«Enfantines» für Orgel von Jean Guillou 
Farbenreiche Charakterstücke

Farbenreiche Charakterstücke

Tobias Willi, 29.03.2017

Ein neuer, nicht einfach zu spielender Orgelzyklus von Altmeister Jean Guillou. Der Titel «Enfantines» verweist auf das Schwesterwerk «Scènes d'enfants», ist aber inhaltlich nur schwer festzumachen.

«Kindlich» sind sie nicht, die sechs kurzen Stücke, die der Pariser Altmeister Jean Guillou (*1930) hier unter dem Titel Enfantines vorlegt, «kindgerecht» – was immer das heissen mag – auch nicht, und ob sie auf die Zuhörenden «naiv» und als Werke von «unbefangener Reinheit» wirken, wie im Vorwort suggeriert, ist wohl auch nicht garantiert. Wie im bedeutend virtuoseren und ausladenderen Schwesterwerk aus Guillous Feder, den Scènes d’enfants op. 28, handelt es sich um Charakterstudien; wo Guillou damals eine Kindheit porträtieren wollte, die gleichermassen «angélique et diabolique» sein kann, versteht er diese hier «natürlich und unbefangen».

Guillous Klangsprache, in der sich expressiv-rezitativische Momente, rhapsodisch zuckende Floskeln und Staccato-martellato-Akkordik in assoziativ wirkender Reihung abwechseln, entfaltet sich in den sechs Miniaturen in gewohnter Art, allerdings in grosser Konzentration und überschaubaren Dimensionen. Technisch sind die Stücke dadurch aber nicht einfacher, der Manualpart mutet sehr pianistisch an, und vor allem die Pedalpartie mit ihren riesigen Intervallsprüngen, Glissandi und Doppeltrillern stellt hohe Ansprüche an die Ausführung und ruft nach Spitze-Absatz-Technik dupréschen Zuschnitts. Der Satz verlangt zudem relativ oft einen Pedalumfang bis g1 und einen Manualumfang bis c4, was sich auch durch Umlagerung der entsprechenden Stellen nicht immer lösen lässt, es sei denn mit komplexen Registrier-Manövern. Das Klangbild der Komposition ruft nach guillouschem Instrumentarium, das von 32’ im Pedal über diverse Aliquoten bis zur charakteristischen Zungen-Farbe der Ranquette 16’ reicht; analog zu Guillous eigener Praxis dürfte hier aber flexible Anpassungen an kleinere Instrumente nicht weiter problematisch sein, solange die «Grund-Farben» respektiert werden.

Fazit: Wer Guillous Stil mag und über die nötigen technischen Voraussetzungen verfügt, wird sich über diesen neuen Zyklus freuen, der das Repertoire des Pariser Maîtres um kurze und daher vielseitig einsetzbare Konzertstücke erweitert.

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Jean Guillou: Enfantines op. 81 pour Orgue,
ED 22063, € 16.50, Schott Music, Mainz 2015


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