{"id":44087,"date":"2016-10-20T09:07:49","date_gmt":"2016-10-20T07:07:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/?p=44087"},"modified":"2024-02-28T17:28:23","modified_gmt":"2024-02-28T16:28:23","slug":"giovanni-henrico-albicastro","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/it\/dossiers\/2016\/10\/giovanni-henrico-albicastro","title":{"rendered":"(Giovanni) Henrico Albicastro"},"content":{"rendered":"\n\n<figure id=\"attachment_44091\" aria-describedby=\"caption-attachment-44091\" style=\"width: 554px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-44091\" src=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Albicastro.jpg\" alt=\"\" width=\"554\" height=\"346\" srcset=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Albicastro.jpg 554w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Albicastro-300x187.jpg 300w, https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/2023\/04\/Albicastro-280x175.jpg 280w\" sizes=\"auto, (max-width: 554px) 100vw, 554px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-44091\" class=\"wp-caption-text\">Die Unterschrift von Johann Heinrich Weissenburg alias Albicastro. Foto: zVg<\/figcaption><\/figure>\n<p>Dokumente, die erst in diesem Jahr aufgetaucht sind, verweisen nun mit gr\u00f6sster Wahrscheinlichkeit auf Klosterneuburg bei Wien als Herkunftsort. Gefunden hat sie der niederl\u00e4ndische Philosoph und Genealoge Marcel Wissenburg, der im Interview in der <em>Musikzeitung <\/em>von Oktober\/November 2016 (S. 10 ff) dar\u00fcber berichtet. Wo der Komponist seine musikalische Ausbildung erhielt \u2013 er war offenbar ein virtuoser Geiger \u2013, wie er in die Niederlande kam, das Land, in dem er den gr\u00f6ssten Teil seines Lebens verbrachte, warum er ausgerechnet in der umtriebigsten Zeit seiner Milit\u00e4rkarriere die meisten seiner Werke schrieb und warum er dann pl\u00f6tzlich zu komponieren aufh\u00f6rte, ist aber immer noch unklar.<\/p>\n<p>Otmar T\u00f6nz, emeritierter Professor und ehemaliger Chefarzt der Kinderklinik Luzern sowie passionierter Musikforscher, begann 2006, nach dem Herkunftsort Albicastros zu suchen. 2010 berichtete er zusammen mit dem Musikwissenschaftler Rudolf Rasch in einem <a href=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/smz_archive\/2010_Archiv_PDF\/04_2010\/archiv_04_art_albicastro.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Artikel der <em>Schweizer Musikzeitung<\/em> \u00fcber die Forschungen (SMZ 4\/2010, S. 19 ff.)\u00a0<\/a><\/p>\n<p>Die ausf\u00fchrlichen Forschungsergebnisse der bis dahin letztlich ergebnislosen Suche haben Rudolf Rasch und Otmar T\u00f6nz auch in einer 65-seitigen Publikation zusammengefasst: Otmar T\u00f6nz, Rudolf Rasch, <em>Henrici Albicastro,<\/em> 2., \u00fcberarb. und erw. Auflage. [Fachhochschule f\u00fcr Musik], Luzern 2011.<\/p>\n<p>Albicastro hat 51 Sonaten f\u00fcr Solovioline (mit B.c.), 2 f\u00fcr Viola da Gamba, 60 Triosonaten und 12 Concerti (Quartette) komponiert; zudem die Soprankantate <em>Coelestes angelici chori.<\/em> Von den 11 Sonatensammlungen sind 2 g\u00e4nzlich und 2 teilweise verschollen, Opus II vermutlich erst seit dem zweiten Weltkrieg.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Kurzbiografie Albicastros und kleine Werkschau<\/h3>\n<p>Autor: Otmar T\u00f6nz (1926-2016)<\/p>\n<div class=\"main-content article clearfix\">\n<p><strong>Wissenstand 2015<\/strong><\/p>\n<div class=\"text-section\">\n<p>Kurz nach der Mitte des 17. Jahrhunderts wurde im europ\u00e4ischen Kulturraum ein Knabe namens Joh. Heinrich Weissenburg geboren; zwar ohne offiziellen Eintrag in einem Taufregister, d.h. die Nachwelt kannte weder den Namen der Mutter, noch den Beruf des Vaters, weder das Taufdatum des Knaben, noch der Ort seiner Herkunft. Nicht aus Akten, sondern aus dem weiteren Verlauf seiner retrospektiv erfassten Lebensgeschichte erfahren wir, dass dieser Knabe ein ausserordentliches Talent besass: Er beherrschte fr\u00fch das Geigenspiel auf hohem Niveau und auch Musiktheorie und Kompositionslehre erlernte er m\u00fchelos.<\/p>\n<p>Das erste und einzige Dokument, das wir besitzen stammt vom bereits erwachsenen, jungen Weyssenburg, der die Stelle eines Musicus Academiae der Universit\u00e4t Leyden in den Niederlanden erhielt. Wie es ihn in die Niederlande verschlug, ist nicht bekannt. Auf dem genannten Dokument der Universit\u00e4t ist ausser der Anstellung ein sehr wichtiges Faktum wiedergegeben: Er bezeichnet sich bez\u00fcglich Herkunft als Viennensis (aus Wien). Wahrscheinlich haben ungez\u00e4hlte Albicastro-Fans seither die kirchlichen und weltlichen Akten in Wien durchforscht, aber \u2013 wie wir \u2013 ohne Erfolg.<\/p>\n<p>Verwirrung schaffte dann das sp\u00e4ter erschienen Lemma \u00abAlbicastro\u00bb im ersten Deutschsprachigen Musiklexikon von J.G. Walther (1728): \u00abAlbicastro (Henrici) ein Schweitzer, Weissenburg eigentlich genannt &#8230; \u00bb nun fokussierte sich das Interesse auf die Schweiz, bis heute. Seine Werke wurden in der Reihe \u00abSchweizerische Musikdenkm\u00e4ler\u00bb ediert und vom Bund finanziert. Die ersten wissenschaftlichen Arbeiten wurden auch hierzulande gemacht. Der Schweizer Violinist und Bayerische Kammermusiker Walter Probst hat das gesamte, damals noch nicht gedruckte Werk in sehr sch\u00f6ner Handschrift kopiert und gleichzeitig den Bass ausgeschrieben. Schliesslich entdeckte Prof. Kurt Fischer in den 1970er-Jahren die Solokantate\u00a0<em>Coelestis angelici chori\u00a0<\/em>im Br\u00fcsseler Konservatorium.<\/p>\n<p>Von der Kindheit und Jugend Albicastros wissen wir also nur, dass er ein fr\u00fchreifes musikalisches Genie bez\u00fcglich des Violinspiels und der Komposition von ein- und mehrstimmigen Sonaten, vorwiegend im italienischen Stil (Vorbild: Arcangelo Corelli), war. Leider wissen wir nichts \u00fcber seine schulische und musikalische Ausbildung. Die Lateinschule (und den Italienischunterricht) besuchte er wahrscheinlich nur auf einer untersten Stufe; zu h\u00e4ufig sind seine orthografischen und grammatikalischen Fehler, z. B. der Gebrauch des Genitivs f\u00fcr seinen Vornamen.<\/p>\n<p><strong>Milit\u00e4rische und musikalische Laufbahn<\/strong><br \/>\nIn den Niederlanden trat Weissenburg auch in die Armee ein, wo er in einer langen und erfolgreichen Karriere zehn R\u00e4nge aufsteigt, vom Unteroffiziert bis zum Rittmeister. Er diente in Niederl\u00e4ndischen Regimentern, die im Spanischen Erbfolgekrieg eingesetzt waren. Ab 1706 signiert er seine musikalischen Werke ausschliesslich mit Henrici Albicastro, seine dienstlichen und privaten Papiere seit 1686 mit (Johan) Hendrick van Weyssenburgh.<\/p>\n<p>Mit etwa 40 Jahren erfolgte ein tiefgreifender Bruch in seiner Lebenslinie: Er legte seine Violine beiseite und konzentrierte sich ausschliesslich auf seine milit\u00e4rische Laufbahn bei den berittenen Truppen. Der Berufswechsel ist wohl als Ausdruck seines Ehrgeizes zu verstehen. Eine Gruppe von Schweizer Grafologen sieht seinen pers\u00f6nlichen Traumplatz auf dem \u00abFeldherrenh\u00fcgel\u00bb.<\/p>\n<p><strong>Famili\u00e4re Verh\u00e4ltnisse<\/strong><br \/>\n1705 heiratete er Cornelia Maria Coeberg, eine Kaufmannstochter aus Grave, einer Festungs- und Garnisonstadt an der Maas. Nach der Geburt seines ersten Kindes gr\u00fcndeten sie einen eigenen Hausstand an der gleichen Strasse (Klinkerstraat), schr\u00e4g vis \u00e0 vis ihrer Eltern. Das erste Kind hiess Gerhardus Alexander, der in den Fussstapfen seines Vaters ebenfalls eine milit\u00e4rische Laufbahn einschlug, aber leider schon mit 22 Jahren verstarb. Dann folgt die Tochter Johanna Allegundis, t\u00fcchtig, arbeitsam und intelligent, die den Gutsverwalter des F\u00fcrstenhauses Hohenzoller-Sigmaringen \u2013 Petrus Johannes Hengst \u2013 heiratet und eine kinderreiche Familie hinterliess, deren letzte Nachkommen bis heute leben.<\/p>\n<p>Dann folgte wieder ein Knabe, Johannes Michaelis, der ebenfalls, wie Gerhard die Lateinschule bei den Karmelitern in Boxmeer absolviert hatte. Diesem gelang dann die milit\u00e4rische Karriere endg\u00fcltig. Aber trotz seiner zehn Kindern versiegt der Stamm der von Weissenburgs bei seinen Grosskindern, sodass dieses Geschlecht in den Niederlanden ausgestorben oder ausgewandert ist. Schliesslich folgt als viertes noch die Tochter Everdina Alexandrina. Nur bei ihr besitzen wir den Taufbucheintrag. Sie wurde 1713 in Grave geboren und ist 1734 als Krankenschwester dem Karmeliterorden beigetreten.<\/p>\n<p>Zu einem Hinscheiden seiner Frau fehlt jeder Hinweis. Jedenfalls heiratete der 61-j\u00e4hrige Witwer am 15. Februar 1722 ein zweites Mal. Die Erk\u00fcrte war Petronella Baronessa Rhoe d\u2019 Oppsinnigh, eine Baronin, die vielleicht seinem Traum vom Feldherrenh\u00fcgel zu entsprechen vermochte, aber deren Lebensstil die finanziellen M\u00f6glichkeiten des Rittmeisters bei Weitem \u00fcberstieg. Zun\u00e4chst mussten zwei Pferde plus Kutsche und eine entsprechende Stallung angeschafft werden. Das luxuri\u00f6se gesellschaftliche Leben und weitere Kosten f\u00fchrten nicht nur in die Armut, sondern zu einem grossen Schuldenberg, den die Kinder aus erster Ehe und die Witwe der zweiten Heirat abzutragen hatten.<\/p>\n<p><strong>Kompositorisches Werk<\/strong><br \/>\nWenn Albicastro beim Eintritt in die milit\u00e4rischen Schulen seine Geige abgelegt hat, so gilt das nicht f\u00fcr sein Kompositionsheft. Paradoxerweise begann da seine musikalisch produktivste Phase seines Lebens. Es ist fast unglaublich, dass er in den Jahren seiner milit\u00e4rischen Ausbildung und ersten Karriereschritte genau 100 Sonaten komponiert hat, meist 4-s\u00e4tzige, in allen Dur- und Moll-Tonarten, technisch zum Teil sehr anspruchsvoll: voller Doppelgriffe und ausgedehnter fugierter S\u00e4tze. Das Schreiben allein ist eine Riesenarbeit. 100 Sonaten sind f\u00fcr andere ein Lebenswerk. Rechnen wir die fr\u00fcheren und sp\u00e4teren und verschollenen Werke dazu, so kommen wir auf etwa 130 Kompositionen, vor allem Sonaten.<\/p>\n<p>Eine Sonderform sei hervorgehoben, die Folia, ein Thema mit \u00abausgelassenen\u00bb Variationen. Auch Corelli hat eine Folia geschrieben; op. V \/ Nr. 6. In Ehrerbietung zu seinem geistigen Lehrer reiht Albicastro die seine ebenfalls als op. V \/ Nr. 6 ein. Ein Vergleich ergibt: Der R\u00f6mer schreibt nach den Regeln der Kunst, h\u00e4lt die historisch vorgeschriebenen Takt- und Satzzahlen ein, lebhaft, aber nicht ausgelassen, k\u00fcnstlerisch sehr sauber. Bei Albicastro ist es eher wild, die S\u00e4tze unterschiedlich lang, zum Teil sehr hohe Tempi, emotional st\u00e4rkere Ausbr\u00fcche und ein rauschende Finale in den Schlusstakten.<\/p>\n<p>Die einzige vokale Komposition Albicastro ist\u00a0<em>Coelestes angelici chori,<\/em>\u00a0eine geistliche Solokantate f\u00fcr hohe Stimme, Streicher und Basso continuo. Vielleicht das letzte Musikst\u00fcck von Albicastro? Ein wundersch\u00f6nes Gesangswerk, das mit einem brillanten, reich kolorierten Hauptsatz er\u00f6ffnet wird. Dann folgt ein unglaublich sch\u00f6nes Rezitativ (wie man es fast nur von Bach kennt), gefolgt von einem zart fliessenden Adagio, in welchem weiche Solo-Violinen den Gesang umweben. Dann schliesst ein festliches Halleluja die Kantate ab.<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<div id=\"comments\"><\/div>\n<h3 id=\"your-comment\" class=\"form-wrapper\">Weitere Forschungen<\/h3>\n<div>Der niederl\u00e4ndische Philosoph und Genealoge Marcel Wissenburg hat ein Dokument aus dem Jahr 1708 aufgesp\u00fcrt, das helfen k\u00f6nnte, die Herkunft Albicastros zu kl\u00e4ren: <a href=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/wp-content\/uploads\/smz_archive\/2016_Archiv_PDF\/10_2016\/archiv-10-Focus-Interview.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Interview mit Marcel Wissenburg in der Schweizer Musikzeitung 10\/2016, S. 10 ff.<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Se si crede al primo \"Lessico musicale\" in lingua tedesca di Johann Gottfried Walther (1728), il compositore barocco Albicastro (1662?-1730) era \"uno Schweitzer\". Tuttavia, per secoli non \u00e8 stato possibile trovare alcuna prova o testimonianza del contrario. <\/p>","protected":false},"author":23,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[1623],"tags":[2355,2358,2356,2357],"class_list":["post-44087","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-dossiers","tag-albicastro","tag-marcel-wissenburg","tag-otmar-toenz","tag-rudolf-rasch"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.5 - https:\/\/yoast.com\/product\/yoast-seo-wordpress\/ -->\n<title>(Giovanni) Henrico Albicastro - Schweizer Musikzeitung<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/it\/dossiers\/2016\/10\/giovanni-henrico-albicastro\/\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"it_IT\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"(Giovanni) Henrico Albicastro - Schweizer Musikzeitung\" \/>\n<meta property=\"og:description\" content=\"Glaubt man dem ersten deutschsprachigen \u00abMusicalischen Lexicon\u00bb von Johann Gottfried Walther (1728), so war der Barockkomponist Albicastro (1662?\u20131730) \u00abein Schweitzer\u00bb. 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