Violine – Systematische Technik 
Geigerische Mengenlehre

Geigerische Mengenlehre

Walter Amadeus Ammann, 07.03.2014

Eine systematische Darstellung aller Violinbewegungen in sechs Bänden, die zu neuartigem Üben anregt.

Eine vierteilige Blüte veranschaulicht, wie die vier Elemente Bogen-, Saiten-, Finger- und Lagenwechsel allein zwei-, drei und vierfach kombiniert werden können. Dies ergibt die 15 Teile des systematischen Überblicks über die Violintechnik, verteilt auf sechs Bände (ED 21161 bis 21166, auch als Paket 21161-1 erhältlich). Gedacht haben sie Helmut Zehetmair, emeritierter Violinprofessor in Salzburg, und sein ehemaliger Assistent Benjamin Bergmann, jetzt Violinprofessor in Mainz, als «Hausapotheke für Geiger» zur Übung aller Bestandteile der Technik – quasi ein moderner Ševčík.

Die hier besprochenen zwei ersten Bände behandeln die grossen «Blütenblätter», noch ohne die Kombinationen. Die Anleitungen in der Einführung deklarieren das Üben von Technik als künstlerische Tätigkeit, indem es mit Rhythmus, Artikulation, Dynamik, Phrasierung, Agogik, Klang und Vibrato schöpferisch verbunden werden soll: «Echte Virtuosität macht technische Not zur musikalischen Tugend (lvirtus).»

Die vielfältigen Stricharten- und -artikulationen sind vollständig beschrieben. Bogenstrich hat aber auch mit Physik zu tun: Es ist nicht dargestellt, dass der Bogen beim nicht rechtwinkligen «X-Strich» eigentlich wie eine Fähre von den Saitenschwingungen in Richtung des stumpfen Winkels abgetrieben wird, was sehr nützlich ist für Kontaktstellenwechsel. Wenn der Bogen dabei auf die Strichstelle gezwungen wird, entsteht eine Beimischung hochfrequenter Longitudinalschwingungen. Das Sautillé entsteht nicht durch besondere Stellung der Finger, sondern dadurch, dass die Streichrichtung dank Oberarmrollung oder Handgelenkschwingen steiler als die Bogenrichtung ist, so entsteht bei jedem Abstrich ein Schleuderbrett-Effekt. Die klar beschreibbaren Relationen zwischen Lautstärke, Frequenz und Bogenstelle, die Voraussetzung zur bewussten Beherrschung des Sautillé sind, fehlen auch.

Das Bewusstsein für die sieben Saitenebenen und demzufolge halben und ganzen Saitenwechseln ist wertvoll. Sehr verdienstvoll ist die Ermutigung zu Legato-Saitenwechseln mit Saitenüberspringen.

Beim Kapitel Fingerwechsel werden viele liegende Stützfinger empfohlen zur Stabilisierung des Quartraumes, leider nicht die effizientere Art, die Fingerabstände voraus in der Luft einzustellen. Warum fehlt bei der Aufzählung der Griffarten diejenige innerhalb der verminderten Quart? Beim Flageolett sollte darauf hingewiesen werden, dass dabei ganz wenig höher gegriffen werden muss, weil die Saite lockerer ist, also tiefer tönt, als beim festen Griff am selben Platz. Wertvoll sind die vielfältigen Übungen zu Fingersaitenwechsel und gedehnten Quint- und Sextgriffarten.

Das Kapitel über Intonation ist sowohl informativ als auch philosophisch. Zur Intonationskontrolle ist der Kombinationston empfohlen, warum aber mit keinem Wort die Resonanz der leeren Saiten? Die verschiedenen Vibratoarten sind gut beschrieben aber die Oberarmrollung als Ursprung der Vibratoerzeugung wird nicht erwähnt.

Der zweite Band ist eine Schatzkiste von Übungen für direkte Lagenwechsel: ausschliesslich mit einem Finger oder bei Doppelgriffen mit denselben Fingern. Das gerne vergessene Pivoting, d. h. teilweise in andere Lagen langen dank Verankerung des Daumens, wie es Paganini offenbar getan hat, wird erklärt und empfohlen.

Wenn die Folgebände so anregend sind, wie die zwei ersten, können sie viele Geigerinnen und Geiger zum Nachdenken und zu neuartigem Üben anregen.

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Helmut Zehetmair und Benjamin Bergmann, Systematische Violintechnik. Die Bausteine des Violinspiels; Band 1, Bogen-, Saiten- und Fingerwechsel, ED 21161; Band 2, Direkte Lagenwechsel, ED 21162; je € 18.99, Schott, Mainz 2013

 


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