{"id":8021,"date":"2021-04-27T00:00:00","date_gmt":"2021-04-26T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/allgemein\/der-doyen-und-drei-generationen\/"},"modified":"2024-10-02T10:24:45","modified_gmt":"2024-10-02T08:24:45","slug":"der-doyen-und-drei-generationen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/en\/rezensionen\/tontraeger-rezensionen\/2021\/04\/der-doyen-und-drei-generationen","title":{"rendered":"The doyen and three generations"},"content":{"rendered":"\n\n<figure style=\"width: 554px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/ursula_lehmann_artists_management__walter_grimmer_violoncello-06.jpg\" alt=\"\" width=\"554\" height=\"369\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Walter Grimmer. Foto: Ursula Lehmann Artists Management<\/figcaption><\/figure>\n<div class=\"text-section\">\n<p>Gerade ist Walter Grimmer 82 geworden. Nach einem reichen musikalischen Leben die Beine hochlegen m\u00f6chte er aber nicht. Der gerne als \u00abDoyen der Schweizer Cellisten\u00bb bezeichnete Musiker, der sich mit viel Leidenschaft besonders auch der Neuen Musik gewidmet hat, legt nun mit seinem Dreigenerationenquartett 3G eine bemerkenswerte Einspielung des Schubert-Streichquintetts in C-Dur vor, die gerade in den lyrischen Passagen eine ber\u00fchrende Klangsch\u00f6nheit und Innigkeit atmet. Der Streicherklang ist genau abgestimmt, das Vibrato so geschmackvoll wie dezent. Walter Grimmer spielt den zweiten Cellopart, sein Sch\u00fcler S\u00e9bastien Singer den ersten; Egidius Streiff, souver\u00e4n, aber nie dominierend an der ersten Geige, die junge Lisa Rieder an der zweiten und Mariana Doughty an der Viola komplettieren das Ensemble.<\/p>\n<p>Der zweite Satz ist mit den fl\u00e4chigen, warmen Akkorden in den Mittelstimmen ein echter Locus amoenus, bevor im Mittelteil eine andere Welt hereinbricht, der es aber dann doch ein wenig an Dramatik fehlt, um den von Schubert komponierten extremen Kontrast noch eindringlicher werden zu lassen. Auch im Kopfsatz entscheidet sich das um ein Cello erweiterte 3G-Quartett eher f\u00fcr Verbindlichkeit als f\u00fcr Deutlichkeit \u2013 die abst\u00fcrzenden Stakkato-Achtel hat man schon dramatischer geh\u00f6rt. Im Scherzo sch\u00e4rfen die f\u00fcnf die Kontraste zwischen lustvoll zupackend und \u00e4therisch entr\u00fcckt im Mittelteil. Das recht gem\u00e4chlich startende Finale entfesselt nach und nach die gestaute Energie und ist herrlich frei musiziert. Kleinere Ungenauigkeiten wie klappernde Pizzikati im Adagio fallen kaum ins Gewicht.<\/p>\n<p>Dass vor dem Quintett ein <em>Adagio<\/em> f\u00fcr Streichquintett des Schweizer Komponisten Philippe Racine erklingt, das Walter Grimmer in Auftrag gegeben hat, passt zur Vita des Schweizer Cellisten, der sich stets f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Werke eingesetzt und zahlreiche von ihnen uraufgef\u00fchrt hat. Hier erbat er sich explizit ein Werk, das vor dem Schubert-Quintett zu spielen sei: C-Dur-Reminiszenzen treffen auf Flageolettzauber, verlorene Triller, gespannte Akkorde und innige Melodiefragmente.<\/p>\n<\/div>\n<div class=\"text-section\">\n<dl class=\"picture media photo\">\n<dt><img decoding=\"async\" class=\"media photo aligncenter\" src=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/01\/05_crit_cd_Rudiger.jpg\" alt=\"Image \" \/><\/dt>\n<\/dl>\n<\/div>\n<div class=\"text-section\">\n<p><em>Franz Schubert: Streichquintett in C-Dur, Philippe Racine: Adagio f\u00fcr Streichquintett. Walter Grimmer und das 3G-Dreigenerationenquartett. Solo Musica SM 331<\/em><\/p>\n<\/div>\n<div>\n<hr \/>\n<\/div>\n<div class=\"text-section\">\n<h4>Anmerkungen von Walter Grimmer zu Schuberts Streichquintett D 956 op. posth. 163<\/h4>\n<p>\u00abSeit der Erfindung der Notenschrift gibt es die Tonkunst in zwei Aggregatzust\u00e4nden: als notierte und als klingende Musik. [&#8230;] Seit der Erfindung der Schallplatte hat sich verst\u00e4rkt eine dritte Gr\u00f6sse zwischen Notation und Klang geschoben, n\u00e4mlich der Interpret.\u00bb<em>(1)<\/em><\/p>\n<p>Indes ist die Zielsetzung des Interpreten einzig und allein, die Musik \u00abin ihrem innersten Wesen\u00bb<em>(2)<\/em> als zeitlich gebundenen Klang h\u00f6rbar zu vermitteln. Waches Formbewusstsein, empfindsamste Klangsensibilit\u00e4t in Bezug auf die Harmonik sowie Beherrschung der spieltechnischen und dynamisch-dramatischen Ausf\u00fchrung sind die Grundlagen, ohne die er sich nicht einmal in die N\u00e4he der grossen Meisterwerke wagen kann.<\/p>\n<p>Eine massgebende Interpretation des Streichquintetts D 956, Schuberts instrumentalem Schwanengesang, unbestreitbarem Gipfel seiner Gattung, verlangt eine fundierte innovative Kunstfertigkeit seiner Interpreten; sie k\u00f6nnen sich das St\u00fcck freilich seit langem leider nur in einer recht zweifelhaften Drucklegung des verschollenen Manuskriptes aneignen: Sp\u00e4testens seit der ersten Ausgabe als \u00abGrand Quintuor\u00bb von 1853 bei C.A. Spina in Wien ist das Manuskript unauffindbar.<\/p>\n<p>Zahlreiche offensichtliche Unstimmigkeiten, auch Fl\u00fcchtigkeitsfehler, die Schubert nicht mehr korrigierend hat bereinigen k\u00f6nnen, sind seltsamerweise auch von den neuesten sog. Urtextausgaben \u00fcbernommen worden. Auch scheint es, immer im Vergleich mit anderen Sp\u00e4twerken Schuberts, dass der unbekannte Kopist besonders den letzten Satz des Quintetts mit dynamischen Anweisungen eigenm\u00e4chtig und verschwenderisch \u00fcberladen hat.<\/p>\n<p>Ein offensichtliches Beispiel f\u00fcr die zweifelhafte Authentizit\u00e4t des \u00fcberlieferten Textes: Am Schluss der Exposition des ersten Satzes macht der letzte Dominantseptakkord nur Sinn, wenn diese wiederholt wird. Keinesfalls ist er ein \u00abWegweiser\u00bb zur anf\u00e4nglichen Durchf\u00fchrungs-Tonart. Editionstechnisch gesehen m\u00fcsste dieser Takt also als \u00aberster Ausgang\u00bb kenntlich gemacht werden, der folgende Takt hingegen als \u00abzweiter Ausgang\u00bb. Als weiteres Beispiel sticht die tradierte Verw\u00e4sserung der Form des dritten Satzes und dessen Trio ins Auge. Seine \u00fcberlieferte Gestalt ist auch hier neu zu lesen, die Coda nat\u00fcrlich nur einmal zu spielen \u2013 der Interpret wird wahrhaftig zum Sinnstifter. Auf diesen Sachverhalt ist bisher in den Ausgaben und in der Literatur zu Schubert seltsamerweise noch nicht eingegangen worden.<\/p>\n<p>Durch seinen harmonisch uns so ber\u00fchrenden Gehalt, nicht zuletzt auch durch die zeitliche Ausdehnung, durch den \u00abepischen Charakter\u00bb<em>(3)<\/em> seiner letzten Werke scheint Schubert das \u00abbergende Geh\u00e4use\u00bb<em>(4)<\/em> der Sonatensatzform schier zu sprengen.<\/p>\n<p>Wie ein Leitmotiv erlebt der H\u00f6rer in jedem der drei ersten S\u00e4tze die langen und verzehrenden an- und abschwellenden Kl\u00e4nge. Anders das abschliessende Unisono-C des letzten Satzes: Wie, wenn dieses nur noch, unendlich abschwellend, als ein Verstummen in bodenloser Tiefe gedacht w\u00e4re?<\/p>\n<p>Die wechselseitige Funktions- und Lagen\u00e4nderung der f\u00fcnf Streichinstrumente \u2013 selbst die Bratsche wird gelegentlich zum Fundament \u2013 ist eine der genialen Seiten dieses Quintetts; M\u00f6glicherweise hat der Komponist hier die erweiterte Bass-Aura seines \u00abForellenquintetts\u00bb D 667 weiterentwickelt. Die vielen bereits existierenden Quintette mit zwei Celli, von Boccherini bis Onslow, gehen eigene Wege und haben nichts gemeinsam mit Schuberts vision\u00e4rem Wurf einer fast symphonisch anmutenden Kammermusik.<\/p>\n<p>Das so viel gespielte St\u00fcck, oft ad hoc zusammengew\u00fcrfelt, oft auch einfach mit einem Stargast am zweiten Cello besetzt, hat allen Unstimmigkeiten zum Trotz seinen hohen Rang behalten k\u00f6nnen. Ich erlebte es als eine sehr grosse Chance, dieses ultimative Meisterwerk w\u00e4hrend Jahren immer wieder neu zu \u00fcberdenken und \u00abauszuh\u00f6ren\u00bb.<\/p>\n<p>Das Abw\u00e4gen der Nuancen, der stets vorhandene Zweifel an der Authentizit\u00e4t der \u00fcberlieferten Partitur, das Verwerfen oder das Hinzuf\u00fcgen von Spielanweisungen, das Ausformulieren des nicht Notierten, auch das \u00abLernen vom Partner\u00bb und schliesslich das wiederholte Nachpr\u00fcfen im Konzert \u2013 ein leidenschaftliches musikalisches Abenteuer, auf welches ich lange habe warten m\u00fcssen, hat mit dieser Einspielung seinen harmonischen Abschluss gefunden.<\/p>\n<p>Mein tiefer Dank gilt meinen Freunden vom 3Gdreigenerationenquartett; nur durch ihren bedingungslosen k\u00fcnstlerischen Einsatz konnte diese Einspielung realisiert werden.<\/p>\n<p><em>1) Silke Leopold : \u00dcber die Musik. https:\/\/www.swp.de\/suedwesten\/staedte\/ulm\/silke-leopold-ueber-die-musik-29457622.html, [konsultiert am 31 Juli 2019]<\/em><\/p>\n<p><em>2) Ibid.<\/em><\/p>\n<p><em>3) Ernest Ansermet, 1961. Les Fondements de la musique dans la conscience humaine. Neuch\u00e2tel, Ed. de La Baconni\u00e8re, S. 420.<\/em><\/p>\n<p><em>4) Peter G\u00fclke, 1973. Schubert. M\u00fcnchen, Ed. text + kritik, S. 150<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><strong>Walter Grimmer and the 3G Quartet have recorded Schubert's String Quintet in C major. The opening piece is Philippe Racine's Adagio, written at Grimmer's suggestion.<\/strong><\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":8022,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[29,1420],"tags":[],"class_list":["post-8021","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-rezensionen","category-tontraeger-rezensionen"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.8 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Der Doyen und drei Generationen - Schweizer Musikzeitung<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/en\/rezensionen\/tontraeger-rezensionen\/2021\/04\/der-doyen-und-drei-generationen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"en_US\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Der Doyen und drei Generationen - Schweizer Musikzeitung\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Walter Grimmer und das 3G-Quartett haben Schuberts Streichquintett C-Dur eingespielt. 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