Rainer Held dirigiert Sutermeister und Brincken 
Grosse Orchesterwerke neu oder erstmals eingespielt

Grosse Orchesterwerke neu oder erstmals eingespielt

Sibylle Ehrismann, 20.01.2021

Mit dem Londoner Royal Philharmonic Orchestra und dem Royal Scottish National Orchestra hat Rainer Held Sutermeister und Brincken eingespielt. Letzerer fungiert auch als Solist in seinem Klavierkonzert.

Rainer Held ist immer für eine Überraschung gut. Hierzulande schätzt man ihn als originellen Chordirigenten, der sich unter anderem als Erster ständiger Gastdirigent des Radio-Sinfonieorchesters Minsk (von 2003 bis 2010) auch in Orchesterkonzerten profiliert hat. Nun hat er in letzter Zeit gleich zwei neue Tonträger vorgelegt.

Image

Seit jeher interessiert sich der Luzerner Dirigent für die Schweizer Musikgeschichte. Dabei scheut er keinen Aufwand; gross besetzte Werke liegen ihm besonders. Dennoch staunte man, als er 2019 die gigantisch besetzte Sinfonie Nr. 4 in g-Moll op. 27 (2014/15) des in Luzern lebenden Alexander Brincken mit dem Royal Scottish National Orchestra einspielte. Noch nie habe dieses Orchester so gross aufgenommen, auch mit Neeme Järvi nicht, betont der Orchestermanager.

Brincken, 1952 in Sankt Petersburg geboren, knüpft unverhohlen an die spätromantische Sinfonik von Strauss und Mahler an. Auch wenn so ein Ansatz heutzutage grundsätzlich verstört: Von Instrumentation versteht der Komponist etwas. Der grosse Orchesterapparat ist klanglich zwar dicht, aber gut ausbalanciert, und seine weit gespannten Melodien – wie etwa das eingängige Hornsolo im langsamen Satz – haben eine tragende Kraft. Eindrücklich auch, wie Held das Orchester im Griff hat und das Miteinander von energiegeladener Rhythmik und langsamen Steigerungen gestaltet.

Das Capriccio für Klavier und Kammerorchester op. 11, das auf dieser CD ebenfalls zu hören ist, schrieb Brincken 1985, als er noch in der Sowjetunion lebte. Ganz auf den Pianisten Brincken ausgerichtet, entfaltet dieses ausgesprochen «russische» Klavierkonzert einen vitalen Dialog zwischen Solo und Orchester, impressionistische Klangfarben wechseln mit konzertanter Spielfreude à la Hindemith. Rainer Held weiss die Intentionen des Komponisten und des Solisten Brincken mit wachem Geist umzusetzen.

Symphonie No. 4 in g-Moll op. 27, I Moderato
Symphonie No. 4 in g-Moll op. 27, I Moderato (Schluss)
Symphonie No. 4 in g-Moll op. 27, II Adagio (Beginn)
Image

Kurz nach dem Brincken-Projekt realisierte Held beim gleichen Label, Toccata Classics, eine erste CD mit Werken von Heinrich Sutermeister (1910–1995). 2020 jährte sich dessen Todestag zum 25. Mal. Bekannt wurde Sutermeister vor allem als Opernkomponist. Seinen Durchbruch schaffte er 1940 – also mitten im Krieg in Nazi-Deutschland – mit der Uraufführung von Romeo und Julia an der Semperoper Dresden unter Karl Böhm. Die Oper wurde danach in mehrere Sprachen übersetzt und nachgespielt. Auch Herbert von Karajan und Wolfgang Sawallisch dirigierten seine Musik.

Sutermeister interessierte sich auch für die damals neuen Medien Radio und Fernsehen. Das hier eingespielte Melodram Die Alpen. Fantasie über Schweizer Volkslieder für Orchester und Sprecher entstand für eine Radioproduktion. Was auf den ersten Blick «altväterisch» nach Heimatpathos klingt, entpuppt sich als beeindruckendes Farbenspiel für Orchester, das der Alpensinfonie von Richard Strauss kaum nachsteht. Bruno Cathomas rezitiert die starke Naturdichtung des Autors Albrecht von Haller (1708–1777) mit angenehmer Schlichtheit.

Plastisch und dramaturgisch packend ist die Romeo und Julia-Suite für grosses Orchester, mit der Sutermeister an den grossen Erfolg seiner Oper in Dresden anknüpfte. Die Uraufführung der Suite erfolgte übrigens am 9. April 1941 in Winterthur, mit Karl Böhm und den Berliner Philharmonikern. Das lichte Divertimento Nr. 2 (1959/60) ist ein schönes Beispiel für Sutermeisters französisches Flair: eine tänzerische und melodisch erfindungsreiche Musik mit vielfältigem Schlagzeugeinsatz, die an die Groupe des Six erinnert.

Das Label Toccata hat sich auf grosse Werke weniger bekannter Komponisten spezialisiert und arbeitet dafür auch mit dem Londoner Royal Philharmonic Orchestra zusammen. So kam Held, der sich schon länger mit Sutermeisters Orchester- und Chormusik beschäftigt, zu diesem bekannten Klangkörper. – Einmal mehr ein spannendes «Swissness»-Projekt, das Rainer Held da in London lanciert hat. Weitere CD-Einspielungen in dieser Reihe sind geplant.

Romeo und Julia-Suite, Klimax des Maskenballs Allegro molto
Romeo und Julia-Suite, Finale Adagio
Die Alpen II, Dort senkt ein kahler Berg
Divertimento No. 2, IV Prestissimo


Alexander Brincken: Orchestral Music Vol. 1. Alexander Brincken, Klavier; Royal Scottish National Orchestra; Leitung Rainer Held. Toccata Classics TOCC 0550

Heinrich Sutermeister: Orchestral Works Vol.1. Bruno Cathomas, Sprecher; Royal Philharmonic Orchestra; Leitung Rainer Held. Toccata Classics TOCC 0420

 


Kommentare

* Pflichtfelder

Neuer Kommentar
Ihr Beitrag wird nach redaktioneller Prüfung veröffentlicht.

Rezensionen finden

Die deutschsprachigen CD-Rezensionen ab Januar 2013 sind hier gesammelt.

CD-Rezensionen bis Dezember 2012 finden Sie über das Printarchiv unter dem Suchbegriff «Schweizer-CDs». Über die Suchfunktion hier auf der Seite können Sie gezielt nach Komponisten, Interpreten oder Schlagwörtern suchen. (Nur einen einzelnen Begriff eingeben, z. B. nur den Nachnamen.)

Weitere Tonträgerrezensionen

Rezensionen

Die deutschsprachigen Rezensionen ab Januar 2013 sind hier gesammelt.

Über die Suchfunktion auf dieser Seite können Sie gezielt nach Autoren oder Schlagwörtern suchen (nur einen einzelnen Begriff eingeben, z. B. nur den Nachnamen).

Rezensionen bis Dezember 2012 finden Sie über das Printarchiv unter dem Suchbegriff «Neuerscheinungen Bücher und Noten» oder einem spezifischen Schlagwort.

Rezensionen auf Französisch.