{"id":42256,"date":"2016-11-30T00:00:00","date_gmt":"2016-11-29T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/allgemein\/2016\/11\/versickerungstendenzen"},"modified":"2023-02-28T10:08:01","modified_gmt":"2023-02-28T09:08:01","slug":"versickerungstendenzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/it\/smz\/2016\/11\/versickerungstendenzen","title":{"rendered":"Tendenza all'infiltrazione"},"content":{"rendered":"\n\n<figure style=\"width: 1200px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full\" src=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/02\/VT_WEB.jpg\" alt=\"\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Michael Nukular\/flickr.com<\/figcaption><\/figure>\n<div class='main-content article clearfix'>\n<div class='media picture'><img alt='Versickerungstendenzen' src='\/.imaging\/stk\/musikzeitung\/article-image-intro\/website\/de\/smz\/aktuell\/2016\/12\/konsum\/versickerung\/imageBinary\/VT_WEB.jpg'\/><\/div>\n<p><strong>Auf den ersten Blick scheinen Neue Musik und Konsum an entgegengesetzten Enden des Kulturbetriebes angesiedelt. So eindeutig ist die Ausrichtung auf kompromisslose Neuheit auf der einen und Markttauglichkeit auf der anderen Seite aber nicht.<\/strong><\/p>\n<div class='text-section'>\n<p>Ein Regenwurm ern\u00e4hrt sich von Erde und vermodertem Pflanzenmaterial. Brauchbare Stoffe nimmt er auf, die zerkleinerten \u00dcberreste scheidet er aus. Dadurch lockert er das Erdreich auf, hilft dem pflanzlichen Verrottungsprozess und produziert fruchtbaren Humus. Dieser wiederum wird von den Pflanzen ben\u00f6tigt, die N\u00e4hrstoffe daraus ziehen und den Humus wieder zu gew\u00f6hnlicher Erde machen. Gem\u00e4ss dem Medientheoretiker und Philosophen Vil\u00e9m Flusser funktioniert unsere heutige Gesellschaft \u00e4hnlich: Als Menschen nehmen wir \u00abNatur\u00bb auf und verwerten sie zu \u00abKultur\u00bb. Mit der Zeit werden die so hergestellten Kulturg\u00fcter Abfall, sie verlieren ihren Wert und zerfallen wieder zu \u00abNatur\u00bb. Oder zumindest zu Material, welches kulturell nutzlos und somit wertfrei geworden ist. Dieses wertfreie Material kann nun wieder verwertet werden. Ein ewiger Kreislauf von wertfrei-Verwertung-wertvoll-wertlos-wertfrei etc.<\/p>\n<p>Dieses Modell kann auf das Verh\u00e4ltnis von Neuer Musik und Konsum \u00fcbertragen werden. Dabei verstehe ich Konsum als einen Mechanismus, der Produkte m\u00f6glichst breit zu verkaufen versucht. Neue Musik ist nun nicht daf\u00fcr bekannt, dass sie ihre Produkte auf die breite Verk\u00e4uflichkeit hin entwirft. Sie ist eine dem Konsum eher abgewandte Musikart. Die Neue Musik versteht sich vielmehr als Speerspitze des Flusserschen Verwertungsprozesses. Sie ist sozusagen der Mund, der sich die als wertlos angesehenen Dinge \u2013 in diesem Fall z. B. Kl\u00e4nge \u2013 einverleibt und aufzuwerten weiss. Die europ\u00e4ische und amerikanische Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts kann unter den Stichworten Emanzipation der Dissonanz und des Ger\u00e4usches ein Lied davon singen. Zu Beginn des Jahrhunderts wurde die Dissonanz unter anderem durch die atonale und zw\u00f6lft\u00f6nige Musik Arnold Sch\u00f6nbergs als neue Klangsprache etabliert und somit wertvoll gemacht. Im Laufe des Jahrhunderts wurde dann das blosse Ger\u00e4usch als musikalisches Material kulturell aufgewertet.<\/p>\n<p>Doch diese Errungenschaften der Neuen Musik versickern mit der Zeit \u2013 gem\u00e4ss dem Verdauungsprozess des Regenwurms \u2013, sinken in andere Bereiche ab. Die clusterhaften Dissonanzen Strawinskys oder Sch\u00f6nbergs sind zu g\u00e4ngigen Techniken der Filmmusik und zum \u00abMarkensound\u00bb von erschreckenden Horrorszenen geworden. Das Sampling des Hip-Hops kann als Nachfolge der Tonbandtechniken gesehen werden, die durch die Musique concr\u00e8te eingef\u00fchrt wurden. Und in einer SRF-Sendung zur Minimal Music (<em>Musik unserer Zeit<\/em>, Mai 2016) erz\u00e4hlt der Komponist und Dirigent Irmin Schmidt, dass er die deutsche Krautrock-Band Can gegr\u00fcndet hat, nachdem er in New York 1966 mit der Minimal Music von Terry Riley und LaMonte Young in Ber\u00fchrung kam. Wohlgemerkt nachdem er bei Karlheinz Stockhausen und Gy\u00f6rgy Ligeti studiert hatte.<\/p>\n<p>Die Neue Musik ist also kein abgeschlossener Bereich, in dem Hochkultur zelebriert wird und Konsum keinen Platz findet. St\u00e4ndig versickern Techniken und Konzepte der Neuen Musik in andere, dem Konsum st\u00e4rker zugeneigte Bereiche.<\/p>\n<p>Doch wie sieht es in der umgekehrten Richtung aus? Dringen auch Kl\u00e4nge, Methoden, Techniken aus konsumorientierteren Musikbereichen in die Sph\u00e4re der Neuen Musik ein? Ein Beispiel: 2013 komponierte Hannes Seidl ein St\u00fcck mit dem sperrigen Titel <em>Die letzten 25 Jahre in No. 1 Hits der deutschen Jahrescharts dargestellt durch Karlheinz Stockhausens Studie 2 5x<\/em>. Das St\u00fcck kann als \u00abCover\u00bb der <em>Studie II<\/em> von Karlheinz Stockhausen (UA 1954) verstanden werden. Die <em>Studie II<\/em> ist nur aus elektronisch erzeugten Sinust\u00f6nen aufgebaut und gilt als fr\u00fcher Meilenstein der elektronischen Musik. Stockhausen hat daf\u00fcr eine elaborierte Partitur angefertigt, die jedem erm\u00f6glicht, das St\u00fcck \u00abnachzubauen\u00bb. Seidl hat dies f\u00fcr <em>Die letzten 25 Jahre<\/em> getan. Nur hat er daf\u00fcr nicht Sinust\u00f6ne als Grundlage verwendet, sondern eben die No. 1 Hits der deutschen Charts der Jahre 1988 bis 2013.<\/p>\n<p>Zum einen ist Seidls St\u00fcck ein Beispiel daf\u00fcr, dass auch Kl\u00e4nge aus der Pop-Musik inzwischen in der Neuen Musik Verwendung finden, dass also nicht nur Versickerungstendenzen von der Neuen Musik Richtung konsumorientierter Musik, sondern auch umgekehrt zu beobachten sind. Zum anderen dienten dem \u00abRegenwurm\u00bb Hannes Seidl nicht nur die Pop-Hits der Jahre 1988 bis 2013 als \u00abFutter\u00bb, sondern auch Stockhausens <em>Studie II<\/em>. Daraus k\u00f6nnte man nun schliessen, dass nicht nur die Pop-Hits von vorgestern, sondern auch die <em>Studie II<\/em> von Stockhausen inzwischen zu wertlosem \u00abAbfall\u00bb geworden sind. An dieser Stelle ist jedoch anzumerken, dass Flussers Regenwurmmodell immer auf einer bestimmten Perspektive beruht. Was nun z. B. Komplexit\u00e4t, Erneuerungsstreben, Formalismus oder Elitismus angeht, geh\u00f6rt die Neue Musik zur Speerspitze der Musik. Was Kategorien wie Verkaufszahlen oder Radiotauglichkeit betrifft, w\u00fcrden die Pop-Charts die Neue Musik um L\u00e4ngen schlagen. Aus dieser Perspektive sind sowohl Stockhausens <em>Studie II<\/em> als auch Seidls <em>Die letzten 25 Jahre<\/em> ziemlich wertlos.<\/p>\n<p>Hannes Seidl verbindet in <em>Die letzten 25 Jahre<\/em> die Verwertungskreisl\u00e4ufe der Neuen Musik und die der Pop-Musik auf kritische Weise. Durch das Recycling des Stockhausen-St\u00fcckes mittels Pop-Hits verweist er auf den Klassikerstatus von <em>Studie II<\/em>, die man \u2013 gem\u00e4ss den Mechanismen der Pop-Musik \u2013 deshalb covern darf. Gleichzeitig spricht er dem St\u00fcck eine gewisse veraltete \u00c4sthetik zu, die er auf ironische Weise durch die Verwendung der auch schon veralteten Pop-Hits zu erneuern sucht. Sowohl die No. 1-Hits als auch die <em>Studie II<\/em> sind pass\u00e9. Nur sind die Halbwertszeiten unterschiedlich lange.<\/p>\n<p>Die Parallelen gehen noch weiter. Sicherlich ist die Neue Musik nicht in der gleichen Weise wie die Musik der neusten Popsternchen den Mechanismen des konsumorientierten Markts unterworfen, doch g\u00e4nzlich frei von Verkaufsargumenten ist selbst die hehre Neue Musik nicht. Obwohl sie gr\u00f6sstenteils in einem durch Subventionen und Stiftungsgelder gesch\u00fctzten Raum entsteht, spielen verkaufsf\u00f6rdernde Aspekte auch in der Neuen Musik eine Rolle. Wobei sich der Erfolg weniger in den Ticket- und CD-Verk\u00e4ufen als im Interesse und F\u00f6rderungswille der Kulturaussch\u00fcsse, Stiftungen und Wettbewerbsjurys manifestiert.<\/p>\n<p>Es stellt sich dabei die Frage, ob die Neue Musik nicht die Aufgabe h\u00e4tte, diese W\u00fcnsche der Jurymitglieder, Konsumentinnen und Konsumenten etc. zu thematisieren und zu hinterfragen statt zu befriedigen. Gem\u00e4ss Clement Greenbergs ber\u00fchmtem Essay von 1939 <em>Avant-Garde and Kitsch<\/em> imitiert und thematisiert die Avantgarde (zu der man die Neue Musik z\u00e4hlen mag), die <em>Prozesse<\/em> der Kunst, w\u00e4hrend ihr Gegenpart, der Kitsch, die <em>Effekte<\/em> der Kunst imitiert. Dementsprechend muss sich Neue Musik, die ihr \u00abNeu\u00bb im Namen noch verdient, auf die Prozesse der Kunst und der heutigen Kunstlandschaft beziehen. Die eigene Disziplin zu zitieren, zu hinterfragen und zu kritisieren, stellt somit eine notwendige Bedingung f\u00fcr interessante Ergebnisse dar. Damit einher geht die von Seidl mittransportierte Einsicht, dass Neue Musik und Konsum sich nicht ganz so spinnefeind sind, wie man vielleicht annehmen k\u00f6nnte.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<blockquote class='text-section'>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<p> Vil\u00e9m Flusser: <em>Die Informationsgesellschaft als Regenwurm<\/em>, in: Gert Kaiser, Dirk Matejovski, Jutta Fedrowitz: <em>Kultur und Technik im 21. Jahrhunder<\/em>t, Frankfurt a.M. und New York 1993, S. 69-80.<\/p>\n<p> Hannes Seidl: <em>Die letzten 25 Jahren in No. 1 Hits der deutschen Jahrescharts dargestellt durch Karlheinz Stockhausens Studie 2 5x<\/em>; Exzerpte und mehr Informationen unter: <a href='http:\/\/studios.basis-frankfurt.de\/works\/die-letzten-25-jahre-\/'>http:\/\/studios.basis-frankfurt.de\/works\/die-letzten-25-jahre-\/<\/a> [eingesehen: 4. Juli 2016].<\/p>\n<p> Hannes Seidl: <em>Neu. \u00dcber die \u00d6konomie Neuer Musik<\/em>, in: <em>Kunstmusik<\/em> 13 (2010), S. 46-52.<\/p>\n<p> Clement Greenberg: <em>Avant-Garde and Kitsch<\/em>, in: <em>Partisan Review<\/em> 6\/5 (1939), S. 34-49.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Jaronas Scheurer<\/strong><br \/> \u2026 ist Masterstudent an der Universit\u00e4t Basel (Musikwissenschaft und Philosophie), Hilfsassistent am Musikwissenschaftlichen Seminar Basel und Musikjournalist.<\/p>\n<\/blockquote>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>A prima vista, la nuova musica e il consumismo sembrano essere agli estremi opposti dello spettro culturale. Tuttavia, l'attenzione alla novit\u00e0 senza compromessi da un lato e alla commerciabilit\u00e0 dall'altro non \u00e8 cos\u00ec netta.<\/p>","protected":false},"author":1,"featured_media":42257,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[1565],"tags":[],"class_list":["post-42256","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-smz"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>Versickerungstendenzen - Schweizer Musikzeitung<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/it\/allgemein\/2016\/11\/versickerungstendenzen\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"it_IT\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Versickerungstendenzen - Schweizer Musikzeitung\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Auf den ersten Blick scheinen Neue Musik und Konsum an entgegengesetzten Enden des Kulturbetriebes angesiedelt. 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