Andreas Wegelin, Generaldirektor der Suisa, Genossenschaft der Urheber und Verleger von Musik, beantwortet die Fragen der Schweizer Musikzeitung.

Wie geht es Ihnen und der Suisa nach diesem Jahr?

Das Unternehmen Suisa muss – wie auch Musiker und Veranstalter – einen Einbruch hinnehmen. Er betrifft die Livebranche, also dort, wo Musiker vor Publikum spielen, ganz drastisch. Wir haben in diesem Bereich Umsatzeinbussen von über 50 Prozent. Leider sieht es auch für 2021 nicht besser aus; der andauernde Lockdown lässt uns im Moment in diesem Sektor ohne positive Perspektiven. Glücklicherweise lizenziert die Suisa nicht nur den Livebereich, sondern vertritt die Urheber auch im Senderecht, bei Aufnahmen, bei der Leerträgervergütung und für Online-Nutzungen. Diese Bereiche sind weniger von der Krise betroffen. Und es zeigt sich jetzt, wie wichtig die Investition in die Zukunft des Online-Lizenzgeschäfts – in unserem Falle in unsere Tochter Suisa Digital Licensing und in die Dienstleistungsfirma Mint Digital Services — ist. Die Einnahmen für unsere Mitglieder konnten im Online-Bereich um fast 40 Prozent gesteigert werden. Sie sind damit aber noch nicht auf dem Niveau der Lizenzeinnahmen aus der Boomzeit der CD.

Intern im Unternehmen gibt es trotz des Wegfalls von Veranstaltungen und der entsprechend geringeren Lizenzabwicklung genug zu tun. Einerseits fielen 2020 vor allem die grossen Anlässe weg, kleine mit wenig Umsatz mussten jedoch mit genauso viel oder gar mehr Aufwand trotzdem abgerechnet werden. Andererseits bietet die Krise die Chance, Prozesse und Abläufe zu überdenken und neu noch konzentrierter auszurichten auf Online-Selfservices. Das Ziel ist, dass sowohl Mitglieder wie auch Kunden automatisiert und online Zugang bekommen zu den wichtigsten Dienstleistungen der Suisa.

Die persönliche Situation ist anstrengend, da ungewohnt und für die Zukunft unsicher. Gesamthaft gesehen bringt die Krise auch eine Zäsur mit, in welcher man sich bewusster wird, welche Dinge wirklich wichtig sind und auf welche man auch verzichten kann. So ist es beispielsweise durchaus von Vorteil, dass gewisse Gespräche auch per Video stattfinden können und man nicht ständig zu Meetings mit entsprechend aufreibender Reisezeit unterwegs sein muss.

Was ist für Sie besonders einschneidend an der Corona-Zeit?

Besonders beeindruckend sind für mich Künstlerinnen, welche mit der ihnen eigenen Kreativität neue Wege beschreiten. Insbesondere durch Kontakt zu ihrem Publikum auf elektronischem Weg oder, ganz krass, das Ghost Festival, welches Ende Februar – genau ein Jahr nach den ersten einschränkenden Massnahmen (max. 1000 Besucher ab 28. Februar 2020) – stattgefunden hat. Oder eben gerade nicht stattfinden konnte: eine gross angelegte Solidaritätsaktion mit Schweizer Musikbands, aber auch den Technikern und Veranstaltern im Hintergrund. Beeindruckende 1,2 Millionen Franken konnten auf diese Weise mittels Ghost-Ticketverkäufen gesammelt und an die notleidende Branche verteilt werden.

Wie verändert die Corona-Zeit Ihrer Meinung nach den Musikerberuf?

Corona hat gezeigt, dass die Musiker – ganz viele sind freischaffend oder in Kleinstunternehmen tätig – ihre Lebenssituation und ihre Arbeit besser bekannt machen müssen. Es gelang glücklicherweise der Taskforce Culture, sich in Bundesbern, in der Regierung, im Parlament und in der Verwaltung, Gehör zu verschaffen, damit die Unterstützungsmassnahmen für staatlich verordnete Ausfälle auch an Kulturschaffende und Kulturbetriebe bezahlt werden. Diese Kraft und das Bewusstsein in der Gesellschaft und der Politik für die Kultur gilt es weiter zu entwickeln und zu festigen. Nach der Pandemie wird nicht wie vor der Pandemie sein, gerade deshalb ist diese gemeinsame Stimme der Kultur besonders wichtig. Viele Künstlerinnen und Künstler fühlen sich von der Politik im Stich gelassen und nicht ernst genommen. Die Taskforce Culture und andere Künstlerverbände mussten bei vielen Parlamentarierinnen und Parlamentariern zuerst überhaupt das Bewusstsein schaffen, dass Kunstmachen ein Beruf ist – mit richtigen Jobs und einer Wertschöpfung von mehreren Milliarden Franken. Auch dieses Bewusstsein gilt es weiterhin zu schärfen.

Welche Frage möchten Sie dem Bundesrat stellen oder was wünschen Sie sich von ihm, damit die Musikszene wieder auflebt?

Corona ist gefährlich. Gefährlich ist es aber für die Einwohnerinnen und Einwohner dieses Landes auch, ohne Kultur, ohne Musik auszukommen und sich nicht mehr für gemeinsame Kulturerlebnisse treffen zu dürfen. Es muss doch differenziertere Möglichkeiten geben, als einfach sämtliche Veranstaltungen mit Publikum zu schliessen. Gemeinsame Kultur- und Musikerlebnisse sind ein Grundbedürfnis der Menschen. Lasst also unter Schutzmassnahmen nicht nur Einkaufszentren offen sondern auch kleinere und mittlere Kulturveranstaltungen. Bundesrat Alain Berset hat im Oktober 2019 in einem Interview mit der WoZ (https://www.woz.ch/-a10e) gesagt, dass «die Kultur in unserem Land absolut unbestritten ist, als wichtiges identitätsstiftendes Element». Wenn ich mir die aktuelle Situation für die Kulturschaffenden anschaue, dann würde ich ihn gerne fragen: «Herr Berset, wenn Kultur unbestritten und identitätsstiftend ist, weshalb bemüht sich der Bundesrat nicht besonders, Kultur wieder zugänglich zu machen?»