{"id":6076,"date":"2019-01-23T00:00:00","date_gmt":"2019-01-22T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/allgemein\/facetten-der-virtuositaet\/"},"modified":"2024-08-05T16:55:40","modified_gmt":"2024-08-05T14:55:40","slug":"facetten-der-virtuositaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/en\/rezensionen\/buecher-rezensionen\/2019\/01\/facetten-der-virtuositaet","title":{"rendered":"Facets of virtuosity"},"content":{"rendered":"\n\n<figure style=\"width: 554px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/Joseph_Kriehuber_Ein_Matinee_bei_Liszt_1846.jpg\" alt=\"\" width=\"554\" height=\"395\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Eine Matinee bei Liszt. V. li.: Joseph Kriehuber, Hector Berlioz, Carl Czerny, Franz Liszt, Heinrich Wilhelm Ernst. Stich von Joseph Kriehuber (1846).<a href=\"https:\/\/commons.wikimedia.org\/wiki\/File:Joseph_Kriehuber,_Ein_Matin%C3%A9e_bei_Liszt,_1846.jpg\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> Biblioth\u00e8que nationale de France\/wikimedia commons<\/a><\/figcaption><\/figure>\n<div class=\"text-section\">\n<p>Im letzten Jahrzehnt hat sich der Begriff Virtuosit\u00e4t ausgeweitet von den Virtuosen und deren Werken zu umfassenderen Fragen einer neuen k\u00fcnstlerischen Landschaft und neuer Auff\u00fchrungspraktiken. Ausgangspunkt dieses Buches, dessen Bezugspunkt der Geiger und Komponist Heinrich Wilhelm Ernst (1814\u20131856) bildet, war die Tagung \u00abDer lange Schatten Paganinis\u00bb im November 2015 in G\u00f6ttingen. Die zur H\u00e4lfte englischen, zur H\u00e4lfte deutschen Abhandlungen der 19 Autorinnen und Autoren liefern R\u00fcck- und Ausblicke und sind geordnet in sechs Sektionen: Verschiedene Konzepte von Virtuosit\u00e4t, Musikalischer Text und Auff\u00fchrung, Salon versus Konzertsaal, Das weite Feld der virtuosen Auff\u00fchrungspraxis, Virtuosen-Karrieren, Auswirkung in Presse und Literatur. Dar\u00fcber kurz zu berichten ist fast unm\u00f6glich! Daher w\u00e4hle ich einige spannende H\u00f6hepunkte aus:<\/p>\n<p>H. W. Ernst ist der in ganz Europa herumtourende Interpret seiner virtuosen Kompositionen, der finanziell auf volle S\u00e4le (und sie sind \u00fcbervoll!) angewiesen ist. Er ist der Gegenpol von Joseph Joachim, dem ernsthaft f\u00fcr Werktreue k\u00e4mpfenden Musikprofessor. Beide sind Wunderkinder und etablieren sich im 19. Jahrhundert im immer b\u00fcrgerlicher werdenden Europa, wie Chopin, Auer, Paganini, Liszt, Thalberg, Saint-Sa\u00ebns, Vieuxtemps, Sivori und Kreisler, als romantische Heroen in den S\u00e4len und Salons. Virtuoser Flow der Interpreten-Pers\u00f6nlichkeit bringt die Zuh\u00f6renden zu Gef\u00fchlsextasen. Kreisler sagt: \u00abWenn man Virtuosit\u00e4t im Blut hat, entsch\u00e4digt das Vergn\u00fcgen, aufs Podium zu steigen, alle Plagen. Man sollte umsonst spielen. Was sage ich? Man sollte zahlen zum Spielen!\u00bb<\/p>\n<p>Die \u00dcberlegungen zum Wort dolce, der in Paganinis Werken und im 1. Satz von Beethovens Violinkonzert am h\u00e4ufigsten vorkommende Anweisung, zeigen auf, dass grosses seelisches Engagement vom Interpretierenden verlangt wird (Paganini: \u00abBisogna forte sentire per far sentire\u00bb). Ernst setzt dolce am Kulminationspunkt seiner Werke, der mit dem Goldenen Schnitt der Taktzahlen \u00fcbereinstimmt. Heine schreibt, dass die Fingergeschicklichkeit nur vereint mit dem der angesetzten Geige so nahen Herzschlag eine glaubw\u00fcrdige Auff\u00fchrung ergebe. Borer kommt zum Schluss, dass mit dolce nicht piano gemeint ist, sondern jenseits musikalischer Dynamik eine poetisch-ethische \u2013 besonders intensive \u2013 Dimension, die gr\u00f6ssere Tiefe f\u00f6rdert. Beispiele: Tartini (\u00absuonare parlante\u00bb), Corelli (\u00abPrinz der S\u00fcsse\u00bb), Dante (Purgatorio XXIV, 52\u201357: \u00abdolce stile novo\u00bb). Die Kirchenv\u00e4ter Augustinus und Caesarius von Arles meinten, mit einer auf einem Holz aufgespannten Saite \u2013 wie der ans Kreuz gebundener K\u00f6rper Christi \u2013 sei man f\u00e4hig, die \u00abS\u00fcsse der Wahrheit auszudr\u00fccken\u00bb. Die alten Griechen (Orpheus, Pythagoras) assoziierten Saitenspiel mit S\u00fcsse, Liebe und Kraft; Amphion erbaute die Mauern von Theben mit Saitenspiel. Und der Inder Bharata betrachtete die S\u00fcsse (madhura) als eine der neun wichtigen Qualit\u00e4ten von Musik.<\/p>\n<p>Es gibt etwas Besseres als perfekte Violinvirtuosit\u00e4t; ein anonymer 30-j\u00e4hriger Geiger bringt dies auf den Punkt, indem er sagt: \u00abEs ist viel schwieriger, technisch perfekt und gleichzeitig emotional beteiligt zu sein, denn du gehst Risiken ein.\u00bb Gidon Kremer verlangt, dass in einer Auff\u00fchrung etwas sei, das sie \u00abpers\u00f6nlich, menschlich und tief\u00bb mache. Die lateinische Bedeutung des Wortes imperfectus meint \u00abunvollendet, unfertig\u00bb \u2013 das heisst \u00abnoch suchend, lebendig\u00bb! Seit Beginn des 20. Jahrhunderts verf\u00fchrt die \u00abperformance police\u00bb der Studioaufnahmen zu Gl\u00e4tte und verhindert \u00abdas Ausstrecken nach dem Unerreichbaren. Perfektion t\u00f6tet die Kunst\u00bb (Kremer). Viele Interpreten haben sich dagegen gewehrt mit langen ungeschnittenen Aufnahmefolgen oder Liveaufnahmen. Artur Schnabel meinte, dass Aufnahmen \u00abgegen die wirkliche Natur von Auff\u00fchrung\u00bb sei. Rudolf Serkin betrachtete Aufnahmen als \u00abTortur\u00bb. Popul\u00e4rmusikern gelingt der Kampf gegen das Mikrofon mit Improvisation \u2013 die ist einmalig, unschneidbar; ganz im Sinn von Mozart und Beethoven, die noch bei Auff\u00fchrungen ihre Soloparts nicht aufgeschrieben hatten. Am Beispiel der unkonventionellen Konzertpraxis von Patricia Kopatchinskaja wird aufgezeigt, wie man das \u00abNarrenhaus\u00bb der Virtuosit\u00e4t verlassen kann.<\/p>\n<p>In einem Kapitel taucht man ein in die Strapazen und Erfolge der f\u00fcnfmonatigen Gastspielreise H. W. Ernsts in die Niederlande. Hier ein Zitat aus den vielen Pressestimmen: \u00abMan sieht [beim Blick auf die Zuh\u00f6rer] betr\u00fcbte, schwerm\u00fctige oder liebevolle Gesichtsausdr\u00fccke, je nach den T\u00f6nen, die der K\u00fcnstler erzeugt. \u2026 Wenn der K\u00fcnstler es so weit zu bringen weiss, dass unsere Seele mit der seinigen vereint wird, dann hat er eine hohe Stufe der Perfektion erreicht.\u00bb<\/p>\n<p>In weiteren Kapiteln wird atemraubend die 80 Jahre dauernde Virtuosenkarriere von Camille Saint-Sa\u00ebns res\u00fcmiert. Die faszinierenden, am\u00fcsierenden und provozierenden Berichte Heinrich Heines \u00fcber das Pariser Musikleben werden geschildert. Man erf\u00e4hrt von den Erkenntnissen Louis Spohrs mit seinen Kollegen Ernst und Sivori in London im Jahr 1843 \u00fcber d\u00fcnne Saiten=leichtes Flageolettspiel versus dicke Saiten=voller Ton. Das Leben der Schwestern Teresa und Maria Milanollo gibt Anlass, \u00fcber eine weibliche Form der Violinvirtuosit\u00e4t nachzudenken. Mittels dichterischer Werke Dostojewskis und Gautiers wird die unterschiedliche Wirkung Ernsts in Westeuropa und Russland verglichen.<\/p>\n<p>Auf der CD kann man verschiedene Interpretationen \u2013 auf hohem Niveau gespielt \u2013 von Werken H. W. Ernsts vergleichen. Basierend auf Originalfingers\u00e4tzen wird die Art der im 19. Jahrhundert \u00fcblichen Glissandi demonstriert.<\/p>\n<p>Dem anregenden Buch fehlt ein Register f\u00fcr gezielte Suche.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"text-section\">\n<dl class=\"picture media photo\">\n<dt><img decoding=\"async\" class=\"media photo aligncenter\" src=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/01_crit_buch_Ammann_virtuosity.jpg\" alt=\"Image \" \/><\/dt>\n<\/dl>\n<\/div>\n<div class=\"text-section\">\n<p><em>Christine Hoppe, Melanie von Goldbeck, Maiko Kawabata Hrsg.: Exploring Virtuosities. Heinrich Wilhelm Ernst, Nineteenth-Century Musical Practices and Beyond, 413 S., CD mit Musikbeispielen von H. W. Ernst, eingespielt von Autoren des Buches, \u20ac 74.00, Olms, Hildesheim u.a. 2018, ISBN 978-3-487-15662-0<\/em><\/p>\n<p><em>Bild oben: <\/em><strong><em><br \/>\nEine Matinee bei Liszt<\/em><\/strong><em>, Stich von Joseph Kriehuber (1848) <\/em><br \/>\nv. li.: <em>Joseph Kriehuber, Hector Berlioz, Carl Czerny, Franz Liszt, Heinrich Wilhelm Ernst.<br \/>\nBiblioth\u00e8que nationale de France\/wikimedia commons<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>This English and German-language anthology takes a broad look at the subject of the violinist Heinrich Wilhelm Ernst. A CD with musical examples rounds off the publication.<\/strong><\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":6077,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[1214,29],"tags":[],"class_list":["post-6076","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-buecher-rezensionen","category-rezensionen"],"acf":{"author":"Walter Amadeus Ammann"},"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v28.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Facetten der Virtuosit\u00e4t - Schweizer Musikzeitung<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/en\/rezensionen\/buecher-rezensionen\/2019\/01\/facetten-der-virtuositaet\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"en_US\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Facetten der Virtuosit\u00e4t - Schweizer Musikzeitung\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Rund um den Geiger Heinrich Wilhelm Ernst wird das Thema in diesem englisch- und deutschsprachigen Sammelband sehr breit betrachtet. 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