Eine Oper, die unter schlimmsten Umständen entstand
Viktor Ullmanns Oper «Der Kaiser von Atlantis» ist im Ghettolager Theresienstadt entstanden. Nun sind die Quellen als Faksimile mit vielen Zusatzmaterialien und wissenschaftlichen Aufsätzen greifbar.

Viktor Ullmann wurde am 8. September 1942 nach Theresienstadt verbracht. Dort übernahm er mit Hans Krása, Gideon Klein und Rafael Schächter die musikalische Leitung der sogenannten «Freizeitgestaltung» im Ghetto. Hier entstand seine Oper Der Kaiser von Atlantis. Im Oktober 1944 wurde Ullmann mit einem der letzten Transporte nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Es hat lange gedauert, bis das Faksimile zum Kaiser von Atlantis bei Bärenreiter erschienen ist – das Warten hat sich gelohnt. In dem fast 300 Seiten starken grossformatigen Band ist nicht nur das Faksimile der Partitur enthalten. Er enthält auch die verschiedenen Libretto-Versionen: die handschriftliche von Peter Kien und dessen Typoskript, das auf die Rückseite von nicht mehr gebrauchten Deportationsprotokollen jüdischer Menschen aus Theresienstadt geschrieben ist. Beklemmende Zeugnisse der Grausamkeit.
Dezimierungen, Deportation und Tod
Der Herausgeberin Heidy Zimmermann, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Paul-Sacher-Stiftung Basel, wo ein Teilnachlass Ullmanns als Depositum des Goetheanums Dornach liegt, ist damit eine wertvolle und wichtige Arbeit gelungen. Die rund einstündige Kammeroper wird mittlerweile regelmässig auf kleineren und grösseren Bühnen gespielt. Die schwierigen und den Urhebern so wichtigen Hintergründe des Werkes aber verblassen aus historischer Distanz.
Hier zeigt Zimmermann schonungslos die Realität der Entstehung auf: die Papierknappheit im Ghetto, welche die schöpferischen Gefangenen ununterbrochen zwang, nach Auswegen zu suchen; die steten Dezimierungen der Mitwirkenden durch Deportation und Tod, die letztlich auch die Uraufführung im Lager verhinderten; die Ernsthaftigkeit, mit der sich Kien, Ullmann und die Interpretinnen und Interpreten mit dem Werk auseinandersetzten, gibt es doch beispielsweise mehrere Versionen des Operntitels. Auch Karel Bermanns Rollenbuch als «Tod» ist faksimiliert. Dazu gibt es besondere, bisher unbekannte Trouvaillen zu entdecken: zwei originale Bühnenbildentwürfe von František Zelenka, eine lavierte Zeichnung Peter Kiens von einer Probe des sowie einen erhellenden Cartoon zum Libretto, ebenfalls von Peter Kien. Abgerundet wird der Band durch fünf Fachaufsätze, ein Quellenverzeichnis und eine Synopse der Textfassungen. Der Faksimileband ist für alle, die sich – etwa für eine neu geplante Aufführung – mit dem Werk auseinandersetzen möchten, der perfekte Einstieg und eine wichtige wissenschaftliche Grundlage.
Viktor Ullmann: Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung, Faksimile der Quellen, hg. von Heidy Zimmermann, 295 S, € 199.00, Bärenreiter, Kassel 2025, ISBN 978-3-7618-2350-7

