Streichquartette, Serenade und Streichtrio von Swan Hennessy  
Unbekannter Gast am Genfersee

Unbekannter Gast am Genfersee

Daniel Lienhard, 26.11.2019

Irische Abstammung, amerikanische Staatsbürgerschaft, deutsche Ausbildung, geprägt von Schumann und jahrelang in der Schweiz zu Hause: Diese CD macht mit Swan Hennessy bekannt.

Einige namhafte Komponisten – man denke etwa an Brahms, Strawinsky, Wagner oder Liszt – wurden durch längere oder kürzere Aufenthalte in der Schweiz zu bedeutenden Werken angeregt. Nicht so der in Paris ansässige amerikanische Komponist Swan Hennessy, der kriegsbedingt von 1915 bis 1919 in Veytaux am Genfersee lebte. Aus nicht näher bekannten Gründen entstand in den fünf Jahren kein einziges Werk.

Hennessys Werk wird erst seit einigen Jahren vermehrt zur Kenntnis genommen. In Illinois in den USA 1866 als Sohn eines irischen Auswanderers geboren, studierte er in Stuttgart. Kein Wunder, dass seine frühen Kompositionen von der deutschen Musik, insbesondere von Schumann, geprägt sind. Seine Übersiedlung nach Paris fällt mit einer Hinwendung zum musikalischen Impressionismus und zur Musik Debussys und Ravels zusammen, ab 1900 kommt ein Interesse an irischer und keltischer Musik hinzu.

Werke «im irischen Stil» machen einen wichtigen Teil von Hennessys Œuvre aus, das bis zu seinem Tod 1929 auf über 80 Werke mit Opuszahlen anwuchs. Sein Schaffen ist ausschliesslich der Klavier-, Vokal- und Kammermusik gewidmet. In ganz Europa, aber besonders in Irland wurden seine Kompositionen sehr positiv aufgenommen. Anders als andere Komponisten arbeitete Hennessy nicht mit Zitaten irischer Volksmusik, sondern eignete sich deren melodische und rhythmische Besonderheiten an.

Die Initiative, eine CD mit sämtlichen Streichquartetten und dem Streichtrio Swan Hennessys aufzunehmen, ist sehr lobenswert. Unter dem Label des irischen Radios RTÉ erschienen und vom ausgezeichneten hauseigenen RTÉ Contempo Quartet interpretiert, trägt diese Aufnahme dazu bei, Interesse für einen komplett vergessenen Komponisten zu wecken. Die Mitglieder des Streichquartetts, dem man mit Freude zuhört, kennen sich seit ihrer Schulzeit in Bukarest. Seit Jahren ist das Ensemble im irischen Galway beheimatet und hat sich sowohl mit Aufführungen des traditionellen Repertoires als auch mit Uraufführungen von zeitgenössischer irischer Musik einen Namen gemacht.

Besonders berührend ist Hennessys zweites Quartett op. 49 von 1920, das an Terence MacSwiney, den Lord Mayor of Cork, erinnern soll, der im gleichen Jahr in einem englischen Gefängnis nach einem Hungerstreik starb und so zu einem Märtyrer der irischen Unabhängigkeitsbewegung wurde.

Dass Hennessy kein Freund der atonalen Musik und der Avantgarde im Allgemeinen war, ist seinen Kompositionen anzuhören. Sein Ziel war es, eine pan-keltische Musik zu schaffen, die sich auf die Traditionen Irlands, Schottlands und der Bretagne bezieht. Seine von einer milden Melancholie durchzogenen Streichquartette, denen extreme dynamische Kontraste und übersteigerte Emotionen fehlen, sind gute Beispiele dafür. Das RTÉ Contempo Quartet trifft ihren Tonfall perfekt und überzeugt durch nuancierte und klangschöne Interpretationen.
 

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Swan Hennessy: Complete String Quartets 1–4, Sérénade & String Trio. RTÉ Contempo Quartet (Bogdan Sofei und Ingrid Nicola, Violinen ; Andreea Banciu, Viola; Adrian Mantu, Violoncello)
RTÉ lyric fm CD 159

 


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