Musikunterricht muss Spass machen
Der SMPV setzt sich für eine hohe Qualität im Musikunterricht in der Schweiz ein.
Um eine möglichst facettenreiche Antwort auf die komplexe Frage zu finden, was guter Musikunterricht ist, habe ich die SMPV-Mitglieder als Expert*innen auf diesem Gebiet gefragt, was guter Musikunterricht denn für sie bedeute.
Auf diese Umfrage hin trafen in der kurzen Frist von nur zehn Tagen rund siebzig ganz unterschiedliche Texte ein. Diese wunderbare Fülle an Antworten zeigt, wieviel musikpädagogisches Wissen und Können in unserem Verband zusammenkommt, und wieviele individuelle Schwerpunkte die einzelnen Mitglieder dabei setzen.
Einig sind sich die SMPV-Mitglieder darin, dass die Lehrperson selbst ihr Instrument beherrschen muss, dass sie möglichst auch selbst immer wieder auftritt und dass sie feine stilistische Unterschiede kennen muss. Es wird erwartet, dass sie gerne unterrichtet. In mehr als der Hälfte der Zuschriften steht, Musikunterricht müsse Spass machen.
Uneinig sind sich die Mitglieder darin, ob die Verantwortung für guten Musikunterricht ausschliesslich bei der Lehrperson liegt, oder wieviel die Schüler*innen dazu beitragen müssen, wie wichtig gute Rahmenbedingungen durch die Musikschule sind, und ob bei Kindern und Jugendlichen auch die Haltung und die Mitarbeit der Eltern die Qualität des Unterrichts massgeblich beeinflussen.
Welche notwendigen Qualitäten die einzelnen Lehrpersonen als besonders wichtig erachten, ist stark von ihrer eigenen Situation abhängig, davon ob sie an einer Musikschule Kinder im Schulalter unterrichten oder ob ihre Klasse fast nur aus Erwachsenen besteht, oder ob ihr Fokus auf musikalischer Früherziehung liegt. Wer nur Einzelunterricht kennt, setzt andere Schwerpunkte als wer Gruppenunterricht erteilt und Kammermusik unterrichtet. Auch welches Instrument jemand unterrichtet, beeinflusst, welche Schwerpunkte man setzt; ein Pianist findet ein gutes, gut gestimmtes Instrument besonders wichtig, der Sängerin ist eine gute Akustik im Unterrichtsraum wichtiger.
Ich versuche nun, die vielen Standpunkte zu einem Rezept für den idealen Musikunterricht zusammenzupuzzeln, wobei nicht unerwähnt bleiben soll, dass eine gute Musiklehrperson ihren Standpunkt immer wieder überdenkt und auch mal ändert.
Zitiere ich Kolleg*innen, steht ihr Name in Klammern.
Rezept für guten Musikunterricht
1. Teil Die Musiklehrperson
Für guten Musikunterricht nehme man eine auf ihrem Instrument gut ausgebildete Musiklehrperson, die für die Musik, für ihr Instrument und fürs Unterrichten brennt.
Sie ist auf ihrem Instrument technisch sehr versiert, und sie ist fähig, den unterschiedlichsten Schüler*innen diese Technik in einer individuell auf sie angepassten Weise zu vermitteln. Sie hat eine „Zauberkiste“, aus der sie immer wieder Tricks hervorziehen kann, wie sich vermeintlich sehr schwierige technische Probleme spielerisch leicht lösen lassen. Dank ihrem analytischen Ohr und ihren wachen Augen erkennt sie technische Probleme schon im Ansatz, und sie baut dann gemeinsam mit den Schüler*innen Brücken über die gefährlichen Stellen. Sie ist stilsicher, und sie kann stilistische Feinheiten gut vermitteln, wobei sie die Schüler*innen selbst erleben lässt, mit welchen Betonungen, welcher Dynamik und welcher Agogik sie in einem bestimmten Stil am besten in den Flow kommen. „Musikunterricht, der Ohren öffnet für unterschiedliche Musikstile, ermöglicht den Musizierenden, Ihre Vorlieben zu entdecken. Dabei ist es wichtig, im Musikunterricht eine möglichst breite Palette an Musik anzubieten.“ (Susanna Fröhlich-Baumann)
Die Musiklehrperson ist empathisch, wohlwollend, geduldig und humorvoll und begegnet den Schüler*innen auf Augenhöhe, wobei sie ihnen immer das Gefühl gibt, dass sie sie respektiert und schätzt, und dass sie, wenn sie etwas kritisiert, immer die Sache meint und nicht die Person. Sie legt Wert darauf, „dass sich ihre Schüler*innen im Unterricht wohlfühlen. Deshalb spricht sie Spannungen an und rät dann auch zu Lehrerpersonen- oder Instrumenten-Wechsel.“ (Elisabeth Buess) „Sie verpackt alles in kleine und kleinste Schritte, damit es Erfolgserlebnisse für die Schüler*innen gibt.“ (Agathe Jerie) „Sie hilft den Schüler*innen, Blockaden zu überwinden, die sie daran hindern, die Musik auszudrücken, die sie tief in sich spüren.“ (Irene Abrigo) Sie leitet die Schüler*innen dazu an, sich immer wieder vom Notentext zu lösen und zu improvisieren und sie lehrt sie, genau hinzuhören. Sie bereitet ihren Unterricht sorgfältig vor, ist aber fähig, vom Konzept abzuweichen, wenn es die Situation erfordert. Ihr Unterricht ist individuell auf die einzelnen Schüler*innen angepasst und sie achtet darauf, “ dass die Schüler*innen sie nicht kopieren, sondern dass sie zu einer persönlichen Spielweise finden.“ (Barbara Wappmann)
Sie bewegt sich sicher zwischen Unter- und Überforderung der Schüler*innen und achtet konsequent auf Atmung, Haltung und Lockerheit und vermittelt Techniken, diese zu verbessern. Sie bleibt neugierig und weckt bei den Schüler*innen Neugierde auf die Musik. Sie kommuniziert ihre Erwartungen an die Schüler*innen transparent, zeigt ihnen dadurch auch, was sie ihnen zutraut und gibt ihnen dadurch Sicherheit. „Gemeinsam mit den Schüler*innen bespricht sie regelmässig, was sie bereits erreicht haben, was sie als nächstes erarbeiten wollen und was das nächste Ziel sein könnte.“ (André Lottaz) Ebenso gibt sie ihnen klare, realistische Aufgaben fürs Üben. Dabei bezieht sie bei Kindern möglichst auch deren Eltern mit ein. Sie animiert ihre Schüler*innen dazu, mit anderen zu musizieren und sie zeigt ihnen auch, dass Vorspielen keine Prüfung ist, bei der man alles richtig machen muss, sondern dass es die Möglichkeit ist, andere an seiner Musik teilhaben zu lassen und dass das Spass macht.
Ende des ersten Teils des Rezepts für guten Musikunterricht. Fortsetzung folgt!
