Gitarre – Solostücke von Caroline Charrière und Julien-François Zbinden 
Zeitgenössische Gitarrenmusik aus der Romandie

Zeitgenössische Gitarrenmusik aus der Romandie

Werner Joos, 06.03.2014

Die im Kanton Freiburg angesiedelten «Editions Bim» beliefern uns mit zwei attraktiven Werken für Solo-Gitarre.

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Das muntere Stück Une minute der 1960 geborenen Flötistin, Dirigentin und Komponistin Caroline Charrière ist eine Miniatur über dem Ton d. Vorwiegend einstimmig notiert, ist es technisch problemlos zu bewältigen. Die erste Hälfte ist ein grosses Crescendo, auch in Bezug auf Bewegung und Rhythmus. Auf die leisen perkussiven Elemente, die dann den zweiten Teil sanft einläuten, folgen wiederum raschere und lautere Töne, die in einen heftigen Schluss münden. Ein Stück, das gut dazu geeignet ist, auch mit Schülerinnen und Schülern authentische zeitgenössische Musik einzuüben.

Caroline Charrière, Une minute, für Gitarre solo, GUI11, Fr. 9.00, Edition Bim, Vuarmarens 2012

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Sechsmal länger dauert Livia von Julien-François Zbinden. Der heute hochbetagte Pianist und Komponist hat es bereits 1999 im Alter von 82 Jahren für Maria Livia São Marcos geschrieben, die während Jahrzehnten eine Gitarrenklasse am Genfer Konservatorium führte. Zbindens Kompositionsweise ist klassisch modern, frei in Harmonik und Melodieführung, aber auch mit einzelnen seriellen Elementen durchsetzt. Das Stück besteht aus einem einzigen Satz, der sich in einen getragenen Anfang und einen raschen zweiten Teil gliedert, um am Schluss in einer Art kleiner Reprise wieder auf den Anfang Bezug zu nehmen. Einige Stellen sind nicht wirklich spielbar, sodass gewisse lange Töne in der Melodie ihren vollen Notenwert nur in Gedanken erhalten. Das notierte tiefe C in den Takten 129 und 130 müsste wohl ein E sein.

Livia ist eine Komposition in der Tradition «klassischer» Musik. Wenig ist davon zu spüren, dass der Komponist auch ein begnadeter Jazzpianist war und dass die Widmungsträgerin ursprünglich aus Brasilien stammt. Und doch: das lateinamerikanische Temperament zum Beispiel eines Leo Brouwer schwingt aus der Ferne mit, und neben punktuellen Umkehrungen in der Melodieführung oder kurzen Krebs-Akkordfolgen ist der Rhythmus ein wichtiges Kompositionselement, selbst in den schnellen Perpetuum-Mobile-Passagen. Zbinden spart nicht mit Akzenten und Sforzati; der leise letzte Akkord ist nur noch Nachklang …

Julien-François Zbinden, Livia, für Gitarre solo, GUI 7, Fr. 15.00, Editions Bim, Vuarmarens 2012

 

 


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