Ein Tor zur Welt aufstossen

Daniel Schnyder ist seit jeher fasziniert von den Schnittstellen zwischen Musikstilen und -traditionen weit über Europa hinaus. In den Hirschmann-Meisterkursen teilt er seine Erkenntnisse mit dem Nachwuchs.

«Worlds Beyond Orchestra 2025»: Probe zum Konzert im Rahmen des Lucerne Festivals Foto: Hirschmann-Meisterkurse

Seit rund 30 Jahren hat der in Zürich geborene Komponist und Multiinstrumentalist Daniel Schnyder seinen Lebensmittelpunkt in New York City. Trotzdem ist er nach wie vor regelmässig in der Schweiz, gibt Konzerte und Meisterkurse und setzt sich eingehend mit der hiesigen Kulturszene auseinander. Dass dabei seine Zusammenarbeit mit dem von Valérie Probst gegründeten Nachwuchsförderverein Loc.Artium seit 2025 (vorher mit der Stiftung Schweizerischer Jugendmusikwettbewerb) besonders gut funktioniert, liegt nicht zuletzt am Grundgedanken dieses Projekts, den Schnyder seit Jahrzehnten konsequent lebt: die Relativierung von Genregrenzen, das aktive Hinterfragen der Unterscheidung von E- und U-Musik und den konsequenten Einbezug von Musiktraditionen aus unterschiedlichsten Kulturkreisen.

Die Einengung überwinden

Daniel Schnyder gehört zu den vielseitigsten und international meistgespielten Schweizer Komponisten, dessen Œuvre viele Gattungen von Kompositionen im Stil der Renaissance und des Barocks bis hin zum zeitgenössischen Musiktheater abdeckt. Im ausführlichen Telefongespräch wird schnell klar, dass dem nicht nur unermüdliche Schaffenskraft und Neugier zugrunde liegen, sondern ebenso breite und detailreiche Kenntnisse der Musikgeschichte über sämtliche Traditionslinien hinweg. Dabei geht es ihm nicht primär um Positionsbezüge oder theoretische Diskussionen, vielmehr möchte er an teils jahrhundertealte Tatsachen, Einsichten und Bewegungen erinnern, die in der allgemeinen Entwicklung der modernen Musik oft ungenügend rezipiert oder gar bewusst ignoriert wurden.

Die Auswirkungen dieser Entwicklung seien offensichtlich, erläutert Schnyder. Die Zweite Wiener Schule und der daraus hervorgegangene Serialismus wurden in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts vom akademischen Musikbetrieb als absolut postuliert; die entsprechenden Werke werden heutzutage aber kaum noch aufgeführt. Die vielen Gegenbewegungen (unter anderem unter dem Begriff «Third-Stream-Music» zusammengefasst), die als Reaktion auf diese Einengung entstanden, sind in den meisten Fällen auch nicht bis in den etablierten Konzertbetrieb vorgedrungen. Und dessen Kanon wiederum entwickelt sich seit Jahrzehnten kaum weiter, als wolle man der grossen Unübersichtlichkeit mit ebenso resoluter Besitzstandswahrung begegnen. Der grundsätzlichen Offenheit gegenüber der Jazzmusik und anderer nicht europäischer Musik, die vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit verbreitet war, möchte man heute zwar Rechnung tragen – über die rein formale Zusammenführung von Jazz- und Klassikdepartementen an Musikhochschulen hinaus bleibe jedoch der angestrebte Austausch unter allen Beteiligten hinter den Erwartungen zurück.

Offene Grundhaltung fördern

Auch die Tatsache, dass Maurice Ravels Bolero und Georges Bizets Oper Carmen bis heute zu den meistgespielten Orchesterwerken respektive den erfolgreichsten Opern überhaupt gehören – und beide explizit von nicht europäischer Musik inspiriert sind – führt Schnyder gern ins Feld, um klarzumachen, dass seine Ansichten weder neu noch revolutionär sind. Vielmehr ist ihm wichtig, das Bewusstsein für eine offene Grundhaltung zu bewahren und zu fördern, damit sich das zeitgenössische Musikschaffen ohne Scheuklappen und adäquat mit der aktuellen Gesellschaft auseinandersetzen kann. Bestehende Strukturen zu kritisieren, wäre hierbei fehl am Platz, da erstens musikalische Entwicklungen schon immer als Reaktionen auf gesellschaftliche stattgefunden haben und zweitens, weil der aktuelle Musikbetrieb durch die neuen medialen Entwicklungen starkem Druck ausgesetzt ist. Dennoch betrachtet es Schnyder als unerlässlich, überholten Vorurteilen konsequent entgegenzuwirken und vor allem auch dem musikalischen Nachwuchs diese grundsätzliche Offenheit überhaupt erst zu vermitteln.

In den Hirschmann-Meisterkursen, die Valérie Probst auf eine Anfrage der Hirschmann-Stiftung hin entwickelte, hat er hierfür ein vortreffliches Betätigungsfeld gefunden. Obwohl es in der Schweiz bekanntlich nicht an Stiftungen und sonstigen Förderorganisationen mangelt, erachtet er gerade dieses hochspezialisierte Projekt, das immer noch nicht ohne Weiteres aus den bestehenden akademischen Strukturen heraus konzipiert werden könnte, als bemerkenswert. Umso mehr bedauert er, dass das diesjährige Abschlusskonzert nicht mehr im Rahmen des Lucerne Festivals stattfinden wird.

Kulturelle Traditionen musikalisch verbinden

Die Hirschmann-Meisterkurse finden alljährlich in der Schweiz oder im umliegenden Ausland statt und bringen Musikhochschulabsolventinnen und -absolventen mit international führenden Musikerinnen und Musikern unterschiedlicher Traditionen zusammen. Bisher haben folgende Komponisten die Meisterkurse musikalisch gestaltet: Fabian Müller, Klaus Ospald, Xavier Dayer, Philippe Racine, Jörg Widmann, Richard Dubugnon, Oscar Bianchi, Daniel Schnyder, Till Löffler, Felix Baumann und Daniel Fueter. In den letzten Jahren wurde der Fokus nun gemeinsam mit Daniel Schnyder auf Musik aus nicht europäischen Kulturen gerichtet: Im Jahr 2023 erwuchs unter dem Titel «Worlds Beyond Orchestra» ein vielseitiges Programm, das gemeinsam mit Musikern aus New York unter anderem am Eröffnungskonzert des Lucerne Festivals aufgeführt wurde.

Im letzten Jahr fand der Kurs unter dem Titel «Silkroad» statt. Das Programm beinhaltete Verbindungen zwischen orientalischen Klangfarben, Rhythmen und musikalischen Ausdrucksformen sowie der klassischen Musik, in der die jungen Virtuosen ausgebildet sind. Zusammen mit Musikerinnen und Musikern aus China und dem Mittleren Osten entstanden musikalische Brücken zwischen neuen Kompositionen, traditionellen arabischen Rhythmen und bekannten Werken der europäischen Klassik.

So verbanden sich unterschiedliche kulturelle Traditionen zu einem vielschichtigen musikalischen Werk, das auch die urbane Klangwelt der Gegenwart widerspiegelte. Das klassische Streichorchester wurde durch die Klänge von Pipa und Nay sowie durch traditionelle Schlaginstrumente wie Riqq, Darbuka und Rahmentrommeln erweitert. Vierteltöne, ungewohnte Rhythmen und melismatische Melodielinien verliehen der Musik zusätzliche Nuancen. Einen besonderen Kontrast setzte das westliche Saxofon. Es steht für die Welt des Jazz, der seit jeher Einflüsse aus unterschiedlichen Traditionen aufnimmt. Zugleich verkörpert es das Prinzip der spontanen musikalischen Erfindung, der Improvisation, die in vielen östlichen Musiktraditionen zentral ist und im Jazz eine neue Rolle erhielt.

Im laufenden Jahr werden am Hirschmann-Meisterkurs Blasinstrumente im Zentrum stehen und für 2027 ist eine eingehende Auseinandersetzung mit afrikanischen Musiktraditionen geplant. Anmeldungen sind noch möglich: https://locartium.ch/de/progr/worlds-beyond-2026-brassology

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