{"id":42369,"date":"2014-12-04T00:00:00","date_gmt":"2014-12-03T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/allgemein\/2014\/12\/musik-zum-lesen"},"modified":"2025-07-07T11:04:33","modified_gmt":"2025-07-07T09:04:33","slug":"musik-zum-lesen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/en\/smz\/2014\/12\/musik-zum-lesen","title":{"rendered":"Music for reading"},"content":{"rendered":"\n\n<p><img class=\"size-full\" alt=\"\" \/><\/p>\n<figure id=\"attachment_65971\" aria-describedby=\"caption-attachment-65971\" style=\"width: 1334px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-65971\" src=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web.jpg\" alt=\"\" width=\"1334\" height=\"1000\" srcset=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web.jpg 1334w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-1024x767.jpg 1024w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-1536x1151.jpg 1536w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-16x12.jpg 16w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-234x175.jpg 234w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-467x350.jpg 467w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-1067x800.jpg 1067w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-920x689.jpg 920w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-1400x1049.jpg 1400w\" sizes=\"auto, (max-width: 1334px) 100vw, 1334px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-65971\" class=\"wp-caption-text\">Foto (Ausschnitt): Kaspar Ruoff<\/figcaption><\/figure>\n<div class=\"main-content article clearfix\">\n<div class=\"text-section\">\n<p>Musik braucht nicht immer eine B\u00fchne. Manchmal reichen ihr zwei Buchdeckel, um zu entstehen. Wobei Texte \u00fcber Musik, die fl\u00fcchtige Kl\u00e4nge mit W\u00f6rtern begreifbar machen wollen, nat\u00fcrlich gel\u00e4ufig sind. Doch diese Beschreibungen versuchen meist \u00abnur\u00bb, das Geh\u00f6rte, das ein anderer komponiert und gespielt hat, aufs Papier zu bannen. Seltener und ungew\u00f6hnlicher ist es dagegen, wenn die Musik \u00fcberhaupt erst im literarischen Text entsteht, ohne l\u00e4stige Interpreten sozusagen, allein und direkt im Kopf des Lesers. Musikalisierte Sprache, wie zum Beispiel Kurt Schwitters <em>Ursonate<\/em>, das Paradebeispiel der Lautdichtung, ist damit nicht gemeint. Vielmehr geht es um eine Musik, die im Stillen bleibt, also nie wirklich erklingt \u2013 sofern sich nicht jemand die M\u00fche macht, diese \u00abliterarische Musik\u00bb in Schallwellen umzusetzen. Sie erklingt einzig im Kopf, was allerdings nicht zwangsl\u00e4ufig heisst, dass die Musik weniger realistisch ist, und schon gar nicht, dass sie eine stille Musik sein muss. Hermann Burgers Roman <em>Schilten<\/em> ist daf\u00fcr das beste Beispiel. Burger l\u00e4sst seinen Anti-Helden Armin Schildknecht n\u00e4mlich kr\u00e4ftig in die Tasten greifen. Wenn sich der frustrierte Volksschullehrer an sein Harmonium in der M\u00f6rtelgrube unterhalb der Turnhalle setzt, dann beschw\u00f6rt er schon mal die Apokalypse herauf, l\u00e4sst das Inventar beben oder taucht seine Zuh\u00f6rer in \u00abstille Umnachtung\u00bb oder eine \u00abschwerm\u00fctige Trance\u00bb.<\/p>\n<p>Dem Leser wird die literarisch komponierte Musik ebenso wie der gesamte \u00abSchulbericht zuhanden der Inspektorenkonferenz\u00bb \u2013 wie Burger seinen Roman untertitelt \u2013 sprachgewaltig um die \u00abinneren\u00bb Ohren gehauen. Die Hauptperson Schildknecht liefert hier in der Ich-Form einen Bericht \u00fcber den Zustand der Schiltener Schule ab, der gleichzeitig eine monierende Psycho-Selbstanalyse sowie das facettenreiche Zeugnis einer hochgradigen psychischen Pathologie darstellt: \u00abMein freiwilliger Arrest wird dadurch entsch\u00e4rft, dass ich zusammen mit meinem geliebten Harmonium eingesperrt bin. Die gemischte Schul- und Friedhofspflege von Schilten gab mir ein Instrument, zu sagen, was ich leide.\u00bb Die Musik bietet bei Burger einen Zugang in die tiefsten Abgr\u00fcnde der Romanfigur und damit \u2013 was nahe liegt \u2013 auch in die seelischen Abgr\u00fcnde des Autors selbst: Was das Harmonium spielt, wird zu einem morbiden Soundtrack, der Schildknechts Selbstmitleids-Exzesse begleitet und seinem Kampf mit der Umwelt Ausdruck verleiht: \u00abF\u00fcr die Dauer des Zwischenspiels jedoch sind sie [die Trauerg\u00e4ste] meiner Botschaft ausgesetzt. In der ersten Fantasie arbeite ich mit dem einfachen Trick der Panik in geschlossenen R\u00e4umen. Mit Oktavspr\u00fcngen greife ich die Proportionen des schabzigergr\u00fcnen Ungemachs, lasse auch die k\u00fchle Gruft der M\u00f6rtelkammer in meinem R\u00fccken erstehen, so dass die Trauerg\u00e4ste enger zusammenr\u00fccken und \u00e4ngstlich nach den Ausg\u00e4ngen schielen.\u00bb<\/p>\n<p>Obwohl die Musik in <em>Schilten<\/em> viel Raum einnimmt, ist sie nicht das Thema des Buches. Denn der Roman w\u00e4re schliesslich auch ohne die \u00abliterarische Musik\u00bb denkbar. Eine ganz andere Rolle spielt die Musik in dem kleinen autobiografischen B\u00fcchlein von Marina Zwetajewa <em>Mutter und die Musik<\/em>. Obwohl im Titel enthalten, erklingt darin fast nie Musik. Die Autorin beschreibt daf\u00fcr umso poetischer ihre problematische Haltung zur ihr. Die Mutter wollte sie zur Musikerin erziehen, doch das t\u00e4gliche Klavier\u00fcben war f\u00fcr das M\u00e4dchen Marina eine einzige Frustration, mit der sie st\u00e4ndig konfrontiert wurde: \u00abWenn ich nicht spielte, spielte Assja, wenn Assja nicht spielte, \u00fcbte Walerija und \u2013 uns alle \u00fcbert\u00f6nend und \u00fcberdeckend \u2013 die Mutter, den ganzen Tag und fast die ganze Nacht!\u00bb Die Erz\u00e4hlung kreist um die Musik und den Kampf mit ihr, der eigentlich der Kampf mit der Mutter ist: \u00abDoch \u2013 ich liebte sie. Die Musik \u2013 liebte ich. Nur meine Musik liebte ich nicht. Das Kind kennt keine Zukunft, es lebt im Jetzt (welches<em> immer <\/em>bedeutet). Jetzt gab es nur Tonleitern, Kanons und sch\u00e4bige \u2039St\u00fccklein\u203a, die mich durch ihre Unscheinbarkeit kr\u00e4nkten.\u00bb<\/p>\n<p>Um das Abarbeiten und Abqu\u00e4len an der Musik geht es auch in Thomas Manns <em>Doktor Faustus.<\/em> Allerdings dringt das Bucht viel tiefer in historische, musikwissenschaftliche sowie theoretische \u00dcberlegungen zur Musik ein als die Werke von Burger und Zwetajewa. Thomas Mann hat seine Hauptfigur dem Komponisten Arnold Sch\u00f6nberg nachempfunden und sie gleichzeitig mit dem Urtopos des Faust verkn\u00fcpft. Der Tonsetzer Adrian Leverk\u00fchn hat einen Pakt mit dem Teufel geschlossen und kann dank diesem wie ein Besessener arbeiten mit einer Garantie auf geniale Ideen. Thomas Mann hat damit der Zw\u00f6lftonmusik ein auf grosser Kennerschaft fussendes, literarisches Denkmal gesetzt. Er schl\u00e4gt somit eine einzigartige Br\u00fccke zwischen Musik und Literatur, die um einiges st\u00e4rker ist als bei Burger und Zwetajewa, weil sie \u00fcber die literarische und poetische Spielerei hinausgeht. Konkrete Beschreibungen von Kl\u00e4ngen gibt es hingegen kaum. Daf\u00fcr l\u00e4sst sich das Buch, wie es Theodor W. Adorno anregt, im Gesamten als musikalische Form interpretieren. Er notierte \u00fcber den <em>Doktor Faustus<\/em>: \u00abDie H\u00f6llenfahrt Fausti als eine grosse Ballettmusik.\u00bb Das Ballett zum Lesen, es w\u00e4re auch ein paar \u00dcberlegungen wert.\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>There is music that exists only through its description within a literary work. The author can proceed in very different ways. 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