Kammermusik für Streicher von Paul Müller-Zürich 
Expressiver Kontrapunkt

Expressiver Kontrapunkt

Walter Labhart, 31.10.2019

Das Casal-Quartett und Razvan Popovici holen die zupackende Kammermusik von Paul Müller-Zürich aus dem Vergessen.

Als Theorie- und Kompositionslehrer prägte er mehrere Musikergenerationen der Schweiz, als Autor von Chorwerken hat er Bleibendes geschaffen; seine nicht minder eigenständige Kammermusik muss erst wieder entdeckt werden: Paul Müller-Zürich (1898–1993) war ein begnadeter Pädagoge und als Komponist ein Meister des Kontrapunkts. Davon zeugen bereits seine Frühwerke für Streichinstrumente.

In Zürich, Paris und Berlin u. a. von Philipp Jarnach und Volkmar Andreae ausgebildet und mit der Musik seiner Zeitgenossen vertraut, distanzierte er sich von der Avantgarde, um sich lieber an Brahms und Reger als an Schönberg oder Webern zu orientieren. Weit brachte es Paul Müller-Zürich als Berater und Organisator, trat er doch 1957 dem Stiftungsrat der Pro Helvetia bei, bevor er 1960 zum Präsidenten des Schweizerischen Tonkünstlervereins ernannt wurde.

Wie ausdrucksvoll die Anfänge des 1953 mit dem Musikpreis der Stadt Zürich ausgezeichneten Komponisten sind, gibt das Casal-Quartett mit dem Zuzüger Razvan Popovici (Viola) in drei verschieden besetzten Werken höchst eindrücklich zu verstehen. Das Streichquintett op. 2 in F-Dur (1919) springt den Hörer schon im ersten Takt an, wenn sich an einen Fortissimo-Akkord ein erstes Ostinato-Motiv pianissimo anschliesst und das spannungsvoll in die Höhe schnellende Hauptthema erklingt. Verstörend sirrende Presto-Einschübe trüben im dritten Satz, einem lieblich beginnenden Intermezzo, den sanften Fluss der leicht melancholischen Musik. Ostinati prägen auch das durch Fugato-Einschübe verdichtete, abrupt in d-Moll endende Finale.

Im Streichquartett Es-Dur op. 4 (1921) herrscht ebenfalls hochexpressives Drängen und Stürmen vor, wobei die Chromatismen im Adagio den grössten Gegensatz zur weniger komplizierten Harmonik im volkstanzartigen Rondo-Finale bilden.

Beruhigt gibt sich das um 1950 entstandene Streichtrio op. 46 von Anfang an, dessen lyrischer Kopfsatz von c-Moll zu C-Dur führt. Mit viel Klangintensität und musikantischem Esprit laden die Mitglieder des Casal-Quartetts das kräftig zupackende Finale auf.
 

Image

Paul Müller-Zürich: Streichquartett op. 4, Streichtrio op. 46, Streichquintett op. 2. CasalQuartett (Felix Froschhammer, Rachel Späth, Markus Fleck, Andreas Fleck), Razvan Popovici, Viola. Solo Musica SM 287


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