Auseinandersetzung mit dem Schönklang
Das erste Streichquartett von Daniel Glaus auf diesem Album ist 1980 entstanden, das jüngste 2023. Es spielt das Arditti Quartet. Vollendet wird die Klangreise mit einem Liebeslied für Sopran, Harfe und Streicher.

Unter den Organisten findet sich eine besondere Spezies an kompletten Musikern: schier allumfassend gebildet, gleichermassen in Interpretation, Improvisation wie in Komposition gewandt (wobei letztere oft etwas vernachlässigt wird), in Literatur und Theologie bewandert, in der unmittelbaren Auseinandersetzung mit dem sozialen wie liturgischen Beziehungsnetz des Gottesdiensts tätig; hinzu kommen die Kenntnisse in Orgelbau und Unterricht. Handwerk und geistiger Überbau gehen da wahrlich Hand in Hand.
All dies vereinigt Daniel Glaus in seinem Schaffen. Geboren 1957 in Bern, wirkte er von 1985 bis 2006 als Organist an der Stadtkirche Biel, ab 2007 als Münsterorganist in Bern und dort verantwortlich für die Kirchenmusik sowie die Abendmusiken. Damit verbunden war die Professur für Orgel und Komposition an die HKB. An der ZHdK unterrichtete er Komposition und Instrumentation. Ende 2022 trat er von diesen Ämtern pensionshalber zurück. Aber Glaus war nie nur Kirchenmusiker: Die Begegnung mit seinem Lehrer Klaus Huber und später vor allem mit Luigi Nono führte ihn auch dazu, in seinen Werken über das rein Musikalische hinauszudenken. Die Geschichte ist in seiner Musik ebenso präsent wie die unmittelbare Gegenwart.
Das spiegelt sich in seinen Werken mit Streichquartett, die seine Entwicklung markieren. Das erste Quartett, entstanden 1980 in der Studienzeit am Berner Konservatorium, ist schon voll ausgebildet und reflektiert die frühe Auseinandersetzung mit klassischen Formen (Fuge, Scherzo, Choral), aber auch mit der Zwölftontechnik auf eigenständige Weise. Das dritte titels Naezach von 2001 ist eine Quartettfassung des ersten Satzes der dritten von vier orchestralen Sephiroth-Symphonien und bezieht sich auf jüdische Mystik, die Kabbala. Nochmals einen grösseren Klangreichtum entfaltet das vierte, das 2023 beim Musikfestival Bern uraufgeführt wurde. In weitgedehnten Klangfeldern sind Spektralklänge eingebettet, oft roh, ja ungezähmt, dann aber auch wieder wunderschön wie in einer gregorianischen, ja alpsegenhaften Gesanglichkeit.
Die dramatische Auseinandersetzung mit dem Schönklang, auf ebenso faszinierende wie selbstkritische Weise, taucht immer wieder im Schaffen von Daniel Glaus auf: Es ist ein Zeichen der Widerständigkeit, des Horchens. Die Musik macht sich nicht restlos gefügig, sie fordert immer auch heraus. Das bleibt selbst in der poetischen Kantate Chammawet Ahawah für Sopran, Harfe und Streichquartett gewahrt. Ein polyglottes Liebeslied, basierend auf dem alttestamentlichen Hohen Lied, aber dabei ebenso intim wie zuweilen ungestüm. Für all das stehen Glaus hier beste Interpreten und Interpretinnen zur Verfügung: Christina Daletska und Consuelo Giulianelli in der Kantate und das phänomenale Arditti Quartet auf der ganzen CD.
Daniel Glaus: Works for and with string quartet. Arditti Quartet; Christina Daletska, Sopran; Consuelo Giulianelli, Harfe. Neos 12508
