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Der 23. Kongress der Internationalen Musiker-Föderation (FIM), des weltwei-ten Dachverbandes der Musiker*innengewerkschaften, der Ende Juni in Genf stattfand, diskutierte über aktuelle Probleme der Musikbranche und machte klar, dass sie nur mit vereinten Kräften gelöst werden können.

Wenn man am Genfer Bahnhof den Bus in Richtung Palais des Nations, also des europäischen Hauptsitzes der Vereinten Nationen, besteigt und die Fahrgäste betrachtet, glaubt man gerne, dass Genf die vielleicht kosmopolitischste Stadt Europas ist: Über 100 internationale Organisationen haben ihren Sitz in der Westschweizer Stadt, darunter die Weltgesundheitsorganisation WHO, die Welthandelsorganisation WTO, die Weltorganisation für geistiges Eigentum WIPO und die Internationale Arbeitsorganisation ILO. Letztere organisierte gemeinsam mit dem SMV den 23. Kongress der FIM. Die Schweizer Musiker*innengewerkschaft hatte die Ausrichtung des Kongresses relativ kurzfristig übernommen und konnte von der ausgezeichneten Infrastruktur der ILO profitieren. Da der letzte Kongress vom Mai 2021 aufgrund der Pandemie online stattfinden musste, waren die Delegierten umso glücklicher, sich wieder gemeinsam an einem Ort versammeln zu können.

Geneva Brass eröffnete die Veranstaltung musikalisch mit stupender Virtuosität. Davide Jäger, der SMV-Co-Zentralpräsident, sprach davon, dass Musikmachen ein Vorbild für die Welt sein kann, Daniel Lampart, SGB-Zentralsekretär, darüber, dass die aktuelle Situation für Arbeitnehmer*innen und die Demokratie schwierig sei: Nur die Konzerne würden vom wirtschaftlichen Erfolg profitieren und Populisten würden von der angespannten Situation profitieren. Gute Arbeitsbedingungen seien sehr wichtig. Frank Hagemann von der ILO hielt fest, dass seine Organisation auf der Seite der Musiker*innen steht. Nur mit Gewerkschaften könnten Lösungen für nachhaltige soziale Sicherheit erreicht werden. Musiker*innen seien Teil der internationalen Ökonomie. In der Unterhaltungsbranche würde es zu viele informelle Absprachen geben, kreative Arbeit müsse aber adäquat bezahlt werden. Sylvie Forbin, stellvertretende Generaldirektorin der WIPO, hielt fest, dass Musik in der Welt omnipräsent sei und viele Momente im Leben begleiten würde. Was die Verwertung betrifft, seien Verbesserungen nötig. ILO und WIPO seien durch gemeinsame Ziele verbunden. Die Auswirkungen des Streamings würden seit 2015 untersucht, schneller technischer Fortschritt würde zügige Antworten verlangen, der Musiksektor sei auch zentral in der Anwendung von künstlicher Intelligenz.

Carine Bachmann, die Direktorin des Bundesamts für Kultur BAK hielt fest, dass es eine Staatsaufgabe sei, die Rahmenbedingungen für Musik herzustellen. Musik sei auch ein Tool für die Integration und eine Heimat für Heimatlose.

John Smith, der Präsident der FIM, bedankte sich für die Gastfreundschaft der ILO und erinnerte daran, dass sie viele internationale Standards gesetzt habe, z. B. was die Gendergerechtigkeit betrifft.

Thematische Podiumsdiskussionen

Drei thematische Podiumsdiskussionen widmeten sich aktuell wichtigen Themen: Herausforderungen von Tarifverhandlungen für Selbstständige, die Auswirkungen des Aufkommens von On-Demand-Radio auf Rundfunkgebühren und Tarifverträge im Bereich der KI. Zum ersten Thema erklärte Naomi Pohl, Generalsekretärin der britischen Musiker*innengewerkschaft, dass im Londoner Westend 90% der Beschäftigten gewerkschaftlich organisiert seien. In anderen Ländern würde es eine zu grosse Vereinzelung geben, je mehr Mitglieder eine Gewerkschaft habe, desto mehr Macht habe sie. Es sei wichtig, auch Freelancer*innen von der Gewerkschaftsidee zu überzeugen. Margherita Licata (ILO) erinnerte daran, dass der Status der Freiberufler*innen von Land zu Land unterschiedlich sei. Durch die verschiedenen Arbeitgeber und Arbeitsplätze würden sich Tarifverhandlungen im Musiksektor von anderen Branchen unterscheiden, auch durch den Vertrieb von Aufnahmen und das Eigentum daran. Zahlreiche Delegierte beschrieben die Situation in ihren Ländern: Selbst in Europa ist die Situation mancherorts unbefriedigend, aber in Côte d’Ivoire werden Musiker*innen oft nicht regulär bezahlt. Den Musikschaffenden fehlt es noch an Selbstbewusstsein, was nicht weiter verwunderlich ist, da in der Bevölkerung ihre Tätigkeit nicht als Beruf wahrgenommen wird und der Status der Künstler*innen noch nicht abgesichert ist. In Brasilien wiederum gibt es ein sehr gutes Gesetz von 1978, das phantastisch wäre, wenn es umgesetzt würde. Der Schutz der Beschäftigten und ihrer Renten wäre garantiert, aber es würde oft keine Überprüfung geben.

Künstliche Intelligenz und Urheberrechte als Herausforderungen

Was die Künstliche Intelligenz (KI) betrifft, wird gefordert, dass es mehr Regeln gibt, welche die generative KI in die Schranken weisen und den Diebstahl an von Menschen geschaffenen Werken stoppen. KI könnte auch zu Beschäftigungsverlust führen. Einzelne Staaten oder Gewerkschaften seien oft überfordert, die Rechte von Urhebern müssten gemeinsam verteidigt werden, am besten mit starken globalen Gesetzen. Dies ist zweifellos nötig, wenn einflussreiche Konzernchefs wie Mark Zuckerberg finden, dass Künstler ihre Werke überbewerteten. Plattformen müssten an den Verhandlungstisch gezwungen werden.

Der Kongress hatte auch über eine Vielzahl von Anträgen abzustimmen, die sich teilweise auf die Abänderung der FIM-Statuten bezogen. Auch die Förderung der Gleichstellung von Frauen und Männern war ein Thema: Der Kongress unterstützt die Einrichtung eines Netzwerks von Frauenreferaten (Women’s Desks) in allen Mitgliedsgewerkschaften. Systemische Hindernisse gegen die Teilhabe und den Aufstieg von Frauen sollen festgestellt werden, bewährte Verfahren und Ressourcen sollen zwischen den Gewerkschaften ausgetauscht werden und es sollen Initiativen zur Erhöhung des Frauenanteils in Orchestern, Führungspositionen und anderen Schlüsselpositionen umgesetzt werden. Der FIM-Kongress setzt sich auch für ein Ende der Verwendung von Blackface und für gleichen Lohn für gleiche Arbeit ein.

Wahlen sorgen für Kontinuität und Erneuerung

Bei den Wahlen wurde der bisherige Präsident John Smith aus Grossbritannien per Akklamation wiedergewählt. Erfreulicherweise führte die Wahl der Vizepräsident*innen zu einer perfekten Gleichstellung zwischen Frauen und Männern und einer fast idealen geografischen Verteilung. Das Vizepräsidium besteht in Zukunft aus Tino Gagliardi (USA), Karin Inde (Schweden), Edith Katiji (Simbabwe), Irene Monterroso (Costa Rica) und Beat Santschi (Schweiz). Im Vorstand sind Australien, Brasilien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Israel, Japan, Kanada, Kenia, Norwegen, Österreich, Rumänien, Senegal, Ungarn und Grossbritannien vertreten.

Der SMV und sein Zentralsekretär Beat Santschi können stolz darauf sein, einen sehr wichtigen FIM-Kongress perfekt organisiert und für die Delegierten sogar sehr abwechslungsreiche Freizeitaktivitäten organisiert zu haben. Die FIM hingegen geht aus diesem Kongress gestärkt in ihrer Rolle als globale Führungskraft in der Verteidigung der Rechte von Musiker*innen hervor.

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