KI erkennt Mozarts Gesichtszüge
Moderne Technologie bringt Licht in die Authentizität historischer Porträts. Biometrische Gesichtserkennung verrät, ob auf einem Mozart-Bild tatsächlich Mozart zu sehen ist.

Um diesen Artikel zu schreiben, starte ich meinen Laptop. Bald blinken die beiden roten Kameraaugen und überprüfen meine Identität. Sie vergleichen ein hinterlegtes Bild von mir, mit dem, was sie gerade aufnehmen. Welche Brille ich auch aufhabe, ob ich vom Haarschneiden komme oder vom Rasieren eine Narbe im Gesicht habe, nichts verunsichert die biometrische Gesichtserkennung, nichts hindert sie, meine Identität zu erkennen.
Beim Hinterlegen des Originalbildes hatte diese Technologie die Distanzen zwischen etwa dreissig Punkten der Gesichtslandschaft ausgemessen. Dazu gehören die Schlüsselfaktoren wie der Abstand zwischen den Augen, jener zwischen der Stirne und dem Kinn, die Form der Wangenknochen sowie die Konturen der Lippen, Ohren und des Kinns. Danach wurden all diese Daten in eine mathematische Formel, einen numerischen Code, umgewandelt und gespeichert. Genau wie der Fingerabdruck ist der so entstandene «Gesichtsabdruck» jeder Person einmalig.
Wie hat Mozart ausgesehen?
Zahllos sind die Porträts dieses einzigartigen Genies: echte, unechte, zugeschriebene, verlorene und wiedergefundene, zweifelhafte und eindeutige, künstlerisch wertvolle und weniger wertvolle. Und immer wieder werden auch neue gefunden. Diese führen dann entweder zu gewaltigem Blätterrauschen in den Medien, oder aber sie werden kaum zur Kenntnis genommen.
Es gibt zwar eine Handvoll Porträts, über die in den Familienbriefen der Mozarts ausführlich geschrieben und von deren Ähnlichkeit mit dem Sohn oder Bruder berichtet wird. Wie aber hat Mozart (1756–1791) wirklich ausgesehen, welches ist der «echte» Mozart? Darüber ist unter den Musikgelehrten manch heftiger Streit entbrannt. Nun steht aber mit der biometrischen Gesichtserkennung eine Hilfe bereit, die geeignet scheint, die Auseinandersetzungen zu versachlichen.
Seit dem Beginn des neuen Jahrtausends hat die bereits 1980 in Japan erfundene Methode rasant an Fahrt aufgenommen und ist als eine der vielen KI-Funktionen aus dem heutigen Leben kaum mehr wegzudenken. Wenig verwunderlich, dass sie auch die moderne Musikwissenschaft zu beschäftigen begann, verhalten zwar und mit viel Skepsis. Zwei Beispiele sollen konkret aufzeigen, wie mit ihrer Hilfe die Echtheit mozartscher Porträts überprüft werden kann.
Ein neues «letztes» Bildnis
Bis 2002 befand sich in den Depotbeständen der Berliner Gemäldegalerie unter dem Titel Herr im grünen Rock ein Ölbild des Münchner Malers Georg Edlinger (1741–1819). Es entstand 1790, somit ein Jahr vor Mozarts Tod.1
Bereits 1995 glaubte man eine gewisse Ähnlichkeit mit dem sogenannten Bologna-Porträt von 1777 zu entdecken, das Leopold Mozart von seinem 21-jährigen Sohn erstellen liess und der Akademie in Bologna für deren Galerie übersandte (Collage oberste Reihe, 4. v. li.; unterste Reihe, 2. v. re.). Er lobte es als besonders treffend.
2006 unternahm Rainer Michaelis, der Chefkurator der Berliner Gemäldegalerie, zusammen mit dem in Schweden tätigen Neurobiologen Martin Braun den hochinteressanten Versuch, die beiden Bilder durch modernste biometrisch-statistische Methoden zu vergleichen. 2
Das erstaunliche Ergebnis war, dass das Edlinger-Porträt mit einer Wahrscheinlichkeit von 1: 10’000’000 dieselbe Person zeigt, wie das Bologna-Porträt.3 Damit gilt das Edlinger-Porträt als letztes zu Lebzeiten entstandenes Mozart-Bildnis. Bereits 2006 brachte daraufhin die Gemäldegalerie der Staatlichen Museen Berlin in ihrer Reihe «Bilder im Blickpunkt» dazu ein sorgfältig redigiertes und hervorragend bebildertes Sonderheft heraus.4
Ein Jugendporträt?
Unweit von Salzburg stiess vor Jahren ein emeritierter Professor der Universität Konstanz, der sich im Internet unter dem Pseudonym «Bilddetektiv»5 bewegt, im Kunsthandel auf ein eher unscheinbares Bild eines jungen Mannes, das ihn aber sofort faszinierte: Irgendwie kam ihm dieses offene Gesicht des Jünglings vertraut vor. Der Bilddetektiv hatte sich schon lange mit Künstlerporträts und der physiognomischen Authentizität der Dargestellten auseinandergesetzt. In über dreissig Arbeiten hatte er sich ein enormes Wissen über Maltechnik, biografische, historische Hintergründe und Zusammenhänge angeeignet und seine Beobachtungsgabe für kleinste physiognomische und physiologische Details geschärft. Nach Vergleichen mit bekannten Mozartbildern war für ihn klar, dass das damals aufgefundene Porträt durchaus Mozart im Alter von circa zehn Jahren darstellen könnte.
Dass bis heute immer wieder «neue» Mozart-Porträts auftauchen, die sich dann aber nicht verifizieren lassen, war dem Bilddetektiv durchaus bekannt. Entsprechend vorsichtig ging er daher weiter vor. Er begründete seine These, dass auf dem aufgefundenen Porträt der junge Wolfgang Amadeus Mozart dargestellt sei, zunächst durch einen Vergleich mit den als authentisch geltenden Bildnissen von Joseph Lange, Dorothea Stock und Joseph Grassi sowie mit jenem von Pietro Antonio Lorenzoni von 1763, der das Kind Mozart im Alter von sechs Jahren zeigt (Collage, unterste Reihe, 3. v. re.). Dabei stützte er sich primär auf die vergleichende Betrachtung physiognomischer Merkmale.

Die Forschungsergebnisse zeigten: Die Grösse «und die Form des Kopfes (Stirn, Schläfe, Gesichtsform) sind auf allen Bildern gleich, ebenso der Augenabstand und die Proportionen des Gesichtes. Im Laufe des Lebens können sich die Weichteile zwar wandeln, aber der Schädel bleibt unverändert gleich.»
Der Bilddetektiv weist noch auf ein weiteres wichtiges Merkmal zur Identifikation des Dargestellten hin, das Eva Gesine Baur in ihrem Buch Mozart, Genius und Eros vermerkt hat.7 In der Bildlegende eines dort gezeigten Mozart-Porträts schreibt sie: «Auch hier ist der Einwärts-Strabismus, das Schielen nach innen (des rechten Auges), sichtbar, laut Augenheilkunde oft Folge schwerer Erkrankungen in den ersten Lebensjahren. Sie ist bei Wolfgang für das Jahr 1767 verbürgt (Pockenepidemie). Das würde erklären, warum er auf dem Lorenzoni-Bildnis von 1763 nicht schielt.» Er bestätigt, dass das von Baur erwähnte Schielen auf dem rechten Auge auch auf dem vorliegenden Jugendbild zu erkennen ist: « Die Augenfehlstellung ist ein biometrisches Schlüsselmerkmal von weniger als 3 Prozent Prävalenz. Damit sinkt die Wahrscheinlichkeit einer zufälligen Parallelität erheblich (weniger als p von 0,03 im Binomialmodell).»
Um die Vermutungen aus der reinen Betrachtung zu verifizieren, wurde das Porträt schliesslich mittels biometrischer Gesichtserkennung im Vergleich mit den vier erwähnten Bildern untersucht. Und zwar mit dem Ziel zu beweisen, dass das Bild nicht Mozart darstelle.
Zusammenfassend folgert der Bilddetektiv: «Die Wahrscheinlichkeit der Übereinstimmung liegt je nach Fragestellung zwischen 82 und < 85 Prozent. Eine sehr hohe Übereinstimmung liegt vor in den invarianten Gesichtsmerkmalen: Augenstellung, Augenfarbe, Brauenverlauf, Lippen- und Kinnform sowie in der kleidungs- und frisierspezifischen Typologie der späten 1760er-Jahre. Die mittlere lineare Abweichung beim Augenabstand zum Grassi-Ölporträt beträgt nur 3,7 Prozent der bipupillären Strecke und ist damit unterhalb der typischen 5-Prozent-Schwelle, die in der forensischen Bild-Anthropologie als ‹identische Ähnlichkeit› gilt. Geringfügige Diskrepanzen (e.g., noch unterentwickelte Nasenlänge des Kindes oder rundere Wangen) lassen sich durch ontogenetische Wachstumsprozesse erklären und widersprechen der Identität nicht. Die Nase wächst postpubertär um ca. 1,3 mm/J. (anthropometr. Längsschnittdaten). Ein im Alter von 7,8 Jahren porträtiertes Kind weist daher einen deutlich kürzeren Nasenrücken auf als der 26-jährige Erwachsene.»
Es war also nicht möglich, die Hypothese zu stützen, dass das Bildnis nicht Mozart darstellt (Poppersches Falsifikationskriterium).
Fazit
Die Ikonografie (Bildbeschreibung) der bildlichen Darstellungen von Tonkünstlern ist ein ausserordentlich weites Feld: Hier überschneiden sich Musik- und Kunstwissenschaft, Psychologie, Soziologie, Medizin, Neurobiologie, Stil- und Kostümkunde.
Es mag überraschen, dass bei den Untersuchungen zum Berliner Bild von Edlinger («Mann im grünen Rock», Mozart) wie beim denjenigen zum neu entdeckten Jugendbildnis sämtliche oben genannten Fachbereiche involviert waren, die Musikwissenschaft aber leider fehlte! Dabei ist doch anzunehmen, dass ein Zusammenwirken aller Fachkräfte von grösstem gemeinsamem Nutzen wäre. So könnte biometrische Gesichtserkennung als Ausgangspunkt oder als abschliessendes Indiz für umstrittene Fragen der Identität eingesetzt werden. Bei Mozart wäre das beispielsweise die Fragestellung, ob auf dem sehr beliebten Veronabild oder auf jenem merkwürdigen Konterfei von Josef Hickel wirklich Mozart dargestellt ist:

In enger Zusammenarbeit aller beteiligter Fachrichtungen und unter Beizug vertiefter biometrischer Untersuchungen dürften sich auch diese Fragen sachlich und schlüssig beantworten lassen.
Anmerkungen
1 Zur Lebenssituation Mozarts Ende Oktober 1790 siehe Ueli Ganz auf https://mozartweg.ch/wp-content/uploads/2023/10/Wie-Mozart-nicht-aussah.pdf
2 Zum Bericht über Vorgehen und Schlussfolgerungen Michaelis/Braun(engl.) http://www.neuroscience-of-music.se/ormen/Edlinger%20Mozart.htm
3 https://dieterdavidscholz.de/ausstellungen/j-g-edlingers-letztes-mozart-bildnis.html
4 Michaelis Rainer, Das Mozartporträt in der Berliner Gemäldegalerie, Preussischer Kulturbesitz, Berlin 2006, ISBN-13: 9783886095292
5 Der Autor dieses Artikels (UG) kennt den vollen Namen des Bilddetektivs.
6 Abrufbar auf: https://bilddetek.hypotheses.org/2096
7 Eva Gesine Baur: Mozart, Genius und Eros -Eine Biographie C.H.Beck, 2014; (zu Legende des Vorsatzbildes vor Seite 86 VI/1771)
