Kreislers «Taubenvergiften» & Co. endlich ediert 
«Fürchten wir das Beste...»

«Fürchten wir das Beste...»

Dorothee Labusch, 19.05.2015

Lange Zeit gab es bloss Aufnahmen davon. Jetzt sind die Lieder und Chansons von Georg Kreisler als Noten erhältlich. In einer preisgekrönten Ausgabe.

«Das Kabarett ist tot . Mause-miese-ratze-fiese-tot?» – Nein, nicht mehr. Georg Kreislers Chansons leben wieder auf in der mit dem deutschen Musikeditionspreis 2015 ausgezeichneten Neuausgabe, die aus der Zusammenarbeit von Thomas A. Schneider mit Barbara Kreisler-Peters entstanden ist und vom Schott-Verlag herausgegeben wird. Band 1 bis 3 sind bereits erschienen, Band 4 ist fast fertig und wird bald veröffentlicht. Band 5 ist konzipiert. Die Hefte enthalten jeweils 24 bis 30 Lieder und Chansons.

Hätte es das Kabarett nicht schon gegeben, man hätte es erfinden müssen für diesen bedeutenden, grossartigen, witzigen, bitterbösen, hellsichtigen, tiefschwarz-humoristischen Künstler, Pianisten, Dichter und Sänger, der aus der Überzeugung heraus, der Mensch werde nicht dumm geboren, sondern dumm gemacht, den Dummschwätzern den Kampf angesagt hat; mit ebenso klugen wie angriffslustigen Parolen. «Ich weiss nicht, was soll ich bedeuten», sagte Georg Kreisler einmal über sich und präsentiert sich der Nachwelt als zerrissene Persönlichkeit zwischen den Wünschen, zu unterhalten und zu provozieren. So vielfältig erleben wir ihn auch. «Er hat die Wahrheit, wie er sie wahrnahm, an ihrem Schopf gepackt und solange hinter sich hergezogen, bis sie redete und sogar sang», schreibt der Herausgeber Thomas A. Schneider über ihn.

Georg Kreisler wurde 1922 in Wien geboren. 1938 musste die Familie Kreisler vor den Nazis fliehen, und Georg nahm als jüdischer Exilant 1943 die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Bis zu seinem Tod im Jahre 2011 bekundete er: «Auf keinen Fall bin ich Österreicher.» Da er in Amerika seiner Zeit zu weit voraus war und sein sarkastischer Humor die Amerikaner überforderte (z. B. Please, shoot your husband), kehrte er in den 50er-Jahren nach Europa zurück und bescherte uns ein Werk mit gut 300 Chansons, von denen die meisten leider nur in Fragmenten, Notizen und Skizzen dokumentiert und manche anscheinend verloren gegangen sind. Zwar war die Nachfrage nach Noten zu Kreislers Chansons stets gross, jedoch lagen die meisten Stücke nur als Audio-Dokumente vor. Georg Kreisler hatte alles im Kopf, für ihn bestand keine Notwendigkeit, sie aufzuschreiben. Jede Anfrage nach Noten hat Kreisler mit dem lapidaren Satz beantwortete: «Die kann ja wohl jeder nach meinen Audio-Aufnahmen aufschreiben.»

Der Herausgeber Thomas A. Schneider hat Pionierarbeit geleistet. Nachdem er, seines Zeichens Organist, Pianist, Schauspieler und Sänger, nach eigenen Angaben etwa 20 Jahre lang darauf gewartet hatte, dass da «einer käme und die Chansons aufschreibe», aber nichts geschah, fing er selbst mal an: Seit über zwei Jahren nunmehr arbeitet er an den Transkriptionen, denen fast ausschliesslich Aufnahmen von Kreisler selbst zugrunde liegen. Er arbeitet sich auch noch immer durch Skizzenmaterial vieler Chansons, das leider nur selten die Qualität der Noten des Eine-Frau-Musicals Lola Blau erreicht. Er findet meist nur eine Singstimme und Akkordsymbole, fast nie mit Text unterlegt. Ausserdem stimmen die Notizen häufig nicht überein mit den bekannten Tondokumenten. Kreisler improvisierte gern und gestaltete aus dem Moment heraus, und so versteht Thomas A. Schneider konsequenterweise seine Niederschriften als «... solides Trampolin für Kreisler-Interpreten. Hüpfen müssen sie aber schon selber.»

Die vorliegenden Noten orientieren sich an Spielbarkeit und Übersichtlichkeit, auch kommt es zu gewissen Vereinfachungen, die den Interpreten aber ermutigen sollen, so frei mit den Vorlagen umzugehen, wie ihr Schöpfer selbst.

Die Chansons wurden nach Themenkreisen geordnet. «Alltag und seine Bewältigung», «Mann und Frau», «Politik und öffentliche Ordnung» heissen diese Kapitel zum Beispiel. Und so können wir je nach Lebenssituation und Stimmung nachschlagen, nachlesen, nachsingen, was für ein «Ticker» ein Politiker nun eigentlich ist.; wir können uns mit der Telefonbuchpolka von der Vielfalt österreichisch-tschechischer Namensvarianten inspirieren lassen, wir können zwei alten Tanten beim Tangotanzen auf die Beine schauen und endlich, endlich mal in grossem Stil Tauben vergiften. Ganz nach Laune und Bedarf.
Georg Kreisler ist tot.
Es lebe Georg Kreisler.

Image

Georg Kreisler, Lieder und Chansons, für Gesang und Klavier, hg. von Thomas A. Schneider und Barbara Kreisler-Peters, Bände 1–3, ED 21831–21833, je € 29.50, Schott, Mainz


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