{"id":70380,"date":"2026-01-29T09:00:59","date_gmt":"2026-01-29T08:00:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/?p=70380"},"modified":"2026-01-28T17:52:19","modified_gmt":"2026-01-28T16:52:19","slug":"musikalisches-erbe-in-schweizer-musikhochschulen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.musikzeitung.ch\/it\/basis\/kmhs\/2026\/01\/musikalisches-erbe-in-schweizer-musikhochschulen","title":{"rendered":"Il patrimonio musicale nelle accademie di musica svizzere"},"content":{"rendered":"\n\n<p>Was versteht man heute unter \u00abmusikalischem Erbe\u00bb, wenn man eine Musikhochschule in der Schweiz leitet? Eine Sammlung von Werken, die wie Objekte weitergegeben werden k\u00f6nnen? Eine institutionelle Verantwortung? Oder eine lebendige Materie, die gestaltet und transformiert werden muss?<\/p>\n<p>Auf Einladung der Konferenz der Schweizer Musikhochschulen (KMHS) hat die Schweizer Musikzeitung (SMZ) die Leitungen der Musikhochschulen des Landes befragt. Die Antworten zeichnen \u2013 fernab eines einheitlichen Diskurses \u2013 ein vielschichtiges Bild, teils konsensuell, teils kontrovers, in dem die Idee des musikalischen Erbes selbst infrage gestellt, erweitert oder neu definiert wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Zwischen \u00dcberlieferung und Aktivierung: Was \u00abexistiert\u00bb eigentlich?<\/strong><\/p>\n<p>In Z\u00fcrich f\u00fchrt Xavier Dayer (ZHdK) einen deutlichen Bruch mit der Vorstellung eines festen, stabilisierten Erbes ein: \u00ab\u200aLe patrimoine envisag\u00e9 comme un ensemble stabilis\u00e9 rel\u00e8ve d\u2019une fiction. Nous vivons entour\u00e9s d\u2019archives\u200a: ce qui les rend vivantes, c\u2019est notre regard, notre \u00e9coute, notre mani\u00e8re de les interroger.\u200a\u00bb<\/p>\n<p>In dieser Perspektive ist das musikalische Erbe keine gegebene Gr\u00f6sse, sondern eine Beziehung. Nichts existiert, solange es nicht aktiviert wird.<\/p>\n<p>Dieser Gedanke steht \u2013 ohne sich mit ihm zu vermischen \u2013 in Resonanz mit einem der provokativen Spiegel, die der Musikwissenschaftler Daniel Leech-Wilkinson vorh\u00e4lt. F\u00fcr ihn ist der Glaube an ein stabiles \u00abWerk\u00bb eine vergleichsweise junge historische Konstruktion: Nicht das Objekt, sondern die Erfahrung im Vollzug erzeugt musikalischen Wert. (Daniel Leech-Wilkinson: Challenging Performance, Kapitel 6.17: Works) Dieser Hinweis stellt die Idee des Erbes nicht grunds\u00e4tzlich infrage, l\u00e4dt jedoch dazu ein, sie weniger als \u00fcbertragbaren Block denn als eine sich bewegende Materie zu verstehen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Ein Erbe im Wandel \u2013 je nach Institution, die es aufnimmt<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr einige Institutionen bedeutet die Auseinandersetzung mit dem Erbe zun\u00e4chst, ein konkretes Verh\u00e4ltnis zur Materialit\u00e4t der Spuren zu pflegen: Partituren, Sammlungen, Archive, musikalische Nachl\u00e4sse, Klangobjekte. In Luzern etwa zeugen das Orgeldokumentationszentrum oder die Jazz-Helvetica-Archive von einer geduldigen Bewahrungsarbeit, in der der Akt des Konservierens bereits ein Akt der Vermittlung ist. Hier beginnt das musikalische Erbe noch bevor es erklingt. Valentin Gloor, Direktor der HSLU, weist in diesem Zusammenhang auch auf die Grenzen der Musikhochschulen in der Weitergabe des musikalischen Erbes hin: \u00abEiner Musikhochschule muss daher immer bewusst sein, dass sie kultur- und kontextbedingt nur einen winzigen Teil dieses unermesslichen musikalischen Erbes pflegen, ergr\u00fcnden und weitergeben kann.\u00bb<\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber beschreibt Genf ein musikalisches Erbe in st\u00e4ndiger Expansion, das weit \u00fcber die historischen Mauern des westlichen Kanons hinausreicht. B\u00e9atrice Zawodnik erl\u00e4utert, dass es dabei ebenso um vergessene Partituren geht wie um nicht-schriftliche Praktiken, um unterrichtete indische Musiktraditionen oder um das Entstehen eines elektronischen Repertoires, das inzwischen \u00fcber eigene Geschichte und Codes verf\u00fcgt. Das Erbe wird hier zu einem Raum der Erweiterung, in dem hinzugef\u00fcgt, sichtbar gemacht und repariert wird.<\/p>\n<p>Dieser Gegensatz macht eine zentrale Spannung deutlich: Musikalisches Erbe kann entweder als etwas verstanden werden, das es zu sch\u00fctzen gilt \u2013 oder als etwas, das ge\u00f6ffnet werden muss.Genau in diesem Zwischenraum, zwischen Erinnerung und Erweiterung, bewegt sich die Schweizer Musiklandschaft heute.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Vermitteln \u2026 oder experimentieren?<\/strong><\/p>\n<p>Eine Frage zieht sich durch mehrere Antworten: Wird tats\u00e4chlich ein Erbe vermittelt \u2013 oder werden vielmehr Praktiken erprobt, die erst in Zukunft als Erbe wahrgenommen werden?<\/p>\n<p>Xavier Dayer formuliert dies unmissverst\u00e4ndlich: \u00ab\u200aJe ne suis pas certain que nous transmettions un patrimoine. Nous exp\u00e9rimentons, et nous cr\u00e9ons les archives de celles et ceux qui nous succ\u00e9deront.\u200a\u00bb<\/p>\n<p>Auch in Genf wird betont, dass Studierende nicht nur Adressat:innen sind: \u00ab\u200aLe patrimoine n\u2019est d\u00e9sormais pas seulement re\u00e7u mais construit activement. [\u2026] Il existait un patrimoine en sommeil que nos \u00e9tudiant:es et nos enseignant:es s\u2019efforcent d\u00e9sormais de mettre en lumi\u00e8re. On ne peut donc plus raisonner seulement en termes d\u2019un petit ensemble fini d\u2019\u0153uvres \u00e9crites entre la fin du XVIIIe si\u00e8cle et le d\u00e9but du XXe.\u200a\u00bb<\/p>\n<p>Studierende werden zu Mitproduzent:innen eines sich formierenden Erbes, wenn sie sich an Projekten der Wiederentdeckung, der Forschung oder der k\u00fcnstlerischen Sch\u00f6pfung beteiligen.<\/p>\n<p>In Lausanne (HEMU) spricht No\u00e9mie Robidas von einem \u00abpatrimoine vivant qui s\u2019enrichit au contact des cr\u00e9ations contemporaines\u00bb. Doch diese Bewegung ist zirkul\u00e4r zu denken: Zeitgen\u00f6ssische Werke n\u00e4hren sich ihrerseits aus dem Vergangenen. Das Erbe ist kein Pfeil, der vom Kanon in die Zukunft weist, sondern ein kreisender Atem, in dem das Vergangene das Gegenw\u00e4rtige speist \u2013 und das Gegenw\u00e4rtige neu bestimmt, was k\u00fcnftig als Erbe gelten wird.<\/p>\n<p>Diese dynamische Sichtweise muss jedoch durch eine Realit\u00e4t relativiert werden, die sich im Alltag zeigt: Das Zeitgen\u00f6ssische setzt sich nicht immer selbstverst\u00e4ndlich durch. In der Praxis bleibt eine \u00e4sthetische Komfortzone bestehen. Es ist nicht selten zu beobachten, dass f\u00fcr manche Studierende \u2013 ebenso wie f\u00fcr einen Teil des Konzertpublikums \u2013 das patrimoniale Vorstellungsfeld stark auf die Vergangenheit ausgerichtet bleibt. Die Integration neuer \u00e4sthetischer Sprachen ist weder automatisch noch unumstritten. Zwischen institutionellem Anspruch und realer Rezeption bleibt das musikalische Erbe im Werden ein Spannungsfeld.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was tun mit dem Schweizer musikalischen Erbe?<\/strong><\/p>\n<p>Diese Verschiebungen spiegeln sich auch in den p\u00e4dagogischen Strukturen wider. No\u00e9mie Robidas erl\u00e4utert, dass die HEMU (Waadt\u2013Wallis\u2013Freiburg) jedes Jahr mit einer Composer-in-Residence arbeitet und damit die k\u00fcnstlerische Sch\u00f6pfung unmittelbar in einen Vermittlungsgestus einbindet. Andere Institutionen verfolgen eine st\u00e4rker kuratorische Haltung: Sie lassen Werke zun\u00e4chst \u00abreifen\u00bb, bevor entschieden wird, ob sie aufgef\u00fchrt, studiert oder in den Lehrplan aufgenommen werden. In diesem Zusammenhang weist Leech-Wilkinson darauf hin, dass jede Form von Patrimonialisierung auch eine Machtoperation ist: Sie fixiert und unterscheidet, was bewahrt, gespielt, verkauft und gefeiert werden soll \u2013 und was in Vergessenheit geraten darf. In Genf etwa spricht B\u00e9atrice Zawodnik von punktuellen Projekten und betont zugleich, dass es kein systematisches F\u00f6rderinstrument f\u00fcr das Schweizer musikalische Erbe gibt.<\/p>\n<p>In Bern schliesslich verweist Rico Gubler (HKB) auf die Verantwortung der Musikhochschulen gegen\u00fcber regionalen Komponist:innen sowie auf die Bedeutung der Programmierung von Repertoires, die im kommerziellen Musikbetrieb wenig pr\u00e4sent sind: \u00abDies ist die Grundlage, dass die jeweiligen regionalen Hochschulen sich besonders um die in ihrem Umfeld t\u00e4tigen Tonsetzer:innen bem\u00fcht sind, weil es andere aus verschiedenen Gr\u00fcnden weniger tun (m\u00fcssen).\u00bb<\/p>\n<p>Diese Koexistenz unterschiedlicher Zeitlichkeiten erzeugt eine sehr spezifisch schweizerische Realit\u00e4t: Wir lehren nicht alle dieselben Zuk\u00fcnfte. Manche Hochschulen konfrontieren Studierende bewusst mit dem Neuen, andere vermitteln zun\u00e4chst eine gemeinsame Sprache, bevor sie dazu anregen, diese zu transformieren. Es gibt keine richtige oder falsche Strategie \u2013 sondern unterschiedliche p\u00e4dagogische \u00d6kosysteme, in denen die Vorstellung von Erbe auch die Art und Weise pr\u00e4gt, wie Musiker:innen ausgebildet werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Schluss<\/strong><\/p>\n<p>Wenn ein gemeinsamer Nenner diese Positionen verbindet, dann die Einsicht, dass musikalisches Erbe kein Vergangenes ist, sondern ein Werden.Es wird nicht wie ein Tresor weitergegeben, sondern entsteht Tag f\u00fcr Tag neu \u2013 in Unterrichtsr\u00e4umen, Ateliers, H\u00f6rpraktiken, wieder ge\u00f6ffneten Archiven, in gespielten, verworfenen und transformierten Werken.<\/p>\n<p>Auf schweizerischer Ebene existiert daher keine einheitliche Vorstellung von musikalischem Erbe, sondern eine differenzierte, transversale und st\u00e4ndig in Bewegung befindliche Konzeption. In dem Masse, in dem das Erbe mit einer kontinuierlichen Reflexionsbereitschaft sowie mit einer offenen und flexiblen Haltung der Musiker:innen von morgen einhergeht, liegt darin vielleicht der gr\u00f6sste Reichtum, den unsere Musikhochschulen weitergeben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Le prospettive dei direttori dei conservatori svizzeri mostrano una comprensione del patrimonio musicale a pi\u00f9 livelli, tra archivio, pratica viva e responsabilit\u00e0 istituzionale.<\/p>","protected":false},"author":58047,"featured_media":70381,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_acf_changed":false,"_relevanssi_hide_post":"","_relevanssi_hide_content":"","_relevanssi_pin_for_all":"","_relevanssi_pin_keywords":"","_relevanssi_unpin_keywords":"","_relevanssi_related_keywords":"","_relevanssi_related_include_ids":"","_relevanssi_related_exclude_ids":"","_relevanssi_related_no_append":"","_relevanssi_related_not_related":"","_relevanssi_related_posts":"","_relevanssi_noindex_reason":"","pgc_sgb_lightbox_settings":"","footnotes":""},"categories":[31,46],"tags":[],"class_list":["post-70380","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-basis","category-kmhs"],"acf":[],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v27.4 - 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