«Tout» C. P. E. Bach für Violine und Cembalo  
Emotionale Landschaften

Emotionale Landschaften

Walter Amadeus Ammann, 25.03.2015

Die zwei Bände mit sämtlichen Werken für Violine und obligates Tastenistrument von C. P. E. Bach haben lange gefehlt.

Zwei dicke Bände mit der fantasievollen Musik von Carl Philipp Emanuel Bach im Urtext, gut lesbar und zum Blättern praktisch paginiert schenkten uns zwölf Stunden vergnügliches Durchspielen. Je weiter wir kamen in der chronologischen Abfolge, umso mehr sahen wir, wie sich der Sohn vom Vater emanzipierte und wie genial er neue Formen fand.

Es war höchste Zeit für diese Ausgabe; seit den Fünfzigerjahren wurden seine Trios nie mehr gedruckt. Sie enthält alle 16 Werke für obligates Tasteninstrument und Violine Wq 71–79 und die ursprünglich für Traversflöte, Violine und Basso continuo geschaffenen Wq 143–147. Auch die irrtümlich Johann Sebastian Bach zugeschriebene Sonate BWV 1036 kann hier mit ihrer späteren Bearbeitung Wq 145 verglichen werden. Die f und p kann man auf Cembali mit Manualkoppelung darstellen, aber die mehr und mehr auftretenden pp und ff verlangen nach dem Hammerklavier. Einige Kommentare zu einzelnen Sätzen mögen die grosse Palette der Empfindsamkeit illustrieren: Haschespiel, plätschernd, übermütig, tiefsinnig, traurig, sehr lustig, gymnastisch, personifizierte Instrumente: Klavier aufgeregt, Violine cool; reicher Melodiebogen.

Für uns die schönste Sonate ist die dreisätzige in c Wq 78 mit einem gross ausgebauten klassischen Sonatensatz, worin beide Instrumente ausgewogen engagiert sind, mit einer tragischen Opernarie und einer ideenreichen Tarantella. Doch der Höhepunkt ist Wq 80: C. P. E. Bachs Empfindungen. Freie Fantasie in fis. Was hier geschieht mit den zwischen tieftraurig und himmelhoch jauchzend ertönenden Klavierausrufen und der bestimmt antwortenden und beschwichtigenden Violine, ist ein schriftlich festgelegter Beweis für die zukunftsweisende Improvisationskunst von CPEBach (so seine Unterschrift). – Schade, dass er keine Oper komponiert hat!

In beiden Bänden sind die darin enthaltenen Sonaten ausführlich kommentiert, mit hilfreichen Hinweisen zur Interpretation, Verzierungs- und Kadenzvorschlägen und einem Kritischen Bericht versehen. Wahrlich ein prächtiges Geschenk an uns alle zum 300-sten Geburtstag!

Image

Carl Philipp Emanuel Bach, Werke für Violine und
obligates Cembalo (Klavier), Urtext hg. von Jochen Reutter,
Interpretationshinweise von Dagmar Glüxam;
Band 1, UT 50288; Band 2, UT 50289;

je € 39.95, zusammen € 69,95,
Wiener Urtext Edition (Schott/Universal Edition), 2014

 


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