Ensemble Thélème – Josquin: Baisiez moy 
Aufmüpfige Neuinterpretation

Aufmüpfige Neuinterpretation

Thomas Meyer, 19.01.2022

Das Ensemble Thélème hat Instrumente wie das Fender Rhodes oder Ondes Martenot in seine Josquin-Interpretationen eingebaut.

Josquin Desprez, «der Noten Meister», wie Luther ihn nannte, war einer der ersten Komponisten, die es sich ausdrücklich verbaten, dass die Sänger ihre Stücke durch Verzierungen und Improvisationen anreicherten. Ist solche übergrosse Autorität der Grund, dass sich ihm nun gleich zwei Ensembles auf respektlose Weise zu widersetzen scheinen? Die eine CD ziert das berühmte Porträt, bei dem Josquins Kopf allerdings durch einen Totenschädel ersetzt wurde. Josquin the Undead nennt das belgische Ensemble Graindelavoix seine Auswahl von Todestänzen und Lamentationen (Glossa GCDP32117). Ihre Aufführung ist klanglich dicht und leidenschaftlich träge. Wohl schwingt in all dem doch auch sehr, sehr viel Hochachtung mit, denn Josquin ist ein Wiedergänger, nicht totzukriegen.

Diese Lebendigkeit prägt auch den aufmüpfigen Umgang auf der CDdes Basler Ensembles Thélème. Den Titel Baisiez moy kann man auf recht obszöne Weise verstehen. Auffälliger noch sind allerdings die Bearbeitungen einiger Stücke. Wenn La Bernardina von zwei Lauten dargeboten wird, ist das historisch vertretbar; wenn in Qui belles amours zu den vier Vokalstimmen die Laute und das Fender Rhodes, jenes fast schon legendäre Keyboard aus den Sechzigern, hinzutreten oder in Nymphes des bois, der Déploration auf den Tod Ockeghems, sogar die Ondes Martenot, wird man von einem Sakrileg sprechen. Keine historische Informiertheit und keine Authentizität schützen ein solches Arrangement. Aber gerade das macht es auch ungemein frisch und frech. Es ist ein zeitgenössischer Ansatz, der sich in der lebhaften, zum Fragilen neigenden Vortragsweise fortsetzt. Beide Ensembles pflegen keinen geglätteten Stil. Im Übrigen könnten die Interpretationsansätze gegensätzlicher kaum sein: Während gerade das Chanson Baisiez moy bei Graindelavoix zu einem weiten, zudem ausgezierten Klangstrom wird, bleibt es beim Ensemble Thélème kurzweilig verspielt und gradlinig. C’est à vous, Maître Josquin, de choisir!

Baisiez moy
Qui belles amours
Je ris
Mille regretz
Image

Josquin Desprez: Baisiez moy. Thélème; Jean-Christophe Groffe. Aparté Music AP 259


Kommentare

* Pflichtfelder

Neuer Kommentar
Ihr Beitrag wird nach redaktioneller Prüfung veröffentlicht.

Rezensionen finden

Die deutschsprachigen CD-Rezensionen ab Januar 2013 sind hier gesammelt.

CD-Rezensionen bis Dezember 2012 finden Sie über das Printarchiv unter dem Suchbegriff «Schweizer-CDs». Über die Suchfunktion hier auf der Seite können Sie gezielt nach Komponisten, Interpreten oder Schlagwörtern suchen. (Nur einen einzelnen Begriff eingeben, z. B. nur den Nachnamen.)

Weitere Tonträgerrezensionen

Rezensionen

Die deutschsprachigen Rezensionen ab Januar 2013 sind hier gesammelt.

Über die Suchfunktion auf dieser Seite können Sie gezielt nach Autoren oder Schlagwörtern suchen (nur einen einzelnen Begriff eingeben, z. B. nur den Nachnamen).

Rezensionen bis Dezember 2012 finden Sie über das Printarchiv unter dem Suchbegriff «Neuerscheinungen Bücher und Noten» oder einem spezifischen Schlagwort.

Rezensionen auf Französisch.