Kosmopoliten: Emil Frey und Luisa Splett 
Seelenverwandtschaft

Seelenverwandtschaft

Sibylle Ehrismann, 24.05.2016

Luisa Splett spielt virtuose Klavierstücke von Emil Frey und bewegt sich auch sonst auf seinen Spuren.

Die junge Winterthurer Pianistin hat sich im Rahmen ihrer Masterarbeit intensiv mit dem Schweizer Pianisten und Komponisten Emil Frey (1889–1946) beschäftigt. Nun legt sie ihre erste, ausschliesslich Freys Klavierstücken gewidmete CD-Einspielung beim britischen Label Toccata Classics vor.

In unseren Breitengraden tritt die Pianistin Splett eher selten in Erscheinung, sie konzertiert vor allem in Russland, Chile, Deutschland und den USA. Beim Musikkollegium Winterthur debütierte sie im März 2014 mit Mozarts Klavierkonzert Es-Dur KV 449, in Zürich gab sie mehrere originell programmierte Rezitals. Splett hat an der Zürcher Hochschule der Künste bei Karl-Andreas Kolly ihr Grundstudium absolviert, der sie auch auf Emil Frey aufmerksam machte.

Danach zog es die intelligente und begabte Musikerin in die weite Welt: zuerst nach Chile, dann nach St. Petersburg, wo sie 2009 bei Oleg Malov ihr Solistendiplom mit Bestnoten abschloss. Kommt dazu, dass sie mehrere Sprachen fliessend spricht, ihre Masterarbeit schrieb sie auf Russisch. Heute lebt und wirkt Luisa Splett in Berlin. Der kosmopolitische Geist ist es auch, der Splett am einst in Moskau und St. Petersburg wirkenden Emil Frey so fasziniert. Sie fühlt sich ihm seelenverwandt und kennt mittlerweile seinen umfangreichen Nachlass aus Klavierstücken gut. Nur wenige davon wurden zu Freys Lebzeiten gedruckt.

Die gründliche Werkkenntnis prägt die neue CD-Einspielung. Die Auswahl der Stücke zeigt die verschiedenen Kompositionsphasen treffend: die «impressionistische» aus der Zeit von Freys Studium in Paris, danach die russischen Einflüsse etwa eines Skrjabin, später dann – Frey kehrte wegen des 1. Weltkriegs in die Schweiz zurück – die Anlehnungen an Max Reger und Paul Hindemith. Dazu kommt ein interessanter, leider nur auf Englisch beigefügter Booklet-Text, in dem Splett knapp und eloquent kaum Bekanntes über Frey offenbart.

Es ist die hoch entwickelte Pianistik, welche alle Stücke des grossen Pianisten Frey auszeichnet; sie sind virtuos und technisch knifflig zu spielen. Luisa Splett scheint diese technischen Hürden nicht nur problemlos zu meistern, man verspürt auch ihre Lust an der bravourösen Spielerei. Zudem versteht sie Freys Humor – etwa in der Humoreske aus op. 20 oder seine spielerischen Pointen in der Berceuse aus op.12 – und kann ihn pianistisch vermitteln.

Durch die inspirierte Spielweise bekommen die zum Teil formal etwas problematischen Stücke eine frische und originelle Note. Auch anschlagstechnisch vermag Splett die folkloristischen Einflüsse – sei das in den Variationen über ein rumänisches Volkslied op. 25 oder in der Kleinen slawischen Suite op. 38 – farbenreich auszuloten. So ist diese CD nicht nur für Raritätensammler interessant, sie ist dramaturgisch so gut durchdacht, dass man sie gerne und mit Gewinn durchhört.

Humoreske
Sonate 1.Satz.
Variationen
Image

Luisa Splett: Emil Frey, Piano Music, Volume 1.
Toccata Classics London TOCC 0339


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