Ein Kind der 70er
Der Kontrabassist Barry Guy lässt mit Werken von Lombardi, Stuppner, Xenakis, Rands und Celona sowie einem eigenen das instrumentale Theater jenes Jahrzehnts aufleben.

Fast kommt ein wenig Nostalgie auf bei dieser LP. Die Agilität dieses Bassspiels, der behände und zuweilen wilde Aktionismus, ein Aufbruchsgestus, wie man ihn aus der Londoner Free-Jazz-Szene kennt, oft auch gebändigt durch Struktur, die aus der Neuen Musik stammt. Das waren die 70er.
Der britische Kontrabassist Barry Guy, der seit Langem mit seiner Frau, der Geigerin Maya Homburger, in der Schweiz lebt, war in mehreren Szenen unterwegs, etwa auch mit Barockmusik. Mehrmals trat er in Donaueschingen auf. Und hier verbindet sich alles auf einzigartige Weise. Die anderhalb-LP (mit A-, B- und C-Seite) hält einige Überraschungen bereit.
Einzig Iannis Xenakis’ Theraps ist mit seiner bruitistischen und verspielten Kraft zu einem Klassiker geworden. Die anderen vier Komponisten gerieten, obwohl sie alle noch leben, etwas in den Hintergrund; es lohnt sich, sie wiederzuentdecken. Sie wussten Guys improvisatorische und theatrale Qualitäten auf vielfältige Weise zu nutzen: Bernard Rands etwa mit Memo oder John Anthony Celona mit Voicings. Die Stimme des Kontrabassisten tritt da auch flüsternd und pfeifend hinzu. Der Italiener Luca Lombardi komponierte einen politischen Essay mit Paul-Dessau-Zitat, und der Südtiroler Hubert Stuppner schrieb mit Ausdrücke ein Rondo für einen Clown – was in dieser LP-Ausgabe wunderbar mit Fotos illustriert wird: Der Bass vertrippelt sich hier mit sich selber ab Tonband – ein schönes Beispiel dafür, welch überbordende Vitalität das instrumentale Theater in jenen Jahren noch besass.
Ob das vergangen ist? Jedenfalls bedarf es dafür eines Virtuosen wie Barry Guy, der übrigens auch grandiose Partiturgrafiken geschaffen hat. Anaklasis von 2002, das einzige eigene und jüngere Werk, hier realisiert mit dem Basskollegen Stefano Scodanibbio, ist eine davon: Sie eröffnet ein beziehungsreiches Spielfeld für die beiden Musiker.
Barry Guy Plays. Luca Lombardi, Hubert Stuppner, Iannis Xenakis, Bernard Rands, John Anthony Celona und Barry Guy. Barry Guy, Kontrabass. Maya Recordings MLP 2401
