Luzerner Verlag faksimiliert mittelalterliches Chorbuch 
Der Codex Gisle

Der Codex Gisle

pd., 14.09.2015

Eine der prächtigsten Musikhandschriften des deutschen Spätmittelaltes, das goldene Graduale der Gisela von Kerssenbrock, wird vom Quaternio-Verlag einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Der Codex Gisle ist ein Graduale, also ein Chorbuch für den täglichen Gesang in der Messfeier. Er stammt aus dem Zisterzienserinnenkloster Marienbrunn in Rulle, nördlich von Osnabrück, und wurde dort um 1300 erschaffen.

Höchst ungewöhnlich ist es, dass Künstler- und Schreibernamen bekannt sind: Mit roter Tinte hat Schwester Gisela von Kerssenbrock, Angehörige einer alten westfälischen Adelsfamilie, das Graduale an mehreren Stellen mit einer anbetenden Nonne und dem Schriftzug «Gisle» signiert. Gisela war die cantrix oder Sangmeisterin des Klosters, unterwies ihre Mitschwestern im Singen und war für die Herstellung der Musikhandschriften verantwortlich. Sie schuf den Buchschmuck, schrieb Texte und Noten und stiftete den Codex Gisle ihrem Konvent in Rulle, wo er für rund 500 Jahre ununterbrochen in Gebrauch war.

Ungewöhnlich am Codex Gisle ist auch seine ungeheure Bildervielfalt: Mit 53 Bild-Initialen übertrifft er andere Graduale um mehr als das Doppelte. Die Zierbuchstaben sind prächtig ausgestattet und zeigen die wichtigsten Stationen aus dem Leben Jesu in teilweise ungewöhnlichen Szenen.

Der Quaternio-Verlag Luzern hat diese schönste niedersächsisch-westfälische Handschrift der Zeit zwischen 1250 und 1400 im Bistumsarchiv Osnabrück entdeckt und macht sie durch seine Faksimile-Edition einem breiten Publikum zugänglich.
Zur aufwendigen Faksimile-Edition erscheint ein wissenschaftlicher Kommentarband; geplant ist auch eine Musik-Edition ausgewählter Gesänge.

In der Ausstellung Goldene Pracht für himmlische Gesänge - Die Faksimile-Edition des Codex Gisle im Kloster Eberbach (D-65346 Eltville im Rheingau, Öffnungszeiten: täglich 10–18 Uhr) ist die die Faksimile-Edition noch bis 29. Oktober 2015 zu sehen – in Einzellagen und zum Blättern.

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Faksimile Codex Gisle: 172 Blätter im Originalformat von 35,5 x 26 cm mit 53 Initialen, Ledereinband mit Eck- beschlägen, in Leinenkassette, Kommentarband, Auflage: 480 Exemplare, ISBN 978-3-905924-20-6, Fr. 12 400.-; Dokumentationsmappe mit zwei Original-Faksimileblättern und Informationsbroschüre, Fr. 124.-
www.quaternio.ch


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  • Christoph Dohrmann am 13.11.17 - 21:48

    Anmerkungen zum Codex

    Der Codex ist nicht nur optisch sehr prachtvoll sondern auch musikalisch interessant: Wünschenswert fände ich eine KOMPLETTAUFNAHME mit einer Frauenschola, die eine vergleichbare Größe wie die Nonnenschola der Gisela hat, sehr klar und mit guter Textaussprache singt, die hohen Töne dynamisch eher mäßigt, ja mit einer gewissen Süße singt, ALLE notierten Neumen SO ausführt wie man das nach neuestem aufführungspraktischen Wissen (vgl. besonders Textquellen des 13. Jh.) annehmen kann und in einer geeigneten Akustik (z. B. kleineren got. Kapelle) aufnimmt - und zwar REIN VOKAL (keine abwegigen instrumentalen Schpieränzchen wie sie bei einigen historisch uninformierten Ensembles in Mode sind). Man könnte das auf mehreren DVD aufnehmen, wobei dann auch der historische Aufnahmeort, Seiten aus dem Codex zur Geltung kommen könnten. Teils könnte auch ein Video-Mitschnitt in's Web gestellt werden.