CD-Rezension: Kläger spielt Bach 

Keine Reinheitsgebote

Torsten Möller, 07.12.2012

Matthias Kläger hat Violinsonaten für die Gitarre bearbeitet, und es klingt, als hätte Bach für dieses Instrument komponiert.

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Der klassischen Gitarre geht es wie dem Opernhaus: Sie hat ein Repertoireproblem. Nicht, dass wenige Noten für die Gitarre geschrieben wurden. Was fehlt, ist Gehaltvolles. Wer einmal Sonaten von Mauro Giuliani oder Fernando Sor begegnet ist, der kennt den qualitativen Unterschied zu Schubertschen oder Beethovenschen Klavierwerken. Viele Gitarristen machen aus der Not eine Tugend: Sie transkribieren. Fragwürdiges ist schon entstanden, zum Beispiel eine am Wesen der Gitarre vorbei zielende Bearbeitung von Modest Mussorgskis Bilder einer Ausstellung. Weit fruchtbarer ist die Übertragung bachscher Werke. Seien es ausgewählte Präludien aus dem Wohltemperierten Klavier, seien es die Cellosuiten oder die Violinsonaten – der Farbenreichtum einerseits und die polyfonen Möglichkeiten andererseits können unentdeckte Schichten der Originale freilegen.
Matthias Kläger nahm die Sache selbst in die Hand. Er folgte nicht dem «deutschen Reinheitsgebot» vieler anderer Übertragungen, sondern fügte den Violinsonaten BWV 1001, 1003 und 1005 an der ein oder anderen Stelle eine Stimme hinzu oder einen Basston. Im Booklet-Text umreißt er sein Transkriptionsideal so: «Beim Hören der Gitarrenversion sollte man den Eindruck bekommen, die Stücke seien genau für dieses Instrument geschrieben und könnten auf keinem anderen genauso gut (oder besser) dargestellt werden.» Nicht nur seine Bearbeitung, sondern auch sein Spiel erfüllen den frommen Wunsch. Den natürlich-linearen Fluss der Violinsonaten breitet der an der Zürcher Hochschule der Künste lehrende Kläger wunderbar aus. Variable Tempi, keine sklavenhaft befolgte Terrassendynamik machen das Spiel zum feinen Ohrenschmaus. An keiner Stelle lässt sich Kläger von den vielen klanglichen Möglichkeiten der Gitarre allzu sehr verführen, sondern weiß sie dezent einzusetzen. So gerät die hervorragend produzierte CD zu einer Demonstration famoser Technik und einer Musikalität, die unter Gitarristen ihresgleichen sucht. Knapp eine Stunde lang ist das Repertoireproblem vergessen.

Matthias Kläger: Complete Sonatas vor Violin Solo (BWV 1001, 1003, 1005). Transcription for guitar. Acustica Records 1020

 


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