Zum Thema Karriere 
Thüring Bräm

Thüring Bräm

Interview: SMZ, 03.09.2013

Alter: 69
Berufsbezeichnung: Komponist und Dirigent
Werdegang: Ausbildung in Klavier, Musikwissenschaft, Orchesterdirektion und Komposition. Leiter der Musikschule der Musik-Akademie Basel, Direktor des Konservatoriums Luzern, Gründungsrektor der Musikhochschule Luzern.
heutige Position: freischaffend

Was verbinden Sie in der Musik mit dem Begriff «Karriere»?
«Karriere», zu Deutsch «Laufbahn», ist ganz einfach der Weg, den man im Leben durchschreitet. Manche machen das linear, andere eher der Chaostheorie entsprechend. Wohl immer liegt die Wahrheit in einer Kombination von Zielorientiertheit und Zu-Fall, im positiven Fall: Glück. Aber das Glück kommt nur, wenn man sich darum bemüht, dann aber oft von einer Seite, von der man es nicht erwartet hat.

Welche Erwartungen haben Sie an Ihre Karriere?
Mein Ziel war es, soviel über die Musik zu wissen wie möglich und soviele Fähigkeiten zu erwerben, dass man sie besitzen würde und nicht mehr erarbeiten müsste. Das ist ziemlich viel und harte Arbeit, aber es ist auch die Grundlage, dass einem Dinge «zufallen».

Welchen Stellenwert hat die berufliche Karriere in Ihrem Leben?
Ich wollte immer nur Dinge tun, die mich wirklich interessieren und die eine gesellschaftliche Funktion erfüllen würden. D. h. ich wollte das Fachwissen und -können immer in Verbindung zur Gesellschaft setzen. Und deshalb wollte ich auch nie die private innere Karriere der öffentlichen äusseren opfern und umgekehrt. Es war immer ein Bewegen in den Grauzonen und ein Zusammenspiel zwischen der wissenschaftlichen Tätigkeit meiner Frau und der künstlerischen von mir.

Wie weit ist eine Karriere machbar, ein Ziel erreichbar? Haben Sie positive oder negative Erfahrungen?
Wenn man die beiden Karriere-Aspekte in Einklang bringen will, muss man auf vieles verzichten, erlebt aber auch viel Wertvolles. Zwei Beispiele: a) Meine Anstellungen und ihre Inhalte gingen immer parallel zum Entwicklungsstand meiner Töchter: Als Musikschulleiter in Basel befasste ich mich mehr mit Kindern, als Konservatoriumsdirektor mehr mit dem Berufsniveau, als Gründungsrektor der Musikhochschule Luzern kam die Forschung dazu, als meine Töchter studierten. b) Mein berufliches Ziel war immer, ein Ausbildungsorchester für junge Berufsmusiker zu leiten im Sinne des BBC-Training-Orchesters in Bath in den 1960er- und 70er-Jahren. Ich hatte damals keinen Hauch einer Chance, dieses Trainingsorchester (das inzwischen schon längst eingegangen ist) übernehmen zu können. Darum habe ich dann meine Leitungsfunktion am Konservatorium Luzern auch dazu benützt, ein den dortigen Verhältnissen angepasstes Instrument zu schaffen: die Junge Philharmonie Zentralschweiz, die auch nach 26 Jahren noch bestens floriert. Die Idee, mit dem Medium, das man als Leiter verwaltet, pädagogisch tätig zu sein: also nicht mit Verordnungen, sondern mit dem Musikmachen selbst, ist bei den heutigen Strukturen natürlich kaum mehr zu realisieren.

Empfinden Sie Ihre Karriere (bisher) als gelungen?
Ja, weil es mir gelungen ist, das Private und das Öffentliche sinnvoll zu vereinen. Ich hatte immer wieder Freiräume, um meine Dirigierkarriere im Ausland pflegen zu können (in Danzig, in Pardubice, in Buenos Aires). Und in der Schweiz habe ich viele künstlerische, für mich wichtige Projekte auf qualitativ hoher Stufe realisieren und auch einige gesellschaftlich relevante Dinge umsetzen können, die z. T. weiter existieren – oft in den Händen ehemaliger Studierenden – oder z. T. auch bereits wieder untergegangen sind. Ich erachte heute das Komponieren in weitestem Sinn als das «Erforschen von Material», das «Zusammensetzen von Bausteinen», das «Zusammenbringen von Menschen» und die «Auseinandersetzung mit unserer Geschichte» – für mich sehr wesentlich.
 

Was verbinden Sie in der Musik mit dem Begriff «Karriere»?
Für mich gibt es zwei Stränge in der Karriereleiter als Musikerin, die sich in meinem Leben aufgetan haben. Der eine Weg führt über das aktive Musizieren in den Konzertbetrieb und beinhaltet, grob gesagt, folgende Kriterien: Bekanntheitsgrad, vielfältige und interessante Auftrittsmöglichkeiten an grossen Häusern, Zusammenspiel mit besten anderen Kammermusikpartnern, Steigerung der Verdienstmöglichkeiten, Intensität des «Gefragtseins».

Der zweite Weg führt in den administrativen Bereich in die Leitung von Musikschulen, Musikhochschulen, Musikbetrieben wie Konzertveranstaltern, Festivals, Musikstiftungen etc.
Ich kam irgendwann an den Scheideweg, wo ich mich fragen musste, welche Richtung ich nun einschlagen möchte. Da ich immer sehr gerne unterrichtet habe und die Pädagogik mich interessiert, ich ausserdem gerne organisatorische Herausforderungen übernehme, habe ich mich für den administrativen Bereich entschieden. Dies im vollen Bewusstsein, dass das Verfolgen einer Karriere als Musikerin dadurch nicht mehr weiter möglich war.

Sind Sie ein Einsteiger, Aufsteiger, Umsteiger, Aussteiger?
Ich bin eine Einsteigerin, da ich vor meiner administrativen Tätigkeit ausschliesslich als aktive Musikerin und Instrumentallehrerin tätig war. Bewusst habe ich diesen Weg gewählt und eine Musikschulleiterausbildung gemacht.
Ich bin eine Aufsteigerin, da ich nun mehr Verantwortung trage für einen grossen Betrieb und ca. 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Auch im Sinne des Verdienstes bin ich eine Aufsteigerin, da ich nun mehr verdiene als eine Lehrperson.
Ich bin eine Umsteigerin, da ich in einem völlig neuen Tätigkeitsfeld arbeite, welches sich sehr deutlich von meiner vorherigen Tätigkeit als aktive Musikerin unterscheidet. Doch ohne meine vorherige Berufserfahrung könnte ich diese Stelle nicht ausfüllen.
Ich bin keine Aussteigerin, da ich immer noch aktiv Musik mache.

Welche Erwartungen haben/hatten Sie an Ihre Karriere?
Ich hatte und habe die Erwartung, dass die Arbeit immer spannend bleibt, dass es immer wieder neue Herausforderungen gibt und sich keine Routine einschleicht. Mein Wissens- und Erfahrungshorizont muss sich ständig erweitern. Ich kann mich mit Menschen auf der gleichen Karrierestufe vernetzen und lerne durch sie. Der höhere Verdienst gehört meiner Meinung nach ebenfalls zu den Erwartungen an eine Karriere und dieser Fakt sollte nicht aus falscher Bescheidenheit heruntergespielt werden und wie bei Frauen häufig durch Idealismus kompensiert werden.

Welchen Stellenwert hat die berufliche Karriere in Ihrem Leben?
Ich arbeite gerne und bin vor allem auch bereit, mich über das übliche Mass hinaus beruflich zu engagieren. Das im Beruf Erreichte ist mir sehr wichtig und hat einen hohen Stellenwert in meinem Leben.

Wie weit ist eine Karriere planbar/machbar, ein Ziel erreichbar? Haben Sie positive oder negative Erfahrungen?
Eine Karriere muss und soll unbedingt geplant werden. Im Nachhinein weiss ich, dass es an einem selber liegt, herauszufinden, welche Schritte man als nächstes tun muss, um zum angestrebten Ziel zu gelangen. Man muss diese Schritte dann konsequent verfolgen und umsetzen, sein Licht nie unter den Scheffel stellen und seine Stärken ausspielen. Vor allem aber braucht es die Bereitschaft zu überdurchschnittlichem Arbeitseinsatz. Und man darf sich von Misserfolgen, die sich zwangsläufig einstellen werden, nicht entmutigen lassen.

Wie ist das Verhältnis von Planung und Arbeit gegenüber Zufall, Glück und Unglück?
Ich denke, dass der Anteil Planung, Arbeit, Fleiss und natürlich Können und Wissen grösser ist als der Anteil Zufall, Glück und Unglück. Natürlich kann man keine Stellen herbeizaubern, wo keine sind. Da gehört schon eine Portion Glück dazu, dass gerade in dem Moment, in dem man reif ist für den nächsten Karriereschritt, eine passende Stelle ausgeschrieben ist. Dazu braucht es auch eine grosse Flexibilität und die Bereitschaft, in eine andere Stadt zu zügeln.

Gab es einen markanten/unerwarteten Karrieresprung oder auch Karriereknick und was löste er aus?
Bei mir war es das Zusammenfallen meines Entscheids, mich in die administrative Richtung weiter zu entwickeln und der Besetzung der frei werdenden Stelle als stellvertretende Leiterin der Musikschule Basel. Ich musste nicht lange überlegen um zuzusagen, obwohl ich mir damals nicht vorstellen konnte, was diese Arbeit alles beinhaltete. Ich habe mich mit grossem Elan und Freude in diese Aufgabe gestürzt und bin an ihr gewachsen.

Wie schätzen Sie Brüche in Ihrer Karriere und/oder in der Karriere anderer ein?
Ein Karrierebruch ist nur dann schlimm, wenn man sich auf den nächsten Schritt versteift und sich darauf als einzige Möglichkeit fixiert. Als ich mich für die Leitung der Musikschule Basel bewarb, habe ich das im vollen Bewusstsein getan, dass ich diese Stelle nicht bekommen könnte. Mit 57 Jahren gehörte ich bereits zu den ältesten Kandidaten und gerne nimmt man für Leitungsstellen lieber Kandidaten, die nicht im eigenen Haus gross geworden sind. Hätte ich die Stelle nicht bekommen, wäre keine Welt zusammengebrochen. Ich wäre weiterhin mit Leib und Seele Gitarrenlehrerin und stellvertretende Leiterin geblieben.

Was war Ihrer Karriere besonders förderlich, was besonders schädlich?
Förderlich war sicher, dass ich mich mit grosser Offenheit allen anfallenden Problemen und Herausforderungen gestellt habe und immer nach einer Lösung gesucht habe. Was ich nicht konnte, nicht wusste, habe ich mir erarbeitet und erlernt. Ich verfüge über einen guten Überblick und kann viele verschiedene Dinge gleichzeitig im Focus behalten. Meine guten Kommunikationsfähigkeiten waren sicher auch von Vorteil. Schädlich war manchmal meine Forschheit und Zielstrebigkeit, mit der ich manche Dinge als «diktatorische Einzelmaske» durchsetzen wollte. Der Misserfolg holte mich aber schnell wieder auf den Boden der Realität zurück und hatte dann Einfluss auf mein Vorgehen beim nächsten Prozess.

Empfinden Sie Ihre Karriere (bisher) als gelungen?
Ja, ich fühle mich wohl in meiner Rolle, ich habe jeden Tag Freude an meiner Arbeit und geniesse die tägliche Zusammenarbeit mit den vielen künstlerischen Persönlichkeiten und wunderbaren Menschen. Die Arbeit bereichert mein Leben ungemein.

Muss man als Musiker/in stärker an seiner Karriere arbeiten als in einem anderen Beruf?
Als aktive Musikerin muss man unentwegt, jeden Tag, jede Minute an seiner Karriere arbeiten. Je berühmter man im Musikerzirkus ist, desto höher sind die Anforderungen und desto weniger wird einem ein Niveauabfall verziehen. Da muss man immer top sein. Ausruhen, Ferien machen das geht nicht, wenn der nächste Konzerttermin ansteht. Diese Entwicklung sieht man bereits in der Talentförderung an der Musikschule: Je besser jemand spielt, desto härter wird kritisiert!

Können Musikerkarrieren «von aussen» (von Lehrern, Agenten, Medien) gemacht werden?
Sicher können Musikerkarrieren «von aussen» gemacht werden. Es gibt heute viel mehr herausragende Musikerinnen und Musiker, als Karriere machen können. Warum die einen auf einmal am Starhimmel auftauchen, die anderen gleich guten aber nicht, hängt oft mit äusserlichen Faktoren zusammen: Welche Leute kenne ich, wer kann mir weiterhelfen, wie kann ich mein Aussehen attraktiv einsetzen, wie viel Geld will/kann ich in den Aufbau meiner Karriere investieren … das sind alles steuerbare Elemente. Nur herausragend gut spielen und darauf warten, dass man entdeckt wird, das funktioniert heute nicht mehr.
 


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2008 feierte die Schweizer Musikzeitung ihr 10-jähriges Bestehen. Dies war der Anlass, einen Blick auf ihre lange Vorgeschichte zu werfen. Siehe Artikel Vom Sängerblatt zur SMZ in: SMZ 1/2008, S. 5 ff.

Im Januar 2013 wurde die Schweizer Musikzeitung neu gestaltet und inhaltlich erweitert. Relaunch

Wir danken der Fondation Suisa, der Schweizerischen Interpretenstiftung, der Stiftung Phonoproduzierende und der Pro Helvetia für die Unterstützung dieses Neuauftritts.

Am 28. November 2014 beschloss die ausserordentliche Delegiertenversammlung des Vereins Schweizer Musikzeitung, die NZZ Fachmedien AG ab 1. Januar 2015 als Verlegerin und Herausgeberin der Schweizer Musikzeitung einzusetzen und den Verein Schweizer Musikzeitung zu liquidieren. Siehe Nachricht.

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Per 1. Oktober 2020 wird die Schweizer Musikzeitung von der Galledia AG übernommen. Siehe Mitteilung der CH Media.