Klassifikation von Musiker-Dystonien

Klassifikation von Musiker-Dystonien

Eckart Altenmüller, 05.02.2014

Eine neue Einteilung von dystonen Bewegungsstörungen bei Musikern.


Mit Abstand die häufigste und auch die schwerwiegendste Bewegungsstörung bei Musikern ist die Musikerdystonie. Im Vollbild ist sie ist durch den Verlust der feinmotorischen Kontrolle von komplexen Bewegungen am Instrument gekennzeichnet. Schmerzen gehören nicht primär zur Symptomatik der Dystonie. Sie können aber als Folge von übermässiger Muskelanspannung auftreten. Die häufigsten Symptome bei fortgeschrittenen Handdystonien sind unwillkürliches Einrollen oder Abstrecken einzelner Finger und/oder abnorme Handgelenkshaltungen. Gelegentlich können auch kurz dauernde Muskelkontraktionen (myoklonische Dystonien) oder unwillkürliches Zittern (dystoner Tremor) die Symptomatik dominieren. 


Die Betroffenen berichten häufig über ein starkes Spannungsgefühl im Unterarm während des Musizierens. Dies ist durch die zeitgleiche Aktivierung (Kokontraktion) antagonistischer Beuger- und Streckermuskeln bedingt. Nur in unter 5 Prozent der Fälle berichten die Patienten ein Gefühl der Schwäche. Schwierig ist die Diagnose der Handdystonien in der Frühphase der Erkrankung, wobei besonders die Abgrenzung von Überlastungsverletzungen schwierig bleibt. Hier berichten die Betroffenen häufig nur über subtile Erschwernisse bei schnellen regelmässigen Bewegungen am Instrument. Offenbar besteht hier eine «Grauzone» zu Störungen, die eher als «Über-Üben» oder als «muskuläre Ermüdung» bezeichnet werden sollten. Die Unterscheidung von solchen sehr häufigen Bewegungsproblemen von einer beginnenden Dystonie ist wichtig, da erstere auf Retraining sehr gut ansprechen, und auch entzündungshemmende und muskelentspannende Medikamente wirksam sind. Insgesamt scheinen die Heilungsaussichten bei dieser Form der Bewegungsschwierigkeiten viel besser, weswegen wir sie nicht als «beginnende fokale Dystonie» bezeichnen, sondern die Diagnose «dynamisches Stereotyp» bevorzugen. Dieser Begriff stammt aus der Sportwissenschaft und steht für falsch eingeübte Bewegungsgewohnheiten, die jedoch im Gegensatz zur fokalen Dystonie leichter korrigiert werden können und durch bewusste Hinlenkung der Aufmerksamkeit einen korrekten Bewegungsablauf ermöglichen.


Ein besonders interessanter Bereich ist die Ansatzdystonie der Bläser. Sie zeigt sich in der Frühphase häufig in subtilen Unzulänglichkeiten der Tongebung, vorwiegend in einem bestimmten Register oder einer Spielart oder in einem klar umschriebenen Dynamikbereich. In fortgeschrittenen Stadien weitet sich die Problematik meist auf den gesamten Tonumfang des Instruments und auf alle Dynamikbereiche aus, die Kontrolle über Ansatz, Artikulation und Atmung ist dann bei keiner Spielart mehr gewährleistet. Allerdings ist auch bei der Ansatzdystonie das diagnostische Spektrum viel breiter. In einer neuen Studie von Frau Dr. Steinmetz und von uns wurden 1817 Fragebögen bezüglich Ansatzschwierigkeiten an alle Blechbläser der deutschen Orchester ausgeteilt. Die Rücklaufquote betrug 32 Prozent. Von den 585 Blechbläsern berichteten 60 Prozent! über Ansatzprobleme zum Zeitpunkt der Studie, wobei jeweils ca. 30 Prozent Zungenstopper und Schwierigkeiten in der Höhe nannten und 26 Prozent Verkrampfungen der Ansatzmuskulatur. Für uns überraschend berichteten 10 Prozent, dass sie während ihrer Orchestertätigkeit schon einmal so grosse Schwierigkeiten mit dem Ansatz hatten, dass sie arbeitsunfähig waren. Interessant war auch, dass 40 Prozent derer, die Ansatzprobleme hatten, schon früher eine Ansatzkrise erfolgreich gemeistert hatten. Es wäre nun sicher medizinisch ungerechtfertigt und psychologisch sehr ungeschickt, diesen hohen Prozentsatz von Bläsern als «von Dystonie betroffen» zu klassifizieren, zumal ja erfreulicherweise sehr viele diese Krisen meistern. Wir sind daher gerade dabei, neue Klassifikationsleitlinien zu erstellen. Dabei spielen die Auslösefaktoren (Überlastung oder nicht), die Schwere und Ausprägung der Symptome, das Vorhandensein von «Inseln des Wohlbefinden», die Familienanamnese (gibt es Angehörige mit neurologisch bedingten Bewegungsstörung) und das Vorhandensein von psychologischen Symptomen (Angstprobleme oder nicht) eine Rolle. Gute Prognosen hinsichtlich einer Ausheilung durch Retraining haben danach die Musiker, die Bewegungsprobleme nach einer Überlastung entwickeln, die leichte Symptome haben, immer wieder auch ohne grosse Beschwerden musizieren können, keine Angehörigen mit Dystonien haben und zu Lampenfieber neigen.


Schweizerische Gesellschaft für Musik-Medizin

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