Konzertante Aufführungen in Zürich (27.3.) und Winterthur (28.3.) 
Mit Goethe ins Reich der Hexen

Mit Goethe ins Reich der Hexen

Herbert Büttiker, 12.03.2020

Zur Uraufführung von Alfred Felders Oper «Walpurgisnacht» durch das Musikkollegium Winterthur und den Konzertchor Harmonie.

Der Schweizer Komponist Alfred Felder feiert dieses Jahr seinen 70. Geburtstag, und er erreicht ein lange verfolgtes künstlerisches Ziel: die Uraufführung einer Oper. Dass der Weg dazu lang war, hat mit den grossen Hürden zu tun. Stoffwahl und Libretto-Frage sind die eine, die andere der «Apparat»: Der Konzertchor Harmonie und sein Leiter Peter Kennel sowie das Musikkollegium Winterthur heben Walpurgisnacht, Oper in 2 Akten nach Goethes Faust I nun in Zürich und Winterthur aus der Taufe.

Musste es Goethe und sein in zahllosen Ansätzen und Stilen vertonter «Allerweltsstoff»? Für Felder unbedingt: Das Faust-Drama habe ihn schon seit seiner Jugend fasziniert. Und überblickt man sein Schaffen, lässt sich sagen: Es steuerte auf diesen Stoff zu, genauer: auf die «Walpurgisnacht», jene Szene, die sich in der Tragödie zwischen die Szene im Dom – Margarethes Dies irae – und die letzten Szenen um Gretchens Hinrichtung schiebt. Anders als Goethes Drama integriert Felder in seinem selbst verfassten Libretto die Hexenszenerie nicht in die Tragödie, sondern die Tragödie in die Hexenszenerie.
 

Spontane Feier des Lebens

Image

Die originelle Dramaturgie erklärt sich mit Felders Auslegung des geheimnisvoll-verruchten Hexensabbats: «Das zentrale Thema in der Walpurgisnacht sind für mich die Natur – und die Frauen als Schamaninnen. Ihr grosses Wissen über Heilkräfte und Urkräfte hat mich immer sehr beeindruckt. Ihre fröhlichen (Hexen-)Sabbate waren für mich immer eine sinnliche und spontane Feier des Lebens.» Mit der Sympathie für die Hexen korrespondiert die Abscheu vor deren Verfolgung. Als Hexenjagd empfindet Felder bei Goethe das Schicksal der Kindsmörderin und geht in seinem Libretto eigene Wege: «Ich lasse Gretchen am Ende meiner Walpurgisnacht nicht sterben. Sie hält uns als Rebellin den Spiegel vor und entlarvt damit die Verlogenheit dieser Welt. Sie soll an der Schwelle zur Hinrichtung Gnade erfahren, als Zeichen, dass das Patriarchalische unserer Welt einmal enden wird. Ein utopischer Schluss?»

Mystik und Schamanismus

Felders Sicht auf Goethes Werk lässt sich leicht zu aktuellen Diskursen in Beziehung setzen. Aber seine Musik gründet nicht in intellektuellen Debatten, sondern in Erfahrungen des «anderen»: In seinem Œuvre fällt die Präsenz des Schamanischen und Mystischen auf. Das Oratorium âtesh basiert auf Gedichten des persischen Mystikers Rūmī, und im Werkkatalog figuriert etwa auch der Nachtgesang für Flöte, Viola und Harfe, der einem Heilsritual der Navajo-Indianer nachempfunden ist. Als Cellist in der Kammermusik und Sinfonik zu Hause, bedient sich Felder auch als Komponist der abendländisch-tonalen Sprache, wenn auch in einer eigenen, freien Weise, die ihn von «Tonalisationen», von Färbungen der Tonalität, sprechen lässt: «Der Anfang der Oper ist in einer D-Tonalisation geschrieben, den Schluss (Tanz) habe ich in einer Es-Tonalisation komponiert. Die D-Tonalität habe ich sehr dunkel gefärbt, Es-Tonalität ist für meine Ohren eigentlich die hellste Tonalität. Also der Anfang in D, dann jede Szene in einer anderen Tonalität bis zum Schluss zur Es-Tonalität – der grösste Unterschied von dunkel und hell, aber in der Musik nur einen halben Ton auseinander, das heisst das kleinste mögliche Intervall, aber der grösste farbliche Kontrast.»

«Fremde» Klangmittel werden gezielt eingesetzt: Im Klaviertrio The second attention etwa ist es die Schamanentrommel; im ebenfalls von Rūmī inspirierten open secret, einem sozusagen «reinen» Violinkonzert, das für die Stammbesetzung des Musikkollegiums geschrieben ist, lässt er die Orchestermusiker flüsternd rezitieren. Das Neue um des Neuen willen habe ihn nie interessiert, betont Felder: «Das einzig Neue, das Sie möglicherweise in der Walpurgisnacht hören werden, sind die ungewohnten Schlagzeug-Klänge – Weinflaschen, Guetzlibüchsen, Zeitungspapier, Löffel, Whiskey-Container, in denen Murmeln kreisen – ein tolles Geräusch zum Auftakt des Hexentanzes.»
 

Das Fest der Nacht

Mit den Auftraggebern der Oper, dem Musikkollegium Winterthur und dem Konzertchor Harmonie Zürich mit seinem Leiter Peter Kennel, ist Felder seit Langem verbunden. Vom Chor kam 2006 der Auftrag zu âtesh, dessen grosser Erfolg auch zu weiteren Projekten führte, so 2016 im Zeichen des Chorjubiläums zu einem Konzert, in welchem neben Mendelssohns Walpurgisnacht-Kantate auch Felders Szenen der Walpurgisnacht aus Goethes Faust I zur Aufführung kamen: die Keimzelle der Oper.
Mit der Umarbeitung zum abendfüllenden Bühnenwerk hat er das Panorama der Walpurgisnacht beträchtlich erweitert. Zu Faust (Tenor), Mephistopheles (Bariton) und dem Hexenchor kamen als weitere Figuren die Halbhexe und Schöne Hexe (Mezzosopran), und zur Choraufgabe gehört nun auch der Gesang der Dominikaner-Inquisitoren. Sie künden Margarethes Hinrichtung an. Und dass diese dritte Hauptfigur in der Walpurgisnacht nicht mehr nur als Vision, sondern als leibhaftige Figur und Solopartie (Sopran) in Erscheinung tritt, ist die zentrale Entscheidung des Komponisten. Diese weist zum magischen Fluchtpunkt des Werks, das mit Margarethe und den Hexen – «welch unerwartet Meteor» – in das Fest der Nacht und die Frühlingsfeier mündet.
 

Walpurgisnacht
Konzertante Uraufführung
Musikkollegium Winterthur, Konzertchor Harmonie,
Ania Vegry (Sopran), Sonja Leutwyler (Mezzosopran),
Lothar Odinius (Tenor), Ruben Drole (Bariton);
Leitung: Peter Kennel
Tonhalle Maag, Zürich 27. März, 19.30 Uhr
Stadthaus Winterthur, 28. März, 19.30 Uhr


Radio SRF 2 zeichnet das Konzert auf. Sendedatum noch nicht bekannt.


Biografische Notiz

Alfred Felder, geboren am 2. September 1950 in Luzern, lebt in Winterthur. Studium (Violoncello und Komposition) an der Musikhochschule Luzern. Solocellist verschiedener Kammerorchester. Von 1977–1983 Mitglied der Festival Strings Lucerne. Von 1981–2016 Lehrer für Violoncello am Konservatorium Winterthur. Kompositionsaufträge unter anderem von der Stadt Zürich, der Tonhallegesellschaft Zürich, dem Musikkollegium Winterthur, Zürcher Kammerorchester, den Festival Strings Lucerne, der Schweizer Kammerphilharmonie, dem Forum für Neue Musik, Theater am Gleis, Festival Sensoria NC, USA. Für den Concours International de Violon Shlomo Mintz 2005 und 2006 komponierte er die Pflichtstücke. âtesh für Soli, gemischten Chor und grosses Orchester wurde 2007 mit dem Tonhalle-Orchester Zürich und dem Konzertchor Harmonie uraufgeführt. Es war der Schweizer Beitrag zum damaligen Unesco-Jahr. Die Deutsche Erstaufführung war am 25. Oktober 2011 im grossen Saal der Berliner Philharmonie.
 


Kommentare

* Pflichtfelder

Neuer Kommentar
Ihr Beitrag wird nach redaktioneller Prüfung veröffentlicht.