CD und Notenbuch von Balthasar Streiff und Yannick Wey 
Büchel frisch ergründet

Büchel frisch ergründet

Hanspeter Künzler, 27.10.2020

Balthasar Streiff und Yannick Wey haben Klang und Repertoire dieses alten Instruments gründliche erkundet. Nun legen sie eine beeindruckende Sammlung an Stücken in Ton und Schrift vor.

Der Büchel ist quasi die handliche Version des Alphorns. Der Name ist abgeleitet vom Wort «beugen» und rührt daher, dass der Klangkörper zwei Mal gefaltet und entsprechend kürzer ist. Der Büchel wird den Blechblasinstrumenten zugeordnet, ist mit Birkenrinde überzogen und gleicht im Klang auch der Barocktrompete. Wie diese und das Alphorn verfügt er weder über Löcher noch Ventile, so dass die Töne ausschliesslich mittels Luftdruck und Ansatz erzeugt werden müssen. Dass der Büchel auch heute, wo das Alphorn in den verschiedensten musikalischen Kontexten eine Hausse geniesse, ein eher mauerblümchenhaftes Dasein friste, sei wohl darauf zurückzuführen, dass er so schwierig zu spielen sei, erklärt Balthasar Streiff in einem Interview auf der Online-Plattform Open Planet of Sound. «Weil alles kleiner ist als beim Alphorn, ist es heikler, diffiziler und braucht einen besseren Ansatz.»

Ursprünglich von der Bildhauerei herkommend, fand Streiff den Weg zur Musik über Land-Art und das Konzept, «Space» klanglich zu erschliessen. Seit vielen Jahren beschäftigt er sich mit den Sounds des Alphorns und vieler anderer Naturblasinstrumente aus aller Welt. Er machte sich nicht zuletzt mit dem Experimentalduo Stimmhorn einen Namen, das fünf Alben veröffentlicht und den Schweizer Kleinkunstpreis gewonnen hat. Yannick Wey ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Hochschule Luzern und spielt in diversen Formationen und solo Trompete und Büchel.

Mit der Büchelbox und dem gleichzeitig veröffentlichten Notenbuch, denen eine einjährige, intensive Forschungsarbeit zugrunde liegt, präsentieren die beiden Musiker die erste stilistisch, historisch und geografisch umfassende Sammlung von Büchelstücken. Der zeitliche Bogen reicht von den italienischen beziehungsweise österreichischen Barock-Komponisten Bartolomeo Bismantova und Romanus Weichlein über anonyme und «traditionelle» Stücke, die unter anderem vom deutschen Musikwissenschaftler Christian Kaden transkribiert wurden, bis hin zu Kompositionen des 2009 verstorbenen Schwyzers Alois Bucher alias Büchel-Wisi und Balthasar Streiff selber. Viele Beiträge sind mit dem Muotatal verbunden, der Schweizer Hochburg der Büchel, und beschwören nur schon aus Gewohnheit Bilder von schönen Bergwelten herauf. Die stilistische Vielfalt der 47 vignettenhaft kurzen Stücke ist bemerkenswert. So gemahnen die Hirtensignale aus Thüringen an die Frage-und-Antwort-Spiele im Gospel, während die drei anonymen, im 18. Jahrhundert datierten Duette aus Ungarn eine höhere Tonlage anschlagen und richtiggehend spukhaft klingen. Dass die Töne naturgemäss manchmal abgleiten und die Tonskala eh nicht zur konventionellen Radiomusik unserer Zeit passt, schlägt einen faszinierenden Bogen zwischen zeitloser Tradition und experimenteller Moderne.
 

Die Drii redidi no einisch midenand (Ausschnitt)
Meret-Buechel (Ausschnitt)
Buechel-Gsaetzli (Ausschnitt)
Buecheljuuz (Ausschnitt)
Image

Büchelbox. Balthasar Streiff und Yannick Wey.
Zytglogge, EAN 7611698043694

Das Notenbuch zur CD ist beim Müllrad-Verlag in Altdorf erschienen (Art.Nr. 1064, Fr. 34.00).

 


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