Zum 300. Geburtsjahr von Franz Joseph Leonti Meyer von Schauensee  
Schweizer Rokoko-Konzerte

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Walter Amadeus Ammann, 03.09.2020

Der Geburtstag von Franz Joseph Leonti Meyer von Schauensee jährt sich zum 300. Mal. Aus diesem Anlass sind seine vier Concerti für Cembalo oder Orgel und Orchester neu herausgegeben worden.

In der Bibliothek des Klosters Engelberg liegt ein Stimmendruck aus dem Jahr 1764. Geschrieben hat die vier Concerti für Cembalo oder Orgel und Orchester der Luzerner Franz Joseph Leonti Meyer von Schauensee (1720–1789). Sein Leben, das im Jahr der Französischen Revolution endete, wurde geprägt durch seine patrizische Abstammung. Seine Eltern erbten das Schloss Schauensee ob Kriens und nannten sich fortan Meyer von Schauensee. (Auf den Umschlagbildern der Partituren prangt dieses Schloss, gemalt von Mara Meier.)

Die musikalische Familie liess Joseph ab dem Alter von fünf Jahren Gesangs- und Orgelunterricht geben, so dass der Frühreife schon bald seinen Lehrer an den Orgeln der Hofkirche St. Leodegar in Luzern vertreten konnte. In Klosterschulen in St. Gallen lernte er Violine und Cello spielen. Zurück in Luzern eignete er sich autodidaktisch die Grundlagen der Komposition an und schuf bereits 1738 Musik für das Schultheater der Jesuiten. 1740–41 befand sich der junge Mann in Mailand. Beeindruckt vom glanzvollen Musikleben und den Werken der neapolitanischen Schule (Feo, Leo, Pergolesi) erwarb er weitere Virtuosität auf der Violine und dem Cembalo, was ihn zu beliebten Cammer-Sonaten für das Clavecin veranlasste, die leider verschollen sind.

Nach seiner Rückkehr organisierte ihm sein Vater eine Offiziersstelle beim König von Sardinien-Piemont. Doch trotz der militärischen Pflichten fand er Zeit zum Komponieren. Das nasskalte Wetter in den Bergen und die Stürme auf dem Mittelmeer inspirierten ihn für künftige Werke. Seine späteren Luzerner Ämter als Grossrat und Aufseher der Reis-Waage liessen ihm genug Zeit für die Musik; er dirigierte und spielte Orgel in Engelberg, Muri, St. Gallen, Beromünster und wurde als Orgelexperte in Rheinau beigezogen. Ab dem Alter von 32 Jahren zog er sich von den weltlichen Ämtern zurück und konzentrierte sich auf geistliche und musikalische Aufgaben im Stift St. Leodegar. Er gründete 1760 das erste öffentliche Collegium musicum, rief 1775 mit der Helvetischen Concorde-Gesellschaft eine Vereinigung ins Leben, die die nationale Einheit der Alten Eidgenossenschaft propagierte. Seine Musik wurde zu seinen Lebzeiten sehr geschätzt – sogar Vater und Sohn Mozart haben seine Kirchenmusik aufgeführt – und seine Virtuosität und Fantasie wurden gerühmt. Mit den politischen und kulturellen Umwälzungen nach Meyers Tod versank seine Musik allerdings in der Vergessenheit.

Nun hat der Solothurner Organist Hans-Rudolf Binz die erwähnten vier Concerti zum 300. Geburtsjahr des Komponisten umsichtig neu herausgegeben. Jedes der dreisätzigen Werke hat einen besonderen Charakter. Das erste schliesst virtuos mit einem prestissimo ed alla breve, im zweiten wird martellato und sospirando verlangt, das dritte ist ein Weihnachtskonzert mit piverone-(Dudelsack)-Pedaltönen und Allegretto ed amoroso-Wiegenmusik, im vierten Il Molino ahmen rasche Apeggien das Klappern einer Mühle nach. Die Concerti II und III fordern nebst den Streichern zwei Hörner ad lib. Für die im I. und IV. vom Komponisten verlangten Kadenzen hat der Herausgeber gedruckte Lösungen beigefügt.

Einleitung und Revisionsbericht in Deutsch, Französisch und Englisch geben ausführlich Auskunft über Person und Zeitgeschichte (die hier angeführten biografischen Angaben fussen darauf), Aufführungs- und Editionspraxis. Die Werke wurden schon 1949 im Radio Bern durch Eugen Huber aufgenommen, der dafür auch fehlende Teile sorgfältig ergänzte (schade, dass diese Ergänzungen in der Neuedition fehlen!), und 1975 mit Philippe Laubscher und François Pantillon auf Schallplatte. Das schöne neue Material regt zu Wiederaufführungen an!
 

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Franz Joseph Leonti Meyer von Schauensee: Quattro Concerti armonici d‘Organo o di Cembalo op. 8, parte 1ma.
Concerto I in C-Dur, M&S 2367
Concderto II in D-Dur, M&S 2368

Concerto III in G-Dur, M&S 2369
Concerto IV in A-Dur «il molino», M&S 2370
Partitur I, II, IV/III: Fr. 38.00/22.00, Klavierauszug Fr. 28.00/18.00, Stimmen je Fr. 8.00/5.00;
Müller & Schade, Bern

 

 

 

  • Binz / Hans-Rudolf am 12.10.20 - 13:12

    Schweizer Rokoko-Konzerte – Ergänzungen von Eugen Huber

    Eugen Huber hat in seiner Einrichtung der Concerti Nr. 1, 2 und 4 – anders als die vorliegende Neuedition – nicht versucht, die zu etwa 3/4 fehlende Violine 1 im Sinne Meyers zu rekonstruieren, sondern das Fehlende neu komponiert und auch in den erhaltenen Teil der Vl. 1 substanziell eingegriffen. Hubers Version ist damit eine eigenständige Bearbeitung, die gesondert als solche herausgegeben werden müsste.


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