Memory research

Melanie Unseld gibt in «Musik und Erinnerung» eine Einführung in musikwissenschaftliche Erinnerungsforschung.

Photo: Etienne Girardet / unsplash.com

«Das Gedächtnis ist etwas, über das wir Interpreten nicht gerne sprechen – vor allem, weil wir fürchten, es zu verlieren.» So sagte es einmal die kanadische Pianistin Angela Hewitt. Dass Profis stundenlang und in der Regel fehlerfrei auswendig spielen können, ist ja im Grunde ein Wunder. In der Tat ist unser Gehirnspeicher ebenso faszinierend wie kaum zu durchdringen. Jenseits des äusserst komplexen und bisher kaum erforschten Zusammenspiels von Hundert Billionen Synapsen gilt das auch für das Themengebiet «Musik und Erinnerung». Es leuchtet zwar unmittelbar ein, ist aber doch schwer fassbar.

Musik und Erinnerung von Melanie Unseld ist ein Studienbuch. Die in Wien lehrende Professorin will einen Überblick geben über musikwissenschaftliche Perspektiven eines Themas, das wesentlich von der Kulturwissenschaft forciert wurde, etwa durch Jan Assmanns Buch Das kulturelle Gedächtnis. Identitäten spielen also eine Rolle, etwa dort, wo die im Unterbewussten verankerte Marseillaise oder andere Hymnen nationales Bewusstsein stiften. Andere Forschungsbereiche bestehen in Aspekten der Kanonbildung und Rezeptionsforschung. Warum wird an manches erinnert und warum nicht? Warum haben sich diese oder jene Komponisten und weit weniger Komponistinnen durchgesetzt? Mit solchen Fragen berührt Unseld natürlich auch Denkmalpflege und Politik. Sie erwähnt zum Beispiel das vorübergehende Verbot der Marseillaise, die aufgrund ihres volksrevolutionären Potenzials eine Zeit lang ebenso aus der Erinnerung verschwinden sollte wie manche Werke russischer Komponisten, die unter Josef Stalin verboten wurden.

Es ist nicht immer leicht, Unseld zu folgen. Kleinteilig wechselt sie die Perspektiven. Von der unbedingt wichtigen Rolle der Musik in lebenslang prägenden Teenie-Jahren springt sie zur Musikdidaktik, zur Demenzforschung oder zu einer verfälschenden Erinnerung, die in der Biografik gang und gäbe ist. Damit nicht genug, spielen Erinnerungen auch in die Kompositionsästhetik hinein. Komponisten erinnern an Vorläufer, indem sie zitieren. Und: Sonatenhauptsatzformen, Variationssätze, Strophen und Refrains machen deutlich, dass Musik fast immer auf der Tastatur der Erinnerung spielt. Die besondere Engführung resümiert Unseld, indem sie über Zeiterfahrungen schreibt: «Musik kann auf dreierlei Weise mit Zeit umgehen. Sie kann Zeit konstruieren (durch Rhythmen oder Formverlauf, durch Komposition), Zeit imaginieren (zum Beispiel mit historischer Aufführungspraxis oder Musikgeschichtsschreibung) und macht Zeit wahrnehmbar (etwa durch die Korrelation zum Herzschlag oder wenn beim Üben oder beim Konzertbesuch Zeit verstreicht).»

Wohin die Reisen des komplexen Forschungsgebiets führen, ist einstweilen nicht absehbar. Schön ist, dass Unselds hervorragend lektoriertes Buch von kühler Formalistik hinführt zu einer menschennahen Musikbetrachtung. Am Ende ist aber nicht zu übersehen, dass Erinnerung (bisher) schwer fassbar, ja oft auch individuell sehr verschieden ist. Insofern hat Musik wiederum mit Erinnerung zu tun, weil beide Bereiche wie ein Pudding wirken, der nicht an die Wand zu nageln ist.

Melanie Unseld: Musik und Erinnerung – Ein Studienbuch, 298 S., € 29.90, Rombach Wissenschaft, Baden-Baden 2025, ISBN 978-3-96821-886-1  

Das könnte Sie auch interessieren