«Alles fliesst» für Klavier solo von Johanna Doderer 
Fliessende Figuren, offene Fragen

Fliessende Figuren, offene Fragen

Karl-Andreas Kolly, 01.05.2019

Das Klavierstück von Johanna Doderer wird bestimmt von kleinteiligen Elementen im Stil der Minimal Music, zeigt aber auch emotionale Momente.

Sie trägt einen berühmten Namen, der nicht nur in Österreich einen besonderen Klang hat: Johanna Doderer ist die Grossnichte von Heimito von Doderer, dem Autor des Romans Die Strudelhofstiege und anderer literarischer Meisterwerke. Auch sie kann bereits auf ein beachtliches Œuvre zurückblicken. Die 1969 in Bregenz geborene Komponistin schrieb zahlreiche Werke von Kammermusik über Symphonisches bis hin zur grossen Oper. An Anerkennung und Resonanz fehlt es nicht. Johanna Doderer durfte schon bedeutende Preise und Auszeichnungen entgegennehmen. Und zur Hundertjahrfeier der Republik Österreich 2018 spielten gar die Wiener Philharmoniker in der Staatsoper Teile aus ihrer zweiten Sinfonie.

Eines ihrer jüngsten Werke lässt einen jedoch etwas ratlos zurück. Alles fliesst für Klavier solo (DWV 109) ist im Auftrag des Internationalen Beethoven-Klavierwettbewerbs entstanden und wurde im Rahmen der Eröffnung uraufgeführt. Der Titel soll laut Doderer das Ineinanderfliessen der musikalischen Themen widerspiegeln. Ob auch Impulse aus der Musik Beethovens eingeflossen sind, ist schwer zu sagen. Es gibt ein paar pathetische Momente, aber im Allgemeinen dominieren kleinteilige Begleitfiguren, die im Stil der Minimal Music wiederholt werden. Sie verdichten sich gelegentlich zu emotionaleren Steigerungen, meist aber tritt die Musik an Ort. Dies, obwohl fast immer ein rhythmischer Fluss vorherrscht.

Die pianistische Faktur ist uneinheitlich: Geschickt gesetzten virtuosen Kaskaden stehen banale Passagen gegenüber, die seltsam unbeholfen daherkommen. (Takt 173 z. B. ist nur für Personen mit langen Armen einigermassen spielbar.) Auf der letzten Seite steht eine Anmerkung, wie sie auch von Beethoven stammen könnte: «… mit innigster Empfindung». Kurioserweise ist da auch ein Ausbruch im dreifachen Forte zu bewältigen. Ist da etwa Ironie im Spiel?

Das Stück endet – wie Beethovens Klaviersonate mit der gleichen Werknummer – in reinem E-Dur … und lässt alle Fragen offen.

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Johanna Doderer: Alles fliesst (Everything flows) DWV 109, für Klavier solo, D. 01 699, € 14.95, Doblinger, Wien 2018


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