Susanna Dill und Gilbert Paeffgen: Zwischen den Zügen 
Raum und Musse

Raum und Musse

Michael Gasser, 23.02.2022

Anlässlich ihrer dritten Begegnung auf Platte widmen sich der Schlagzeuger Gilbert Paeffgen und die Akkordeonistin Susanna Dill der musikalischen Reduktion und beweisen, dass weniger tatsächlich oftmals mehr ist.

Auf die Frage nach seinen Einflüssen erklärte der deutsche Jazzmusiker Gilbert Paeffgen (geboren 1958) einst in einem Interview: «Was mich anspricht, sind Menschen, Musiker und Schlagzeuger mit Ausstrahlung, Eigenständigkeit und Profil, die etwas zu erzählen haben.» Und genau so jemanden hat der seit Ende der Siebzigerjahre in der Schweiz ansässige Paeffgen in seiner Duopartnerin Susanna Dill gefunden.

Nach Legendes d’Hiver (2010) und 13 Épisodes lumineux et enjoués (2015) haben die beiden unter dem Titel Zwischen den Zügen nun ihre dritte Zusammenarbeit veröffentlicht. Geworden ist es eine Aufforderung, frank und frei durch die eigenen Erinnerungen, Gedanken und Realitäten zu streifen. Grundlage dafür bildet der asketische und schier ausgezehrte Sound, den die beiden kreieren. Dieser stützt sich einzig auf Dills Akkordeon und Paeffgens Hackbrett ab. Die elf Stücke nehmen sich Zeit, um sich zu entfalten und um gezielt Klänge zu setzen. Im Gegenzug bieten sie Raum und Musse.

Das Album zeichnet sich eher durch Strenge als durch Verspieltheit aus, dennoch wirken die zumeist getragenen Kompositionen durchwegs sensibel und sinnlich. Während das Titellied sowohl Kommen als auch Gehen zu verheissen scheint, fliegen Tracks wie das ätherisch anmutende Dichtes Huschen oder das versonnene Märchen von Station zu Station und von Stil zu Stil. Die von Musette, Tango, keltischem Folk und moderner Klassik inspirierten Motive zeugen dabei nicht nur von der Improvisationsfreude der beiden Musiker, sondern insbesondere auch von ihrer lyrischen Schaffenskraft.

Mit Zwischen den Zügen ist Dill und Paeffgen eine Art Soundtrack gelungen, welcher – ähnlich wie Ry Cooders Paris, Texas – Geschichten voller Sehnsucht formuliert, die entrückt, handfest und grazil zugleich sind. Das Resultat ist ein eindrucksvolles Werk zweier eindrucksvoller Künstler, die zu einem gemeinsamen Ausdruck gefunden haben.
 

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Susanna Dill und Gilbert Paeffgen: Zwischen den Zügen. Everest Records er_096


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