleitungen harmonisieren, Texte schreiben – die Lösungsversuche praktisch-handwerklicher Probleme führen gleichsam intrinsisch zur Musiktheorie, die nun praktisch nützlich ist. Die Untersuchung zeigt weiter, dass selbstgesteuertes Arbeiten in kleinen Gruppen für die SuS sehr motivierend ist.

Welche Konsequenzen haben diese Forschungseinsichten für die Rolle und Aufgaben der Musikunterrichtenden? Und was bedeuten sie für deren Ausbildung? Jürg Zurmühle skizziert ein «Rahmenmodell für Unterrichtskonzepte für den schulischen Musikunterricht in Kindergarten und Primarschule», das produktive Spannungsfelder zwischen Offenheit und Strukturiertheit, Prozess- und Produktorientierung sowie konstruktivistischem und rezeptivem Lernen öffnet. Durch die Balance antinomischer Bedürfnisse bietet das Modell eine Orientierungshilfe für die Planung und Durchführung von Musikunterricht und erlaubt die Setzung ganz unterschiedlicher Schwerpunkte im schulischen Dreieck von Musik, Lehren und Lernen.

Zum Abschluss des Buches folgt noch ein Blick über unseren zweisprachigen Tellerrand hinaus, denn: Musik ist global; Musikkulturen aber sind lokal. Und die Musikpädagogik? Alexandra Kertz-Welzel meint in ihrem Beitrag, dass gerade im «Kontext der Internationalisierung und Globalisierung von musikpädagogischen Unterrichts- und Wissenschaftskulturen» eine kultursensible, die verschiedenen Traditionen berücksichtigende Musikpädagogik gefragt ist. Zwar sind musikpädagogische Konzepte wie das Orff-Schulwerk oder die Methoden von Suzuki und Dalcroze rund um die Welt bekannt. Neuere Ansätze kommen jedoch vorwiegend aus dem anglo-amerikanischen Raum. Kertz-Welzel, selber jahrelang in den USA forschend, fragt, ob wir uns mit dieser Dominanz in der musikpädagogischen Forschung abfinden müssen. Nein, denn Musikpädagogik sei zwar ein globales Fachgebiet und Englisch die Lingua franca, das Grundprinzip eines «transnationalen Austausches» sei aber die Diversität. Hilfreich ist an dieser Stelle der Hinweis auf https://www.isme.org, die International Society für Music Education. Anzufügen wäre noch https://eas-music.org, die European Association of Music in Schools, die jährlich spannende Treffen organisiert und zum Austausch einlädt.

Kulturen der Schulmusik in der Schweiz bringt zehn engagierte und profund recherchierte Beiträge – und regt in viele Richtungen zum Mitdenken an. Gehört in jede Schulmusikstube.

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Kulturen der Schulmusik in der Schweiz – Les cultures de l’enseignement musical à l’école en Suisse, Hg./éd. Jürg Huber, Marc-Antoine Camp, Olivier Blanchard, Sabine Chatelain, François Joliat, Regula Steiner, Jürg Zurmühle, 200 S., Fr. 38.00, Chronos, Zürich 2021, ISBN 978-3-0340-1627-8


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