Greis zwischen den Kulturen 
In Bern angekommen, wollte ich zurück in die Schweiz

In Bern angekommen, wollte ich zurück in die Schweiz

Gianluigi Bocelli (Übersetzung: Pia Schwab), 27.03.2018

Greis ist ein einzigartiger Fall in der Schweizer Hip-Hop-Szene. Der gebürtige Lausanner wohnt in Bern und rappt auf Deutsch mit der frankofonen Kultur im Rücken. Der Austausch liegt ihm auch sonst am Herzen.

Grégoire Vuilleumier ist im Kindergarten, als sein Leben sich ändert: Berufliche Gegebenheiten zwingen die Familie, von Lausanne nach Bern zu ziehen. Für das Kind ist es hart, der Kulturschock enorm: «Ich erinnere mich, dass ich mir wünschte, in die Schweiz zurückzukehren, so sehr schien mir Bern eine andere Welt.» Die Integration ist eine schmerzliche Zeit. Fünf Jahre dauert es, bis er die Sprache kann. Und das Gefühl, «anders» zu sein, von ausserhalb, ein Aussenstehender, setzt sich in ihm fest.

«Heute fühle ich mich endlich wohl in der Rolle des Aussenseiters. Ich leide nicht mehr darunter, im Gegenteil: Für gewisse Leute komme ich zwar von der anderen Seite der kulturellen Grenze und sie akzeptieren mich oder auch nicht, im Grunde stehe ich aber genau im Angelpunkt zwischen der französischen und der deutschschweizerischen Kultur. Das ist ein riesiger Vorteil», erklärt Grégoire, besser bekannt unter dem Namen Greis – eine der interessantesten Stimmen der Schweizer Rap-Szene. 20 Jahre Praxis hat er in dieser Kunst und zwischen 2007 und 2012 vier Mal den Swiss Hip Hop Music Award als bester Solokünstler gewonnen. 2010 erhält er den MTV European Music Award als bester Schweizer Künstler und ist 2016 nominiert für den MTV EMA als bester europäischer Act.

Das Publikum verdoppelt sich nicht

Einer seiner Trümpfe ist der Bikulturalismus, der ihm erlaubt, beidseits des Röstigrabens zu arbeiten. Greis erklärt aber, dass er dadurch nicht zwangsläufig weitere Publikumskreise ansprechen könne und das französischsprachige Publikum noch zum deutschsprachigen dazukomme. Im Gegenteil, die eingeschworenen Fans der einen oder anderen Seite würden sich eher abwenden und am Schluss blieben bloss diejenigen, die eine solche transkulturelle Arbeitsweise liebten. «Was ich mag und was ich auch, wann immer möglich, eingesetzt habe, ist der Austauschs zwischen den Kulturen. Etwas aus der einen in die andere versetzen und dann von der Position als Aussenstehender die Stärken und Schwächen der jeweiligen Sprache und Mentalität verstehen und das Beste daraus machen: Das war meine Chance. Und ich bin der einzige Rapper in der Deutschschweiz, der das tun konnte, denn ich bin der einzige mit einer starken frankofonen Kultur im Rücken.»

Deutsch auf französische Art

Greis gibt uns einen kleinen Einblick in seine Arbeitsweise: «Der Bezug zu Form und Phonetik ist in den beiden Sprachen sehr unterschiedlich, aber noch unterschiedlicher sind die Art, wie man Gefühle ausdrückt, und der Humor. Bei derselben Geschichte werden der Deutsch- und der Französischsprachige nicht an denselben Stellen lachen. Von der Sprachgestalt her betrachtet, ist Deutsch leichter zu «kneten»; es ist sehr perkussiv, für meine Arbeit also ideal, es verlangt aber auch absolute formale Perfektion, was die Rhythmen angeht. Im Französischen ist dagegen der Ausdruck von Gefühlen und Emotionen einfacher; in dieser Sprache klingen sie gut und richtig. In kultureller Hinsicht ist das Deutsche sarkastischer, zynischer, auf der Gefühlsebene kann man aber nicht alles ausdrücken. Im Französischen dagegen hat die Kunst, wie man eine Geschichte erzählen und die Gefühle einsetzen kann, grosse Tradition. Denken wir nur an Brassens, Brel, Gainsbourg oder Renaud ... So etwas gibt es im Deutschen nicht. Wenn man also – wie ich es tue – eine Geschichte auf französische Art erzählt, aber auf Deutsch, dann wird es interessant. Auf dem Album, an dem ich gerade arbeite (Noti Wümié: Nouvelle Frisüre), greife ich beispielsweise Les uns contre les autres von Starmania auf Deutsch wieder auf. Das ist ein sehr schöner Text, mit einer Überschwänglichkeit, die man mit deutschem kulturellem Hintergrund nicht wagen würde. Dabei kommt er in dieser Sprache wunderbar zur Geltung und wird sehr stark.»

Reichtum der regionalen Eigenheiten

Durch Greis’ Arbeit zieht sich also ein roter Faden der Verschmelzung, des Ausprobierens und der Annäherung der Kulturen. Davon zeugen auch Experimente wie The power of musick, ein Stück für Chor, Orchester, Solisten und Rapper, das aus der Zusammenarbeit mit Stephan Hodel und dem Händel-Chor Luzern entstand, ein Versuch, das barocke Rezitativ auf moderne Art zu interpretieren. Auch mit zeitgenössischen Komponisten, mit Berner und afrikanischen Gruppen oder mit Sängern aus der Romandie wie Aliose oder Sim’s arbeitete er zusammen. «Letzteres war sehr bereichernd, denn paradoxerweise ist der kulturelle Unterschied enorm. Ich fühle mich gewissen afrikanischen Rap-Gruppen, mit denen ich regelmässig spiele, fast näher als meinen welschen Kollegen», erklärt Greis. «Das ist der grosse Reichtum dieses Landes, dass wir so ausgeprägte regionale Eigenheiten haben, stärker als anderswo. Es gibt abgrundtiefe Unterschiede zwischen Kantonen und Städten, die unmittelbar nebeneinander liegen. Ein konkretes Beispiel nur schon am Genfersee: Lausanne und Genf sind zwei verschiedene Welten, aber wenn man noch näher schaut, haben die Rapper von Nyon und diejenigen von Morges völlig unterschiedliche Horizonte.»


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