Tuny hüpft von Note zu Note

Notenlesen ist eine Herausforderung für Kinder und bleibt auch im Zeitalter der Digitalisierung eines der wichtigsten Lernfelder des Instrumentalunterrichts. Wie soll man es angehen? Zum Beispiel mit «TunyStones», einer in Basel entwickelten App.

Screenshot aus der App. Bild: TunyStones,Bild: TunyStones,Foto: zVg,SMPV

Als ich 2016 an der Musikschule Basel angestellt wurde, wünschte ich mir für meine Klavierschülerinnen und -schüler einen möglichst glatten Start in die faszinierende Welt der Klavierliteratur. Es galt, die Motivation der Anfänger aufrechtzuerhalten, und vielmehr noch, Leidenschaften zu entfachen. Doch wie soll man das oft so mühsame, aber wichtige Notenlesen behandeln? Ich erfand ein Spiel.

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Zunächst malte ich auf Papier eine Berglandschaft und zuvorderst einen breiten Fluss, darin Notenlinien und den Bass- und Violinschlüssel. Dann zeichnete ich Noten hinein. Im «Wasser» liegend, sahen sie wie runde Steine in einem Bergbach aus. Alles in allem entsprach das Bild sowohl dem Notationssystem als auch einer Fantasielandschaft. Eine sympathische Spielfigur liess nicht lange auf sich warten: Tuny. Ich habe das fein gekleidete Männlein sogleich ausgeschnitten und an einem dünnen Stab befestigt, um es dem Fluss entlang zu bewegen. Der erste analoge Prototyp war damit fertig, und das Spiel konnte beginnen: Die sechsjährige Anfängerin spielt Töne auf dem Klavier, und Tuny, geführt von der Hand des Klavierlehrers, springt entsprechend von Stein zu Stein. Das Auffinden von Noten ist bekanntlich nicht immer einfach und so landet Tuny mit seinem feinen Konzertanzug hin und wieder im Wasser statt auf einem Stein. Bei diesem Anblick kichert die Schülerin und das Spiel geht weiter: Der Fluss schwemmt den durchnässten Kerl wieder zurück und der Sprung muss aufs Neue gewagt werden. Im Spieleifer merken die Kinder kaum, dass sie gar nichts anderes tun, als Noten zu lesen. Munter gehen sie der Aufgabe nach, die beim Anblick «normaler» Noten nicht selten ihren Unwillen auslöst.

Das Klavier wird «Game-Controller»

Bald wurden die positiven Lerneffekte des Tools erkennbar, und aus dem analogen Prototypen wurde im Rahmen eines Forschungsprojekts an der Hochschule für Musik FHNW in den Jahren 2018 bis 2020 die App TunyStones – Piano entwickelt. Heute ist die App ein ausgereifter Methodenkomplex, der mit Improvisations- und Kompositionsaufgaben zusätzlich anspornt, bildet und die Kreativität anregt. Sie bezweckt einerseits die Förderung und Erhaltung der Motivation von Schülerinnen und Schülern und andererseits die Unterstützung von Lehrpersonen. Man kann damit weitgehend selbständig das Notationssystem erforschen und verstehen lernen, denn die App erkennt die echten, akustischen Klänge eines Klaviers und bewegt die Spielfigur automatisch entsprechend den gespielten Tönen. Das Tablet steht dabei wie ein Notenblatt auf dem Notenständer. Das Klavier wird zu einer Art «Game-Controller» und bleibt zugleich Musikinstrument.

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Für den Einsatz der App ist kein Vorwissen nötig, denn das Spiel ist nonverbal und selbsterklärend. Eine grobe Orientierung im Notationssystem wird zunächst anhand der Improvisation eingeführt, dann erscheinen nach und nach die Musikintervalle in bekannten Melodien sowie eigens für das Spiel komponierten Lese-Etüden. Die App ist auch ein noch nie dagewesenes, interaktives Notenbuch. Im Unterricht empfehle ich die App «zum Dessert», also gegen Ende einer Lektion, einzusetzen. Denn auf diese Weise Noten zu lesen, ist bei Fünf- bis Zwölfjährigen beliebt und kann selbst ermüdete Gemüter erquicken, so dass sie kognitive Hürden bewältigen. Besonders für das tägliche und selbständige Üben zu Hause ist sie eine willkommene Bereicherung.

In drei Levels zur eigenen Kreativität

Die Spiellandschaft, eine alpenähnliche Fantasiewelt, stammt von Adorabelle Tan und Cindy Chuang. Drei Landkarten bieten einen Überblick über die erzielten Fortschritte. In den ersten beiden sind die Melodien entsprechend ihren didaktischen Inhalten und Schwierigkeitsstufen angeordnet. Je näher man den Berggipfeln kommt, desto anspruchsvoller werden die Aufgaben. Sobald man den ersten Berg bezwungen hat, kann der zweite mit seinen charakteristischen zwei Gipfeln erklommen werden.

Die Krönung des Spiels ist der dritte – der Kompositionsberg: Hier werden alle zur Komponistin resp. zum Komponisten und dürfen eigene Melodien bzw. Levels setzen. Doch Achtung: Gleich erscheint Tuny und muss das Selbstkomponierte, samt allen Sprüngen, bewältigen! Es findet ein Lernprozess statt, der über das einfache Notenlesen hinausgeht und viel mit Kreativität, aber auch mit Selbsteinschätzung zu tun hat. Auch Lehrpersonen können den stark umworbenen Kompositionsberg bedienen mit individuell zugeschnittenen Miniaturen für die Schülerinnen und Schüler. Diese können dann direkt im Unterricht gespielt oder als Hausaufgaben eingesetzt werden.
 

Fruchtbare Schnittstelle Musikschule-Forschung

Die Entwicklung der App wurde vom Schweizerischen Nationalfonds und von Innosuisse entscheidend gefördert. Der Campus der Musik Akademie Basel war als Forschungs- und Entwicklungsstandort ideal, denn hier bot die Praxis an der Musikschule zusammen mit der Forschung an der Hochschule für Musik FHNW in synergetischer Wechselwirkung ein inspirierendes Umfeld.

Viele Eltern, Schülerinnen und Schüler, aber vor allem Lehrpersonen haben als Testpersonen entscheidend mitgewirkt. Ihre Ideen beeinflussten die Entwicklung der Methode direkt. Auch nach dem Launch sind Feedbacks der User willkommen. Vorerst ist TunyStones für iOS-Tablets (iPads) im App Store erhältlich – für Lehrpersonen in der Schweiz kostenfrei (Account in der App erstellen, Zugangsberechtigung wird innert weniger Tage erteilt) und für Schülerinnen und Schüler im Abo. Eine Weiterentwicklung für andere Instrumente und Android ist geplant.
 

So finden Sie TunyStones:
TunyStones – Piano in der App Store Suche eingeben oder direkt über den Link:
https://apps.apple.com/ch/app/tunystones-piano/id1529100904
 

Kostenfreier Zugriff für Lehrpersonen der Schweiz:
Einfach einen «Account» in der App erstellen. Die Zugangsberechtigung wird innerhalb weniger Tage erteilt.
 

Am 4. Februar und 11. März wird die App in einem Webinar vorgestellt. Melden Sie sich bei Interesse bitte bei: info@tunystones.com oder melden Sie sich direkt an:
 

Donnerstag, 4. Februar, 10.30 – 11.15 Uhr
Anmeldung unter:
https://us02web.zoom.us/meeting/register/tZUtdO2urT4uEtwAU5yDvn9M9Bf6Y7ugP2bN
 

Donnerstag, 11. März, 10.30 – 11.15 Uhr
Anmeldung unter:
https://us02web.zoom.us/meeting/register/tZMkcu2orTIuGde1Zd3QE-tudORG512S9u3V

https://tunystones.com
 

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