«Lied kreativ» von Verena Dotzler und Birgit Herwig  
Fantasievoll mit Liedern arbeiten

Fantasievoll mit Liedern arbeiten

Bernhard Suter, 24.03.2020

Verena Dotzler und Birgit Herwig zeigen in «Lied kreativ» breit gefächerte Möglichkeiten für das Erarbeiten und Gestalten von Liedern in der Basisstufe.

Lied kreativ ist ein Buch für den Musikunterricht auf der Unterstufe bis zur 4. Klasse und zeigt gut verständlich, wie man mit Liedern arbeiten kann. In einem ersten Schritt geht es darum, die Lieder zu erlernen. Methodisch versiert bieten die Autorinnen vielfältige und handlungsorientierte Zugänge an, wobei das musikalische Charakteristikum eines jeden Liedes den Nukleus für die Erarbeitung bildet. In einem zweiten Schritt folgt die Gestaltung des Liedes, und hier liegt die grosse Qualität von Lied kreativ. Denn die Lieder werden nicht nur gesungen, sie werden vertanzt, in Szene gesetzt, mit Orff-Instrumenten begleitet. Die Arrangements sind leicht umsetzbar. Worauf die Autorinnen zu Recht stolz sind: Gezielt bieten sie Anregungen zum Improvisieren, sodass die Kinder eigene Ideen beisteuern können. Dieser Ansatz geht übrigens ganz in Richtung der «Gestaltungsprozesse», wie sie im Lehrplan 21 prominent postuliert werden.

Lied kreativ gliedert sich in drei Teile, den Anfang macht Methodik der Liedvermittlung: Obwohl die Unterrichtsmodelle vielfältig sind, folgt die Arbeit am Lied einem klaren, aufbauenden Konzept. Am Anfang stehen Atem- und Stimmbildungsübungen, gefolgt von der Text- und Melodievermittlung. Die Anweisungen dazu sind präzise, man spürt die Erfahrung und Sachkompetenz der ausgebildeten Musikpädagoginnen (EMP). Eingebettet sind die gesanglichen Übungen in Geschichten und Bilder, die die Kinder sinnlich ansprechen und mitnehmen, getreu der Maxime: «Ein Lied erarbeiten heisst, mit ihm zu spielen.» Wie man das planmässig macht, skizziert das Kapitel «Möglicher Weg zu einem eigenen Stunden-Konzept», wobei folgende fachdidaktische Anweisung besonders gefällt: «Die Lehrperson leitet die Aktionen möglichst nonverbal an.» Tatsächlich krankt Musikunterricht oftmals an zu vielen verbalen Anweisungen und Erläuterungen, statt über musikalische Aktionen direkt zu führen. Nicht durch Reden, sondern durch Machen werden die Teilnehmenden bewegend und singend aktiviert. So sind sie von Beginn weg in medias res, die Sinne werden gleichzeitig angesprochen, es braucht keine Übersetzung vom Kopf in den Körper.

Die Ideenpakete, der zweite Teil des Lehrmittels, offerieren einen bunten Strauss klanglich-tänzerisch-szenischer Anregungen für Erarbeitung und Gestaltung der Lieder. Das Begrüssungslied Swing lädt zum Tanz mit Spazierstöcken – Hereinspaziert, ins Varieté der Dreissigerjahre! – für Solisten, Tänzer und Publikum. Auch das Lied mit andalusischen Klängen ist in ein szenisches Spiel (Torero) eingebettet, während die Vokalperkussion den Ragtime beschwingt. In den Ideenpaketen gehört das Orff-Instrumentarium standardmässig dazu. Aber nicht nur! Backutensilien braucht es im Schlaraffenland, im afrikanischen Aye kerunene führen Tücher durch den Spiegeltanz, die Klangfarben aus Papier untermalen das Herbstlied.

Während die Ideenpakete lose Unterrichtsangebote präsentieren, liegen im dritten Teil des Bandes ausgearbeitete Unterrichtsmodelle vor. Zum Beispiel Warumba: Der Sprechgesang mit humoreskem Liedtext lässt sich sowohl im Kanon singen als auch mit Bodyperkussion begleiten. Ein szenisches Spiel mit einer Kokosnuss stimmt auf das Lied ein, Strandtätigkeiten wie Muschelnsammeln lockern die Körper, dazu ertönt Rumba-Musik. Aus dem Wort «Ko-kos-nuss» generieren sich Atem- und Stimmbildungsübungen, die mit den Vokalen arbeiten und das Zwerchfell aktivieren. Melodieteile werden in Handlungen und Geschichten gepackt («die Kokosnuss ist unglücklicherweise auf einer Palme liegengeblieben») und bereiten auf anspruchsvolle Intervallsprünge vor. Das gesamte Lied wird mehrfach in Varianten wiederholt: Text sprechen, Gesten stumm zeigen, Liedabschnitte vor- und nachsingen. Schritt und Klatsch akzentuieren die Betonungsverschiebungen im Liedtext, unterbrochen von improvisierten «Strandposen».

Nachdem das Lied erarbeitet und geübt wurde, wird es nun gestaltet. Über den Rhythmus von «Kokosnuss-Kokosnuss-Rumba» improvisieren Sängerinnen und Sänger paarweise eine Bodyperkussion. Die Gruppe wählt ein Impromotiv aus und imitiert es. Nun singt die eine Hälfte, die andere begleitet mit Bodyperkussion und, wenn es klappt, sogar im Kanon. Die Play-back-Einspielung und die Klavierbegleitung auf den beigelegten CDs bieten Unterstützung.

Fazit: Durchdachte Ideen, variabel umsetzbar. Gut gemacht!
 

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Verena Dotzler, Birgit Herwig: Lied kreativ. Singen mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Ideenpakete und Unterrichtsmodelle für eine fantasievolle Liedvermittlung, Buch mit 2 CDs, Best.-Nr. 943, € 29.90, Fidula, Koblenz

 


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