{"id":42373,"date":"2014-12-04T00:00:00","date_gmt":"2014-12-03T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/allgemein\/2014\/12\/musik-fuer-augen-und-kopf"},"modified":"2025-06-27T11:55:07","modified_gmt":"2025-06-27T09:55:07","slug":"musik-fuer-augen-und-kopf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/en\/smz\/2014\/12\/musik-fuer-augen-und-kopf","title":{"rendered":"Music for eyes and head"},"content":{"rendered":"\n\n<p><img class=\"size-full\" alt=\"\" \/><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-65971\" src=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web.jpg\" alt=\"\" width=\"1334\" height=\"1000\" srcset=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web.jpg 1334w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-1024x767.jpg 1024w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-768x576.jpg 768w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-1536x1151.jpg 1536w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-16x12.jpg 16w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-234x175.jpg 234w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-467x350.jpg 467w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-1067x800.jpg 1067w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-920x689.jpg 920w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/12_Titelfoto_web-1400x1049.jpg 1400w\" sizes=\"auto, (max-width: 1334px) 100vw, 1334px\" \/><\/p>\n<p>Foto (Ausschnitt): Kaspar Ruoff<\/p>\n<div class=\"main-content article clearfix\">\n<div class=\"text-section\">\n<p>Beim St\u00f6bern im Souvenirshop f\u00e4llt mein Blick auf eine Postkarte: eine Notenzeile, die sich \u00fcber die gesamte Breite der Karte zieht. Am Anfang steht ein Violinschl\u00fcssel, sonst ist sie leer. \u00abGeniesse die Ruhe\u00bb, lautet die Unterschrift. Sie erinnert mich an eine Serie von Schwarz-Weiss-Drucken, der <em>sheet music<\/em> von Johannes Kreidler, die genau demselben Muster folgen: eine Grafik aus Notensymbolen mit Titel, Prinzip Minimalismus, wie im sheet <em>Sunset<\/em>, das nur aus einer Notenzeile und einer einzelnen Note besteht.<\/p>\n<p>Das Postkartenmotiv ist zwar nett, irgendwie auch raffiniert und trotzdem wirkt es vor dem Hintergrund von Kreidlers Arbeiten blass. Offenbar haben die sheets etwas, was die Postkarte nicht hat, das aber auf den ersten Blick verborgen bleibt. Aber was?<\/p>\n<p>Der Schl\u00fcssel dazu liegt in ihrem Ursprung: Ihr Sch\u00f6pfer ist kein Grafikdesigner mit besonderem Gesp\u00fcr f\u00fcr Originalit\u00e4t, sondern K\u00fcnstler, Performer und vor allem: Komponist. In den letzten Jahren fiel Kreidler mehrfach durch seine innovativen wie provokativen Arbeiten und Aktionen auf, die er immer auch in einen theoretischen Kontext stellt. Neuer Konzeptualismus lautet das Schlagwort, unter dem der 34-J\u00e4hrige sein aktuelles Schaffen begreift und auf dessen Erde auch die sheets gepflanzt sind. Was z\u00e4hlt, ist die Idee, zu deren Umsetzung alle Mittel und Medien der Kunst erlaubt sind. Wie und ob das dann klingt, ist sekund\u00e4r. Mit der <em>sheet music<\/em>, die Kreidler seit 2013 kreiert, wendet er sich komplett vom H\u00f6rbaren ab: Er komponiert Grafiken aus Noten, \u00abAugenmusik\u00bb \u2013 und auch das mit Konzept.<\/p>\n<p>Was das Material betrifft, ist dieses Konzept denkbar einfach: weisser Hintergrund, schwarze Schrift, Typ: Times New Roman, ein Dreiklang mit Titel <em>1+2=3<\/em>, ohne Schn\u00f6rkel. Schon dem widerspricht die Postkarte mit ihrem roten, kursiv gesetzten Spruch, der verr\u00e4t, dass sie h\u00fcbsch sein will. Die sheet music will das nicht, zumindest nicht nur. Sie will vor allem etwas mitteilen, und diese Mitteilung generiert der Betrachter selbst, indem er die zwei Zeichenebenen miteinander in Beziehung setzt. <em>1+2=3<\/em> zeigt eigentlich keinen Dreiklang, sondern Notationssymbole, die wir aufgrund ihrer Anordnung und des Titels als Dreiklang bezeichnen. Der Titel setzt dem Assoziationsspielraum Grenzen, ein Prinzip, das Kreidler in \u00e4hnlicher Weise bereits in seiner Aktion <em>Fremdarbeit<\/em> austestete. Dort beeinflusste er durch unterschiedliche Anmoderationen zu immer derselben Musik die auditive Wahrnehmung. \u00abPr\u00e4pariertes H\u00f6ren\u00bb nannte er das, und hier liefert er das Pendant: \u00abpr\u00e4pariertes Sehen\u00bb.<\/p>\n<figure id=\"attachment_66055\" aria-describedby=\"caption-attachment-66055\" style=\"width: 1259px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-66055\" src=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/st3.jpg\" alt=\"\" width=\"1259\" height=\"548\" srcset=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/st3.jpg 1259w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/st3-300x131.jpg 300w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/st3-1024x446.jpg 1024w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/st3-768x334.jpg 768w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/st3-18x8.jpg 18w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/st3-375x163.jpg 375w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/st3-760x331.jpg 760w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2014\/12\/st3-920x400.jpg 920w\" sizes=\"auto, (max-width: 1259px) 100vw, 1259px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-66055\" class=\"wp-caption-text\">Johannes Kreidler: \u00abSunrise for Bejiing\u00bb (2014)<\/figcaption><\/figure>\n<\/div>\n<div class=\"text-section\">\n<dl class=\"picture media photo large\">\n<dt><\/dt>\n<\/dl>\n<\/div>\n<div class=\"text-section\">\n<p>So funktioniert auch die Postkarte: Bild und Titel ergeben eine Aussage, die relativ leicht zu fassen und eindeutig ist. Haben wir sie kapiert, schauen wir weg. Die sheets hingegen halten unsere Aufmerksamkeit durch ihre Individualit\u00e4t, Offenheit und R\u00e4tselhaftigkeit wach. Ihre Interpretation ist nicht nur eine kognitive, sondern auch eine kreative Leistung. Jedes sheet liefert einen Denkanstoss, der in ganz unterschiedliche Richtungen f\u00fchren kann. Ein Kontinuum bildet nur die Ironie, wie im sheet <em>Sunrise for Bejing<\/em>. Wenige grafische Elemente entpuppen sich in Kombination mit dem Kommentar, der das sheet auf Kreidlers Blog <em>Kulturtechno<\/em> erg\u00e4nzt, als ein Cocktail aus Galgenhumor und Gesellschaftskritik: \u00abWegen des extremen Smogs wird in Peking auf einem grossen LED-Bildschirm die Abbildung eines Sonnenaufgangs gezeigt.\u00bb<\/p>\n<p>Die meisten sheets f\u00fchren thematisch aber zum Ursprung der kleinen Formen zur\u00fcck. \u00abIch will, dass jetzt alle mal \u00fcber Musik nachdenken!\u00bb Was Kreidler in einer seiner Performances forderte, gilt auch f\u00fcr die sheets. Sie greifen Topoi aus der Musikgeschichte auf, verarbeiten sie auf spielerische Art und erweitern sie um subtile Pointen, wie <em>Tristan Motive, altogether<\/em>, ein Cluster, der s\u00e4mtliche T\u00f6ne des Tristan-Motivs vereint \u2012 Kreidlers Beitrag zu einer nicht enden wollenden Debatte der Musiktheorie.<\/p>\n<p>Letztlich lassen sich die Drucke insgesamt auch als Reflexionen \u00fcber das digitale Handwerkszeug des Komponisten von heute verstehen. Die Massenansammlungen von Notationssymbolen der sheet-Serie <em>Depots<\/em> stehen f\u00fcr die grenzlose Verf\u00fcgbarkeit des Materials, das heutzutage besser in Grafiken als in Partituren aufgehoben zu sein scheint. Die sheets bringen uns die Software sowohl als Hilfsmittel nahe, das die Notation erleichtert und besser kommunizierbar macht, als auch als Medium, das zwischen Autor und Notat eine Distanz erzeugt. Die scheinbar willk\u00fcrliche Zusammensetzung von Notenzeichen, z. B. in <em>Beach Game<\/em>, besitzt Symbolstatus: Der Komponist ist nicht mehr Herr dessen, was er in den Computer eingibt.<\/p>\n<p>Kreidler aber hat seine Noten im Griff: Er verr\u00fcckt Zeichen absichtlich, um Bewusstsein zu schaffen. Er komponiert, nur keine Kl\u00e4nge. Ist <em>sheet music<\/em> denn \u00fcberhaupt Musik? Eine fast philosophische Frage, zu der Kreidler klar Stellung bezieht: \u00abMusik muss auch mal raus aus der time-base. Musik ist nicht nur akustisch, sondern hat auch seine [<em>sic!<\/em>] visuellen Kontexte. Es ist dann immer noch Musik.\u00bb Tats\u00e4chlich suggerieren nur wenige der Bilder ein akustisches Moment. Kreidlers Antwort t\u00e4uscht \u00fcber die Komplexit\u00e4t der Sache hinweg, ebenso wie manches sheet \u00fcber die seri\u00f6sen Gedanken ihrer Verwandten: Eine Notenzeile, die sich \u00fcber die gesamte Breite einer Leinwand zieht. Im vierten Zwischenraum liegt eine kreisrunde Note, sonst ist sie leer. \u00abAsshole\u00bb, lautet die \u00dcberschrift. Provozieren \u2013 auch das kann die Postkarte nicht.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><em>sheet music <\/em>unter\u00a0<a href=\"http:\/\/www.sheetmusic-kreidler.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.sheetmusic-kreidler.com<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>At least since the musical avant-garde, music graphics have been considered a genre in its own right between visual art and music. What does this kind of silent music look like in the digital age? And what can it achieve? An investigation using the example of Johannes Kreidler's \"sheet music\".<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[1565],"tags":[3442,5071],"class_list":["post-42373","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-smz","tag-johannes-kreidler","tag-notengrafik"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.8 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Musik f\u00fcr Augen und Kopf - Schweizer Musikzeitung<\/title>\n<meta name=\"description\" content=\"Sp\u00e4testens seit der musikalischen Avantgarde gilt die Notengrafik als eigenes Genre. 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