20 Jahre Forum Wallis und Programm 2026
Das Festival für Neue Musik feiert sein 20-jähriges Bestehen. Dieses Jahr wird es mit einem vielseitigen Programm über mehrere Wochenenden im Goms durchgeführt.

In den zwanzig Jahren seines Wirkens hat das Forum Wallis Hunderte Werke zeitgenössischer Musik in den Schweizer Bergkanton gebracht. Neben der grossen Aufbauarbeit hat es mit der legendären Produktion von Stockhausens Helikopter-Streichquartett 2015 internationales Niveau bewiesen.
Ungewohnte Längen
Das diesjährige Festival dauert vom 4. Juni bis 4. Juli 2026. Es präsentiert kammermusikalische, experimentelle und akusmatische Formate aus dem Wallis, der Schweiz und der Welt. Ein roter Faden zieht sich durch die Darbietungen: Überlänge und Entschleunigung. Zeit geben, Zeit lassen – das steht im Zentrum.
Bereits zum 11. Mal findet die akusmatische Reihe Ars Electronica Forum Wallis Selection Concerts am MEbU (Münster Earport) statt. In vier Konzerten stellt Simone Conforti 32 Werke von 35 Komponistinnen und Komponisten vor. Darunter sind 3 Uraufführungen und 29 Schweizer Premieren.
Das Minguet Quartett spielt Morton Feldmans 2. Streichquartett . Mit einer Dauer von viereinhalb Stunden ist es das längste der Musikgeschichte. Voutchkova/Strahl/Mengis/Pfammatter und das Erb/Mayas/Läng Trio, zwei ausgefeilte Konstellationen des aktuellen Jazz, gestalten zwei Improvisationsabende. UMS’nJIP und Luis Tabuenca setzen den gesamten Lyrikband In der Nahaufnahme verwildern wir von Rolf Hermann in einem achtstündigen Uraufführungsmarathon in Musik.
Erstmals in der Schweiz gastiert das Proyecto Piano Joven aus Sevilla. Das Ensemble präsentiert Werke für Klavier und Live-Elektronik, die spanische Komponistinnen und Komponisten speziell für Kinder und Jugendliche geschrieben haben. Und schliesslich tourt der Oberwalliser Volksliederchor durch Oberwalliser Dörfer. Er bringt alte und neue Arrangements lokaler Volkslieder – gespiegelt an traditioneller Musik aus Bolivien.
Das Forum Wallis wird aktuell von Javier Hagen, Ulrike Mayer-Spohn, Manuel Mengis und Hans-Peter Pfammatter (IGNM-VS) geleitet.
Rückblick auf 20 Jahre Forum Wallis
Es entstand aus dem Verein Kleine Konzertreihe Oberwallis, der ab den 1980er-Jahren Pionierarbeit im Walliser Konzertleben leistete. Ab 2006 bot das Festival der zeitgenössischen Musikszene erstmals eine Plattform, um Werke zu zeigen und an der internationalen Szene zu spiegeln. 2011 wurde die IGNM-VS gegründet – die Walliser Ortssektion der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik – und das Festival damit strukturell international verankert.
Die Bilanz ist beeindruckend. Bis 2025 hat das Forum Wallis über 350 Uraufführungen mitproduziert, Werke von mehr als 500 Komponistinnen und Komponisten gespielt, über 100 einheimischen Künstlerinnen und Künstlern sowie mehr als 200 Ensembles und Musikerinnen und Musikern eine Bühne geboten.
Heutige Herausforderungen
Das Festival arbeitet ehrenamtlich, um Fördermittel direkt an die Musikerinnen und Musiker weiterzugeben. Der bürokratische Aufwand wächst, die Unterstützungen sinken. Lokale Veranstalter programmieren heute zwar auch Zeitgenössisches – bevorzugen aber publikumswirksame Formate. Das Forum Wallis füllt die Lücke: mit anspruchsvollen, avancierten Produktionen. Das bringt kleine Publikumszahlen und Finanzierungsschwierigkeiten – aber auch Wertschätzung bei Künstlerinnen und Künstlern, Publikum, Medien und Politik. Denn das Forum Wallis hält sich nach wie vor auf Augenhöhe mit den Qualitätsstandards der grossen internationalen Festivals.
Höhepunkte der Festivalgeschichte
Das Festival hat in 20 Jahren viele eindrückliche Aufführungen erlebt. Pars pro toto seien einige erwähnt. Jean-Pierre Pellets Waldeinsamkeit mit dem Mondrian Ensemble am Eröffnungsabend des allerersten Festivals 2006 in Brig. Valentin Carrons Cicero-Graffitis im Keller des Briger Stockalperschlosses. Mela Meierhans’ Musiktheater Tante Hänsi, das Walliser Jodelchöre bis an die Berliner Festspiele brachte. Marienglas von Beat Gysin, ein sinnlich-klaustrophobisches Hörtheater auf Das Schloss von Franz Kafka. Les Musiciens de Brème, eine Kinderoper von Wen Deqing zusammen mit dem NEC. Cod.Acts Pendulum Choir am Pfingstsonntag 2016 in der Leuker Stefanskirche.
Weiter die Programmschiene Integrations, die so unterschiedliche Ensembles und Musiker zum gemeinsamen Musizieren und Improvisieren zusammenbrachte wie das Klangforum Wien, recherche, UMS’nJIP, Ensemble Modern, zafraan, dissonArt, Taller Sonoro, Wolfgang Mitterer, Fabian Panisello u.v.m. Oder seit mehr als 10 Jahren die Ars Electronica Forum Wallis Selection Concerts mit neuer akusmatischer Musik aus aller Welt. Ebensowenig dürfen die subtilen Performances von Richard Jean und Lukas Huber fehlen oder die dröhnend lauten Auftritte von Steamboat Switzerland und Frachter.
Unter Jan Dobrzelewski gab es über mehrere Jahre wallisweite Kinder- und Schulprojekte mit dem Sinfonieorchester der HEMU. Das Forum Wallis hielt 2020 und 2021 als eines der wenigen Festivals für Neue Musik in Europa den Betrieb während der Pandemie live aufrecht. Die Pause erfolgte ironischerweise 2022 nach der Pandemie, als inflationär viele Veranstaltungen nachgeholt wurden und es schlicht keinen Raum mehr für Neue Musik gegeben hat.

Herausragend: das «Helikopter-Streichquartett»
2015 lieferte das Forum Wallis mit Stockhausens Helikopter-Streichquartett sein Gesellenstück. Das Forum Wallis brachte ab 2006 im Wallis Prozesse in Gang, die andernorts in der Schweiz beinahe 100 Jahre davor etabliert worden waren. Kurz nach der Gründung der IGNM/ISCM im Jahr 1922 fanden 1926 die ersten ISCM World New Music Days in der Schweiz unter Hermann Scherchen und Volkmar Andreae in Zürich statt. Danach 1929 in Genf unter Ernest Ansermet. Diesen Entwicklungsrückstand übersehen Kulturpolitik, Medien und selbst die Szene nur zu gern. Regelmässig wurde dem Festival in seinen Anfangsjahren vorgehalten, nicht genug avancierte Programme zu veranstalten, weil es lokalen Kräften bewusst viel Raum und ein Sprungbrett gewährt.
Deshalb beschloss die IGNM-VS 2015, in Rekordzeit die bemerkenswerteste Performance des schwersten Stücks, das man sich vorstellen konnte zu produzieren: Stockhausens Helikopter-Streichquartett. Und zwar in Rekordzeit und mit den besten ihres Fachs: dem Arditti Quartet und André Richard. Das Arditti Quartet hatte das Werk initiiert und uraufgeführt. André Richard hatte Stockhausen bei diesem Stück mehrmals assistiert und das Stück an den Salzburger Festspielen und der Biennale Musica Venezia geleitet.
Dazu kamen die vier Chefpiloten von Air Glaciers, der legendären Helikopter-Rettungsfluggesellschaft aus Sion, und die Techniker des Schweizer Fernsehens (TPC), die mit Übertragungen aus Helikoptern u.a. für Ski- und Fahrradrennen bestens vertraut und langjährige Partner der Air Glaciers sind. De facto genügten eine Handvoll Anrufe und fünf Monate Anlauf. Daraus resultierte gemäss Arditti und Richard die technisch wie musikalisch bisher reibungsloseste Performance dieses Werks. Und zwar nicht in einer der grossen Musikmetropolen, sondern in Leuk. Seitdem herrscht Ruhe, und das Festival wendet sich wieder der Aufbauarbeit zu.
