Klavier – Modest Mussorgsky: Bilder einer Ausstellung 
Geniale Charakterstücke

Geniale Charakterstücke

Karl-Andreas Kolly, 06.03.2014

Die Klavierfassung der «Bilder einer Ausstellung» aussergewöhnlich reich kommentiert.

«Wir zögern nicht, dieses Werk als die bedeutendste Klavierschöpfung russischer Meister bis auf den heutigen Tag hinzustellen. Gewiss lässt sich an dieser Sammlung von zehn Charakterstücken (...) manches bemängeln. Aber eine geniale, urwüchsige Schöpferkraft, vor der alle Kritik verstummen muss, prägt diesen Stücken den Stempel des ganz Einmaligen auf.» Treffender als dies vor Jahrzehnten Klaus Wolters in seinem immer noch unübertroffenen Handbuch der Klavierliteratur (Atlantis, Zürich, 5. Auflage 2001) tat, kann man die Faszination, die Mussorgskys Bilder einer Ausstellung ausüben, kaum formulieren.

Der Bedeutung des Werkes angemessen, hat der Bärenreiter-Verlag nun einen aussergewöhnlich reich kommentierten Urtext editiert. Das Vorwort des Herausgebers Christoph Flamm mit Angaben zur Werkentstehung, ausführlichen Gedanken zu den einzelnen Bildern sowie aufführungspraktischen Anregungen ist spannend zu lesen und geht weit darüber hinaus, was bisherige Ausgaben publiziert haben.
Dass sich bei so viel Material auch Widerspruch zutage kommt, liegt auf der Hand, bei der Behauptung etwa, das Werk eigne sich gar nicht für eine Orchestrierung, untermauert durch Swjatoslaw Richters bissige Bemerkung: «Ich lehne die Orchesterfassung dieses Werkes ab und hasse sie …» Auch bei der Korrektur einiger «Irrtümer» im Notentext wird gelegentlich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Die neuen Lesarten in Takt 17 der ersten Promenade etwa wären selbst für den eigenwilligen Mussorgsky schlicht zu absurd (ein a wäre wohl eher angebracht. Die Handschrift des Komponisten ist allerdings mehrdeutig!)

Der Notentext selber, ganz ohne Fingersätze, überzeugt durch Klarheit und Übersicht. Im Anhang finden sich noch einige schwarzweiss Abbildungen der Vorlagen von Viktor Hartmann, an den das Werk ja erinnern sollte. Wer noch mehr praktische Hinweise zur Interpretation finden möchte, dem sei die Wiener Urtext Edition von Manfred Schandert und Vladimir Ashkenazy ans Herz gelegt. Gerade Ashkenazys Erfahrung mit den Bildern einer Ausstellung sowohl als Pianist wie als Dirigent und Herausgeber einer eigenen Orchesterfassung prädestinieren ihn in hohem Masse, den Dingen auf den Grund zu gehen. Auch diese Ausgabe ist bebildert – sogar in Farbe.

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Modest Mussorgsky, Bilder einer Ausstellung. Erinnerung an Viktor Hartmann, für Klavier, Urtext hg. von Christoph Flamm, BA 9621, € 14.50, Bärenreiter, Kassel 2013


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