Gitarrenstücke von Napoléon Coste und José Ferrer y Esteve 
Neue alte Etüden

Neue alte Etüden

Werner Joos, 06.12.2018

Klassisch-romantische Kompositionen von Napoléon Coste und José Ferrer y Esteve in fundierten und praktischen Ausgaben.

Geschmack und Wahrnehmung verändern sich mit der Zeit, aber ein originaler Notentext ist immer ein originaler Notentext. Dies sagt der Verfasser einer Neuausgabe der 25 Études de genre des französischen Gitarristen und Komponisten Napoléon Coste (1805–1883) in seinem ausführlichen englischsprachigen Vorwort. Michael Macmeeken ist es ein Anliegen, die Musik möglichst genau so weiterzugeben, wie sie der Komponist im 19. Jahrhundert gedacht hat.

Der 1805 geborene Coste studierte im damaligen Hotspot Paris bei Altmeister Fernando Sor. Seine Musik ist klassisch-romantisch: gefällig, aber durchaus anspruchsvoll. Die meisten seiner Stücke schrieb er für Freunde und Bekannte; besonders hübsch ist ein seiner Frau gewidmetes Andante. Er selbst benützte eine eigens angefertigte Gitarre mit einer zusätzlichen, frei schwebenden D-Saite. Wer seine Kompositionen auf einem konventionellen Instrument spielt, stimmt deshalb die 6. Saite von E auf D um – was Auswirkungen auf den Fingersatz hat – oder oktaviert das tiefe D im Notentext jeweils um eine Oktave nach oben. Macmeeken lässt dem Spieler die Wahl, indem er Alternativen anbietet oder einzelne Etüden sogar in zwei jeweils eigenständigen Versionen in D- und in E-Stimmung veröffentlicht.

Auch sonst geizt der Herausgeber nicht mit Fingersätzen. Zum einen sind alle Originalangaben abgedruckt, zum anderen bringt Macmeeken kursive Ergänzungen an, wobei zu jeder Zeit klar ist, was vom Komponisten ist und was vom Herausgeber hinzugefügt wurde. So bringt Macmeeken das Kunststück fertig, die Etüdenklassiker aus dem vorletzten Jahrhundert in einer wissenschaftlich fundierten und gleichzeitig alltagstauglichen Ausgabe zu präsentieren. Als Supplement sind noch sechs Stücke angehängt, die Coste für die erweiterte Ausgabe der Sor-Schule geschrieben hatte.

Erst zwei Jahre nach Costes Tod trat in Paris, von Barcelona her kommend, auch José Ferrer y Esteve (1835–1916) auf den Plan. Von ihm sind in den letzten Jahren in verschiedenen Anthologien und Sammelbänden immer wieder kleine musikalische Perlen aufgetaucht, deren Quellen meist in der Bibliothek der Londoner Royal Academy of Music (und dort im Fundus der Robert Spencer Collection) zu finden sind. Nun wurden, mehr als hundert Jahre nach Ferrers Tod, zum ersten Mal auch seine Estudios veröffentlicht. Trotz ihres jüngeren Entstehungsdatums sind sie nicht sehr viel moderner als die Etüden von Coste: zwar eindeutig romantisch, aber noch fest in der klassischen Harmonielehre verankert. Etliche Stücke vermögen durchaus höheren Ansprüchen zu genügen. Abgesehen von den Fingersätzen wird auch in dieser Ausgabe deutlich gemacht, welche Angaben original und welche vom Herausgeber hinzugefügt sind.

Das Notenbild ist tadellos. Umso unverständlicher, dass selbst bei kurzen Stücken, die problemlos auf einer Seite Platz hätten, geblättert werden muss. Auch wirkt die oft wiederholte Angabe «hinge» (Scharnier) als Anweisung für einen flexiblen Teil-Quergriff des linken Zeigefingers mitten im ferrerschen Notentext eher befremdlich. Trotzdem: eine hochwillkommene Bereicherung des traditionellen Etüdenrepertoires.
 

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Napoléon Coste: The Guitar Studies, 25 Études de genre op. 38, 6 Studies from the Sor Method, hg. von Michael Macmeeken, ECH 1402, € 22.90, Editions Chanterelle im Musikverlag Zimmermann (Schott), Mainz 2017




 

 

 

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José Ferrer: 24 Estudios für Gitarre, hg. von Jens Franke und Marta Gonzalez Bordonaba, GA 569, € 17.50, Schott, Mainz 2017


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