Zum Thema Karriere 
Anna Brugnoni

Anna Brugnoni

Interview: SMZ, 03.09.2013

Alter: 58
Berufsbezeichnung: Leiterin der Musikschule Basel, Gitarristin und Sängerin
Werdegang: Gitarren- anschliessend Gesangsstudium, Gitarrenunterricht an der Musikschule Basel, solistische und chorische Gesangsauftritte, stellvertretende Leiterin der Musikschule Basel
heutige Position: Leiterin der Musikschule Basel, Musik-Akademie

Was verbinden Sie in der Musik mit dem Begriff «Karriere»?
Für mich gibt es zwei Stränge in der Karriereleiter als Musikerin, die sich in meinem Leben aufgetan haben. Der eine Weg führt über das aktive Musizieren in den Konzertbetrieb und beinhaltet, grob gesagt, folgende Kriterien: Bekanntheitsgrad, vielfältige und interessante Auftrittsmöglichkeiten an grossen Häusern, Zusammenspiel mit besten anderen Kammermusikpartnern, Steigerung der Verdienstmöglichkeiten, Intensität des «Gefragtseins».
Der zweite Weg führt in den administrativen Bereich in die Leitung von Musikschulen, Musikhochschulen, Musikbetrieben wie Konzertveranstaltern, Festivals, Musikstiftungen etc.
Ich kam irgendwann an den Scheideweg, wo ich mich fragen musste, welche Richtung ich nun einschlagen möchte. Da ich immer sehr gerne unterrichtet habe und die Pädagogik mich interessiert, ich ausserdem gerne organisatorische Herausforderungen übernehme, habe ich mich für den administrativen Bereich entschieden. Dies im vollen Bewusstsein, dass das Verfolgen einer Karriere als Musikerin dadurch nicht mehr weiter möglich war.

Sind Sie ein Einsteiger, Aufsteiger, Umsteiger, Aussteiger?
Ich bin eine Einsteigerin, da ich vor meiner administrativen Tätigkeit ausschliesslich als aktive Musikerin und Instrumentallehrerin tätig war. Bewusst habe ich diesen Weg gewählt und eine Musikschulleiterausbildung gemacht.
Ich bin eine Aufsteigerin, da ich nun mehr Verantwortung trage für einen grossen Betrieb und ca. 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Auch im Sinne des Verdienstes bin ich eine Aufsteigerin, da ich nun mehr verdiene als eine Lehrperson.
Ich bin eine Umsteigerin, da ich in einem völlig neuen Tätigkeitsfeld arbeite, welches sich sehr deutlich von meiner vorherigen Tätigkeit als aktive Musikerin unterscheidet. Doch ohne meine vorherige Berufserfahrung könnte ich diese Stelle nicht ausfüllen.
Ich bin keine Aussteigerin, da ich immer noch aktiv Musik mache.

Welche Erwartungen haben/hatten Sie an Ihre Karriere?
Ich hatte und habe die Erwartung, dass die Arbeit immer spannend bleibt, dass es immer wieder neue Herausforderungen gibt und sich keine Routine einschleicht. Mein Wissens- und Erfahrungshorizont muss sich ständig erweitern. Ich kann mich mit Menschen auf der gleichen Karrierestufe vernetzen und lerne durch sie. Der höhere Verdienst gehört meiner Meinung nach ebenfalls zu den Erwartungen an eine Karriere und dieser Fakt sollte nicht aus falscher Bescheidenheit heruntergespielt werden und wie bei Frauen häufig durch Idealismus kompensiert werden.

Welchen Stellenwert hat die berufliche Karriere in Ihrem Leben?
Ich arbeite gerne und bin vor allem auch bereit, mich über das übliche Mass hinaus beruflich zu engagieren. Das im Beruf Erreichte ist mir sehr wichtig und hat einen hohen Stellenwert in meinem Leben.

Wie weit ist eine Karriere machbar, ein Ziel erreichbar? Haben Sie positive oder negative Erfahrungen?
Eine Karriere muss und soll unbedingt geplant werden. Im Nachhinein weiss ich, dass es an einem selber liegt, herauszufinden, welche Schritte man als nächstes tun muss, um zum angestrebten Ziel zu gelangen. Man muss diese Schritte dann konsequent verfolgen und umsetzen, sein Licht nie unter den Scheffel stellen und seine Stärken ausspielen. Vor allem aber braucht es die Bereitschaft zu überdurchschnittlichem Arbeitseinsatz. Und man darf sich von Misserfolgen, die sich zwangsläufig einstellen werden, nicht entmutigen lassen.

Wie ist das Verhältnis von Planung und Arbeit gegenüber Zufall, Glück und Unglück?
Ich denke, dass der Anteil Planung, Arbeit, Fleiss und natürlich Können und Wissen grösser ist als der Anteil Zufall, Glück und Unglück. Natürlich kann man keine Stellen herbeizaubern, wo keine sind. Da gehört schon eine Portion Glück dazu, dass gerade in dem Moment, in dem man reif ist für den nächsten Karriereschritt, eine passende Stelle ausgeschrieben ist. Dazu braucht es auch eine grosse Flexibilität und die Bereitschaft, in eine andere Stadt zu zügeln.

Gab es einen markanten Karrieresprung oder auch Karriereknick und was löste er aus?
Bei mir war es das Zusammenfallen meines Entscheids, mich in die administrative Richtung weiter zu entwickeln und der Besetzung der frei werdenden Stelle als stellvertretende Leiterin der Musikschule Basel. Ich musste nicht lange überlegen um zuzusagen, obwohl ich mir damals nicht vorstellen konnte, was diese Arbeit alles beinhaltete. Ich habe mich mit grossem Elan und Freude in diese Aufgabe gestürzt und bin an ihr gewachsen.

Wie schätzen Sie Brüche in Ihrer Karriere und/oder in der Karriere anderer ein?
Ein Karrierebruch ist nur dann schlimm, wenn man sich auf den nächsten Schritt versteift und sich darauf als einzige Möglichkeit fixiert. Als ich mich für die Leitung der Musikschule Basel bewarb, habe ich das im vollen Bewusstsein getan, dass ich diese Stelle nicht bekommen könnte. Mit 57 Jahren gehörte ich bereits zu den ältesten Kandidaten und gerne nimmt man für Leitungsstellen lieber Kandidaten, die nicht im eigenen Haus gross geworden sind. Hätte ich die Stelle nicht bekommen, wäre keine Welt zusammengebrochen. Ich wäre weiterhin mit Leib und Seele Gitarrenlehrerin und stellvertretende Leiterin geblieben.

Was war Ihrer Karriere besonders förderlich, was besonders schädlich?
Förderlich war sicher, dass ich mich mit grosser Offenheit allen anfallenden Problemen und Herausforderungen gestellt habe und immer nach einer Lösung gesucht habe. Was ich nicht konnte, nicht wusste, habe ich mir erarbeitet und erlernt. Ich verfüge über einen guten Überblick und kann viele verschiedene Dinge gleichzeitig im Focus behalten. Meine guten Kommunikationsfähigkeiten waren sicher auch von Vorteil. Schädlich war manchmal meine Forschheit und Zielstrebigkeit, mit der ich manche Dinge als «diktatorische Einzelmaske» durchsetzen wollte. Der Misserfolg holte mich aber schnell wieder auf den Boden der Realität zurück und hatte dann Einfluss auf mein Vorgehen beim nächsten Prozess.

Empfinden Sie Ihre Karriere (bisher) als gelungen?
Ja, ich fühle mich wohl in meiner Rolle, ich habe jeden Tag Freude an meiner Arbeit und geniesse die tägliche Zusammenarbeit mit den vielen künstlerischen Persönlichkeiten und wunderbaren Menschen. Die Arbeit bereichert mein Leben ungemein.

Muss man als Musiker/in stärker an seiner Karriere arbeiten als in einem anderen Beruf?
Als aktive Musikerin muss man unentwegt, jeden Tag, jede Minute an seiner Karriere arbeiten. Je berühmter man im Musikerzirkus ist, desto höher sind die Anforderungen und desto weniger wird einem ein Niveauabfall verziehen. Da muss man immer top sein. Ausruhen, Ferien machen das geht nicht, wenn der nächste Konzerttermin ansteht. Diese Entwicklung sieht man bereits in der Talentförderung an der Musikschule: Je besser jemand spielt, desto härter wird kritisiert!

Können Musikerkarrieren «von aussen» (von Lehrern, Agenten, Medien) gemacht werden?
Sicher können Musikerkarrieren «von aussen» gemacht werden. Es gibt heute viel mehr herausragende Musikerinnen und Musiker, als Karriere machen können. Warum die einen auf einmal am Starhimmel auftauchen, die anderen gleich guten aber nicht, hängt oft mit äusserlichen Faktoren zusammen: Welche Leute kenne ich, wer kann mir weiterhelfen, wie kann ich mein Aussehen attraktiv einsetzen, wie viel Geld will/kann ich in den Aufbau meiner Karriere investieren … das sind alles steuerbare Elemente. Nur herausragend gut spielen und darauf warten, dass man entdeckt wird, das funktioniert heute nicht mehr.
 


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