Günstige Umstände und die Kunst, sie zu nutzen

Fleiss, Talent, Ausdauer und eine Prise Menschenkenntnis sind die Grundbedingungen einer erfolgreichen Karriere. So ganz ohne glückliche Zufälle geht es aber selten. Die hier folgenden vollständigen Zitate ergänzen den Artikel «Am seidenen Faden des Glücks» von Hanspeter Künzler in der Ausgabe 3/2026.

Die Zitate sind in alphabetischer Reihenfolge der Vornamen aufgelistet. Hanspeter Künzler hat die Musikschaffenden im Frühling nach «Sliding-Doors-Momenten» gefragt, wo Zufall und Glück dem Weg wichtige neue Impulse gaben.

Gini Jungi by Danny Koetter

Gini Jungi (Annie Taylor)

Cooles Thema … eines, das mich fast täglich begleitet, denn ich habe tatsächlich immer wahnsinnig viel «Glück».

Ich habe mir dazu ein paar Gedanken gemacht und bin irgendwie immer wieder beim Gleichen gelandet: Das Glück ist sehr oft einfach nur um die Ecke, aber man muss auch parat dafür sein, es sehen und annehmen.

Viele Momente, in denen ich wohl «Glück» hatte, hatten auch mit viel Resilienz, Arbeit und Hartnäckigkeit zu tun. Es heisst ja schliesslich nicht umsonst: «Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied.» Denn niemand hat auf einen gewartet, und man muss proaktiv sein, um Chancen zu nutzen, die auch als «Glück» deklariert werden könnten.

Zum Beispiel: Als ich unbedingt ein US-Booking wollte, schrieb ich meinem heutigen Agenten, dass ich nächste Woche in L.A. sei und ob er mit mir einen Kaffee trinken gehe. Ich hatte kein Ticket nach L.A. und keinen Urlaub geplant. Als ich Glück hatte und er «Ja, why not» schrieb, buchte ich mir ein Ticket und flog nach L.A. … Wir haben nun drei US Touren gespielt – Glück gehabt, aber eben auch proaktiv.

Ansonsten würde ich sagen, dass mein «Sliding-Moment» folgender war:

Ein Freund fragte mich, ob ich für die Kebab-Bude, bei der er im Sommer aushalf, ein Banner zeichnen könne. Die Bude mit dem Banner wurde am Zürich Openair aufgestellt und ich bekam als Bezahlung Openair-Tickets. So stand ich dann da, unwissend, dass dieser Abend alles Gang setzen würde. Ich sah mir einige Bands an und landete schliesslich bei einem Konzert einer Band, die ich wenige Wochen zuvor auf KEXP entdeckt hatte. Wolf Alice. Nach dem Konzert wusste ich: Ich muss jetzt auch eine Band gründen, damit wir eines Tages Support für Wolf Alice sein können. Das sieht nach Spass aus, das möchte ich auch machen. Und so war es dann auch.

Am 22. Mai ist das neue Album von Annie Taylor erschienen.

Janine Cathrein by Paul Maerki

Janine Cathrein (Black Sea Dahu)

Ich möchte antworten, ohne es gross zu Tode zu denken: Ich kam vom Sommerlager nach Hause, wo ich zum ersten Mal ein paar Gitarrenakkorde gelernt hatte. Ich war angefressen und nur ein paar Tage später kam mein Papa nach Hause mit einer Gitarre in der Hand, die er bei einem Strassenflohmi für 50 Franken per Zufall gesehen hat, als er auf Montage war, er war Innendekorateur. Was für ein Glück das für mich war, was für eine Inspiration, und wie schön, dass mein Papa meine Angefressenheit mit dem Gitarrespielen ohne zu zögern gleich genährt hat.

Joana Aderi by Michelle Ettlin

Joana Aderi (Komponistin, Musikerin)

Von der Persönlichkeit her neige ich dazu, die Realität auf der anderen Seite der Sliding Doors sofort als neue Normalität anzunehmen. Retrospektiv erscheint es mir dann völlig naheliegend, dass ich durch diese Türen geschlüpft bin und sich alles so ergeben hat … Also keine prägnanten Fügungsgefühle meinerseits.

Im Prozess einer längeren Psychotherapie gab es jedoch einen absoluten Schlüsselmoment. Nämlich als mein ganzer Körper bis in die Tiefe verstanden hat, dass Selbstwert und Musik entkoppelt werden können. Seit diesem Tag exponiere ich mich musikalisch richtig gern, davor war’s oft mit Leiden verbunden.

Nicole Johänntgen by Holger Jacob

Nicole Johänntgen (Saxofonistin)

Mitte August 2025 wurde ich zu einem Vortrag über Glück eingeladen. Ich hatte mich ca. sechs Monate intensiv mit Glück und dessen Bedeutung beschäftigt. Ich nutze oft die Redenwendung «Jetzt habe ich aber Glück gehabt in alltäglichen Momenten. Für mich gibt es verschiedene Glücksmomente. Ich beziehe es auf meine Berufung. Ich bin Jazzmusikerin und liebe es, mein Instrument zu erkunden und meine Liebe zur Musik über Musik an andere Menschen weitergeben zu können.

Ich bin gerade auf Südfrankreich-Andalusien-Tour und das Feedback an alle meine Mitmusiker ist, dass wir so glücklich ausschauen und aber auch einen Spagat zwischen unserer gesellschafts-politischen Lage und der Leichtigkeit im Spiel machen. Es «gelingt» uns, die Menschen mitzunehmen. Ich erlebe dieses Glück in jedem Konzert. Wir üben und üben, doch da ist die Energie, die du nicht üben kannst, sondern die sich wie ein magischer Faden durch den Raum spannt. Das nenne ich Glück und was fällig ist, fällt einem irgendwann zu. Etwas, was ich nicht mit Worten beschreiben kann.

Ich hatte aber dennoch zwei Schlüsselerlebnisse, die mir dieses Glück, die Kraft der Musik, die Kunst dessen zu spüren und weiterzugeben, näherbrachte. Ich war noch im Studium, als ich eingeladen wurde, bei der IASJ (International Association of Schools of Jazz) als Saxofonistin in Helsinki mitzuwirken. Unter der Leitung von David Liebman kamen viele Jazzmusikerinnen und Jazzmusiker zusammen, wurden in Gruppen eingeteilt, und haben zusammengespielt. Und dann gab es diesen einen Moment. Ich spielte in einer Band mit dem US-Drummer Brandon Lewis zusammen. Wir spielten einen Jazz-Standard und da passierte es. Ich fiel in Trance. Ich kann mich nur noch dran erinnern, als ich plötzlich erwachte. Das war das Ende des Saxofon-Drum-Solos. Ich weiss nicht mehr was passierte in diesen zwei oder drei Minuten? Es war aber so atemberaubend, dass mir klar wurde, das will ich. Das war für mich ein sehr starkes und konkretes Glücksgefühl in der Musik.

Das Gleiche passierte mir fünf Jahre später. Wieder im Improvisationsbad mit Drums und Saxofon. Und dann habe ich realisiert, dass da was passiert. Da wusste ich, das ist kein Zufall mehr, sondern das soll so sein. Und diese Energie, die sich da aufbaute, spiegelte sich im Publikum wider. Trance-Zustand pur.

Nik Bärtsch by Christian Senti

Nik Bärtsch (Ronin, Mobile, Solopiano)

 Da möchte ich Bandleader Pepe Lienhard zitieren: «Wenn das Glück kommt, muss man parat sein.» Mir kommt kein Moment in den Sinn, der pures Glück war. Fügung schon eher, also das Zusammenspiel von Vorbereitung, Intuition und von Kräften, die nicht in meiner Hand liegen. Wir vermischen wohl auch oft Schicksal und Glück. Wer weiss schon, was das für Kräfte sind, ob sie überhaupt real sind? Defensive Menschen nennen Glück Privilegien und kreative Menschen nennen Glück Chancen.

Richard Köchli by Christophe Losberger

Richard Köchli (Bluesmusiker, Autor)

Ich würde erst mal sagen, als gläubiger Christ gibt es da bei mir zwei Ebenen – die klingt nicht sehr spektakulär und sexy: Ich bin vollkommen überzeugt und habe immer und immer wieder erfahren, dass die «Sliding-Doors-Momente» jeden Tag stattfinden, auch im Beruf und gerade auf der Bühne – dem Inbegriff für das Agieren im Hier und Jetzt. Ich habe derart viele solche Momente erlebt, wo ich mich getragen, inspiriert und frei fühlte auf der Bühne, obwohl es dafür nicht den geringsten Grund (etwa das sogenannte «Selbstbewusstsein») gegeben hätte, sondern nur Angst und Ungewissheit. Glück und Zufall also haufenweise; jeder gelungene, berührende Ton (auf der Gitarre wie beim Gesang) ist – ich spiele Songs nie zwei Mal gleich – im Grunde Glück und Zufall. Und eben … es ist kein Eigenverdienst.

Drei Beispiele aus meiner Karriere, wo es aufgrund glücklicher Fügungen – und aufgrund von wunderbaren Menschen, die es inszenierten – einen gehörigen Ruck gab:

Beispiel 1)
Polo Hofer. Ende der 1990er-Jahre wurde Polo auf mich aufmerksam (ich glaube, es passierte aufgrund einer Empfehlung von Hank Shizzoe) und wir begegneten uns dann auch zwei, drei Mal auf der Bühne und im Studio. Polo gab mir zu verstehen, dass ich in seinen Augen ein «Künstler» sei (eine gehörige Portion Honig, ich genoss sie); er erwähnte meinen Namen auch einige Male in den Medien – und irgendwann Anfang der 2000er-Jahre, im Interview für die renommierte Kulturbeilage einer grossen Tageszeitung, musste er auf verschiedene neunmalkluge Fragen antworten. Eine davon war: «Züri West oder Patent Ochsner?» Polo, schlagfertig wie er war, antwortete mit: «Richard Koechli» … Das war in der Szene für mich der Ritterschlag.

Beispiel 2)
Bei einem Blueskonzert in Luzern, ich glaube Ende der 1990er-Jahre, erhielt ich die Gelegenheit, als Slidegitarrist spontan für ein, zwei Songs beim renommierten US-Blueser Larry Garner mitzuspielen. Larry sagte danach noch auf der Bühne zu mir: «Ich werde mich an deinen Namen und an dein Gesicht nicht erinnern – aber deine Slidegitarre werde ich nie vergessen.» Das war der persönliche Ritterschlag in der Blues-Szene; von da an wusste ich: «Mit der Slidegitarre (und nur mit ihr) kannst du auf jeder Bühne und in jedem Kontext dieser Welt auf Augenhöhe frei aufspielen. Es ist dein Joker.»

Beispiel 3)
Vor allem am Anfang meiner Karriere – als ich noch nicht Sänger war und «nur» instrumental arbeitete – träumte ich stets davon, interessante Jobs in der Filmmusik-Szene zu erhalten. Ich hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich dort eine Tür aufstossen könnte (quasi jeder Slidegitarren-Job in der Film- und Werbe-Branche ging damals an Max Lässer, mit gutem Recht), und es passierte für mich rein gar nichts in dieser Richtung. Fast 20 Jahre später (2012), ich dachte längst nicht mehr an den Filmmusik-Traum, kam plötzlich die Anfrage von Peter Von Siebenthal (ex-Züri West) – Peter war inzwischen ein renommierter Filmmusik-Produzent, und er suchte Bluesmusik für einen Spielfilm. Das Projekt war noch nicht konkret; ich schickte ihm ein paar Aufnahmen von mir, hörte dann ein Jahr lang nichts mehr – und dann, ich hatte das Ganze bereits vergessen, kam die Zusage: Du spielst Gitarrenmusik zur Verfilmung des Pedro Lenz-Erfolgsromans Der Goalie bin ig. Das war an sich bereits ein Highlight für mich – die Arbeit mit Peter zusammen war derart locker, inspirierend und frei, dass ich mir schon beinahe unverschämt vorkam: Ich improvisierte zu laufenden Filmszenen und hatte noch nie zuvor (und nie danach) auf spielerische Weise derart gutes Geld verdient. Der eigentliche Knüller kam aber danach – als dieser Film 2014 bei der Schweizer Filmpreisverleihung flächendeckend abräumte und wir auch für die Filmmusik ausgezeichnet wurden. By the way, einer von uns beiden musste die Dankesrede halten; Peter wollte das auf gar keinen Fall, und ich – als Stotterer – griff zum Kunstgriff, die Rede singend zu halten (https://www.srf.ch/play/tv/kultur-extras/video/beste-filmmusik-peter-von-siebenthal-und-richard-koechli?urn=urn:srf:video:3c6a76a8-3e78-4061-84df-306493765c63). Das wurde zur Attraktion des Abends – alle meinten, der Koechli sei ein unglaublich origineller Kerl, haha, wo es doch bloss eine (vorbereitete) Notlösung war. Fazit: Den Filmmusik-Traum hatte ich damals längst ausgeträumt gehabt. Wenn du Träume aufgibst, nichts erzwingen willst und vom Schicksal auch nichts erwartest – können Türen plötzlich unverhofft aufgehen, und du gewinnst z.B. eben beim ersten Filmmusik-Job gleich den Schweizer Filmmusikpreis. Für mich stimmt somit die Formel «hör nie auf zu träumen» definitiv nicht …

Alle drei Beispiele zeigen, dass diese Sliding-Doors-Momente immer und ohne Ausnahme von Menschen ermöglicht werden, die für andere Menschen irgendetwas tun und ihnen eine Chance oder auch «nur» ein konstruktives Feedback geben. Das ist der freie Wille des Menschen – Gott kann nur durch Menschen wirken und Türen öffnen. Der Mensch muss das Spiel nicht mitmachen, wenn er nicht will. Jeder glückliche Mensch allerdings versucht, diese Rolle zu spielen – weil er weiss, dass auch sein Glück nur dadurch ermöglicht wurde.

Simon Borer by Christian Neuenschwander

Simon Borer (Long Tall Jefferson, Löwenzahnhonig)

Fai Baba und ich kannten uns mehr oder weniger flüchtig aus der Musikszene, über die Jahre mal hier oder dort am selben Festival gespielt und kurz Hallo gesagt, etc.

Im Spätherbst 2021 haben wir uns dann bei Till Ostendarps grossem «BlauBlau Alle Sterne» im Dachstock der Reitschule Bern ein bisschen besser kennengelernt. Und dann haben wir uns für den 21. Dezember 2021 in meinem Studio verabredet zum Hängen und Gitarre spielen. Als wir gemeinsam in den Keller hinunterstiegen, habe ich schnell realisiert, dass mein Studiopartner Paul Märki dummerweise schon da ist – ich hatte vergessen, eine Reservation in unserem Studio-Kalender zu machen, so doof!

Etwas beschämt stelle ich also Paul und Fai einander vor. Während Paul seine Sachen zusammenpackt, beginnt Fai auf seiner Gitarre zu spielen und wir hangeln uns durch den Smalltalk. Irgendwie entsteht die Idee, dass wir ja auch alle drei zusammen spontan etwas aufnehmen könnten. Paul setzt sich ans Drum, ich nehme den Bass und los gehts. Ein paar Stunden später laufen wir begeistert und etwas ungläubig mit einem fertigen Instrumental-Tune namens Winter Solstice aus dem Studio.

Über die Weihnachtszeit haben wir dann voller Stolz unseren Familien und Freunden diese Musik gezeigt, und sie freuten sich mit. Also mussten wir uns nochmal treffen und schauen, ob’s wieder funktioniert – und das tat es! So entstand unser Debütalbum Löwenzahnhonig. Wir konnten uns nicht ausmalen, was alles noch kommen würde.

Nächste Woche fahren wir zum wiederholten Mal auf Europatour mit unserem zweiten Album Kirschblütenboogie, diesmal bis nach England. Die Show in London ist schon seit Wochen ausverkauft. All das wäre nicht passiert, hätte ich im Dezember 2021 eine Reservation im Studiokalender gemacht.

Valeria Curti by Matthias Mueller

Valeria Curti (Solo-Fagottistin, Dozentin)

Ich frage mich das oft, wieso ich in meiner Karriere da stehe, wo ich stehe: Dozentin an der Hochschule der Künste Bern und Solo-Fagottistin im Musikkollegium Winterthur. Wo würde ich heute sein, wenn mir andere Türen geöffnet worden wären?

In meine Ausbildung habe ich viel investiert, besonders im Alter von 14 bis 25 Jahren habe ich etliche Stunden mit meinem Instrument, dem Fagott, verbracht, mich täglich gefilmt, analysiert und verbessert.

Heute weiss ich, dass diese Investition alleine aber nicht gereicht hätte. In der Mathematik gibt es richtig oder falsch – in der klassischen Musik, in der Kunst allgemein, ist das alles etwas komplizierter …

Als ich 19 Jahre alt war, habe ich für das Praktikum im Musikkollegium Winterthur vorgespielt, und das «Glück» gehabt, dass meine Art den musikalischen Geschmack der Jury getroffen hat – insbesondere den des damaligen Solo-Fagottisten. Ich denke, er hat etwas in meinem Spiel gehört, das ihn berührt hat. Dabei darf man natürlich nicht vergessen, dass ich vor und nach diesem Moment an etlichen anderen Probespielen nicht in die engere Auswahl kam.

Ich fühlte mich in dem Holzbläser Register des Musikkollegiums auf Anhieb sehr wohl und konnte mich gut klanglich mischen – die Chemie hat gestimmt! Und so geschah es, dass ich mich musikalisch und persönlich im Musikkollegium Winterthur neben meinem Mentor weiterentwickeln durfte. Drei Jahre später ging «glücklicherweise» der 2. Fagottist des Orchesters in Pension, der die Stelle für mehr als 30 Jahre besetzt hatte und mir gelang es, mich am Probespiel gegen alle anderen durchzusetzen.

Obwohl ich mich auf der Stelle des zweiten Fagottes wohl gefühlt habe, spürte ich klar, dass ich der Welt mehr von mir und meiner musikalischen Persönlichkeit zeigen möchte, und machte Probespiele für Solo-Fagott Positionen in Lugano und München – ohne Erfolg.

Mein Karrieresprungbrett hat sich durch ein sehr trauriges Ereignis ergeben: Mein Kollege, mein Mentor und Vorbild, erkrankte schwer und verstarb im Jahr darauf. Er war nicht nur Solo-Fagottist des Musikkollegiums Winterthur, sondern auch Dozent an der Hochschule der Künste Bern. Und so geschah es, dass ich nach verschiedenen Verfahren in seine Fussstapfen treten durfte, in Bern sowie in Winterthur. Manchmal ist es für mich schwierig, auf seinem Platz zu spielen, denn je nach Stück kommen Erinnerungen an ihn hoch, die mich traurig stimmen. Aber ab und zu passiert es, dass ich kurze Passagen nicht wie «ich», sondern unbewusst wie «er» spiele, zum Beispiel bei Brahms Sinfonien, die ich etliche Male neben ihm gespielt habe und seine Spielart unbewusst aufgesogen habe. Diese Momente rutschen mir dann so quasi heraus. Das bringt mich dann oft zum Schmunzeln.

Ich wünschte, er würde noch heute auf seinem Stuhl in Winterthur sitzen und uns alle mit seinem Spiel inspirieren. Ich wäre einfach einen anderen Weg gegangen und würde heute vermutlich irgendwo anders meine Musik machen und/oder lehren, denn in meiner Jugend habe ich genug dafür investiert und heute Ressourcen, auf die ich zurückgreifen kann, auch dank meinen Eltern, die mir diesen Weg ermöglicht haben.

Nachtrag vom 18. Mai: Gerade vor zwei Tagen hat sich mein Lebenslauf noch geändert. Habe ein Probespiel gewonnen und werde ab nächster Saison als Solo-Fagottistin im Orchester Santa Cecilia in Rom spielen.

Veronica Fusaro by Nils Sandmeier

Veronica Fusaro (Sängerin, Songschreiberin – protokolliert vor ihrem ESC-Auftritt)

Sitze grad im Makeup-Stuhl und habe eine Minute, um dir antworten zu können 🙂 Ich glaube nicht an den einen entscheidenden Sliding-Doors-Moment, in dem plötzlich alles kippt. Rückblickend ist es eher die Summe viel kleiner Entscheidungen, Begegnungen und Erfahrungen, die meinen Weg geprägt haben. Diese einzelnen Schritte haben mich Stück für Stück in dem bestätigt und gestärkt, was ich heute mache. Spannend ist aber: Gerade aktuell habe ich das Gefühl, dass sich vieles verdichtet und plötzlich klarer wird, als würden sich diese Entwicklungen jetzt zu einem grösseren Bild zusammenfügen.

 

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