Auf den Spuren von Lise Cristiani

In einem Dokumentarfilm spürt Sol Gabetta dem Leben, den Konzerten und atemberaubenden Reisen der ersten öffentlich auftretenden Cellistin nach.

Lise Cristiani. Lithografie von H. J. J. nach einer Skizze von Thomas Couture / Gallica

Sol Gabetta ist Lise Cristiani – zumindest soll das verschwommene Cover ihres jüngsten Albums dies suggerieren. Es feiert den 200. Geburtstag der französischen Cellistin mit Einblicken in ihr Konzertrepertoire, Werken von Offenbach, Schubert, Rossini u. a. (Sony classical 12372444).

Parallel zur Tonaufnahme ist ein 53-minütiger Dokumentarfilm entstanden, in dem sich die argentinische Cellistin gemeinsam mit ihrem Mann, dem französischen Geigenbauer und Restaurator Balthazar Soulier, auf die Spuren dieser geheimnisumwitterten Musikerin begibt. Mit dem Cello ans Ende der Welt heisst er und spielt damit auf Cristianis Konzertreise nach Sibirien im Jahr 1847 an. 1852 starb sie im Alter von 27 Jahren an einer Cholerainfektion, die sie sich auf einer Reise in den Kaukasus, bei der sie vor Soldaten spielte, zugezogen hatte.

Chronologisch erzählt der atmosphärisch dichte Film vom Leben der ersten öffentlich auftretenden Cellistin. Das Cello galt für Frauen als unmoralisch, ja skandalös, weil es mit gespreizten Beinen gehalten werden muss. Der Journalist Waldemar Kamer, der die Geburtsakte in einem Nachlass gefunden hat, berichtet von Cristianis Herkunft, wie sie als uneheliches Kind bei den Grosseltern aufwuchs.

Der Besuch von Originalschauplätzen gibt in Verbindung mit historischen Bildern einen Einblick in das Paris ihrer Kindheit. Sol Gabetta entdeckt gemeinsam mit Balthazar Soulier nicht nur Cristianis Konzertprogramme, sondern spielt auch für ein paar Minuten auf deren Cello im Stradivari-Museum in Cremona. Hier bleibt der Film aber an der Oberfläche. Man hätte von Sol Gabetta gerne mehr gewusst über den genauen Klang des Instruments, das damals 7000 Francs kostete und heute rund 20 Millionen Euro wert ist. War es besonders robust, dass es diese extremen klimatischen Bedingungen auf den Reisen ohne Schäden überstand? Dazu hätte sicherlich Balthazar Soulier etwas erzählen können. Und was kann man, ausgehend vom Repertoire, über das Spiel von Cristiani sagen? Immerhin hat Felix Mendelssohn Bartholdy sein einziges Lied ohne Worte op. 109 für Cello und Klavier ihr gewidmet. Auch das bleibt, abgesehen vom Zitieren einiger zeitgenössischer Kritiken, leider im Dunkeln.

Mit dem Cello ans Ende der Welt – Sol Gabetta auf den Spuren von Lise Cristiani. Film von Simone Jung. Hessischer Rundfunk/Arte. Verfügbar in der ARD-Mediathek bis Dezember 2026.

Link zum Film

 

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