Warum die Schweizer Musik Nein zur SRG-Halbierungsinitiative sagt
An den Solothurner Filmtagen, dem wichtigsten Treffpunkt des Schweizer Films, wurde am 25. Januar nicht nur über Kino gesprochen. Vertreterinnen und Vertreter der gesamten Kulturszene – von Film über Musik bis zur Darstellenden Kunst – traten gemeinsam vor die Medien, um ein klares Zeichen zu setzen: Nein zur SRG-Halbierungsinitiative «200 Franken sind genug».
Für die Musik ist diese Abstimmung von zentraler Bedeutung. Denn die SRG ist nicht einfach ein weiterer Medienanbieter, sondern die wichtigste mediale Bühne für Schweizer Musik – für Profis ebenso wie für die breite Amateur- und Nachwuchsszene.
Musik erreicht die Schweiz – über die SRG
Musik gehört in der Schweiz zum Alltag. Rund 20 Prozent der Bevölkerung singen, weitere 20 Prozent spielen ein Instrument, fast 15 Prozent tanzen regelmässig. Und fast alle hören Musik. Entscheidend ist dabei der Kanal: Über 80 Prozent der Bevölkerung konsumieren Musik über Radio und Fernsehen.
Genau hier kommt die SRG ins Spiel. Sie sendet jährlich über 42’000 Stunden Schweizer Musik, produziert rund 1’000 Stunden Livemusik und erreicht mit einem durchschnittlichen Schweizer Musikanteil von rund 40 Prozent ein Publikum, das kein privater Anbieter und keine Streamingplattform in dieser Breite erreicht.
Diese Präsenz ist kein Zufall, sondern kulturpolitischer Auftrag – und sie ist die Grundlage für Sichtbarkeit, Einkommen und Nachwuchsförderung.
Sichtbarkeit entscheidet über Nachwuchs
Yvonne Glur, Co-Leiterin des Bereichs Amateurmusik beim Schweizer Musikrat und Präsidentin von accordeon.ch, bringt es auf den Punkt: «Für den Nachwuchs der Amateurmusik ist Sichtbarkeit entscheidend. Junge Menschen engagieren sich dann, wenn sie erleben, dass ihr Können und ihre Leidenschaft wahrgenommen, wertgeschätzt und gezeigt werden.»
Ob Blasmusik, Chöre, Volksmusik, Jazz oder zeitgenössische Formate: Viele Ensembles und Vereine existieren ausserhalb kommerzieller Logiken. Ohne eine nationale Bühne verschwinden sie rasch aus der öffentlichen Wahrnehmung – und damit aus dem kulturellen Alltag.
Vielfalt braucht Infrastruktur
Die Halbierungsinitiative würde der SRG einen grossen Teil ihrer finanziellen Mittel entziehen. Die Folgen wären absehbar: weniger Eigenproduktionen, weniger Übertragungen, weniger Berichterstattung. Günstige internationale Inhalte würden zunehmen, während Schweizer Musik und regionale Formate verdrängt würden.
Marc Trauffer, Mundart-Popsänger und Produzent, warnt: «Wir brauchen dringend eine starke SRG. Grosse TV-Unterhaltung ist im privaten Medienbereich viersprachig nicht finanzierbar – und genau das trägt einen wichtigen Teil zur Vielfalt unseres Landes bei.»
Was für Shows und Serien gilt, gilt genauso für Musikformate: Schweizer Inhalte sind aufwendig, regional verankert und selten massentauglich im rein kommerziellen Sinn. Genau deshalb braucht es eine starke öffentliche Infrastruktur.
Mehr als Musik: Kultur als verbindende Kraft
Die Medienkonferenz in Solothurn machte deutlich: Die SRG ist nicht nur für die Musik zentral, sondern für die gesamte Kultur. Filme, Serien, Konzertaufzeichnungen, Archive, Kulturjournalismus und digitale Plattformen wie Play Suisse schaffen eine gemeinsame Öffentlichkeit – über Sprachgrenzen hinweg.
Wird diese Infrastruktur geschwächt, verliert die Schweiz einen Teil ihrer kulturellen Klammer. Regionen, kleinere Sprachgemeinschaften und Nischenformate wären besonders betroffen.
Ein gemeinsames Nein der Kulturschaffenden
Die Kulturszene ist sich einig: Reformen, Kritik und Weiterentwicklung gehören dazu. Aber eine Halbierung ist keine Optimierung. Sie ist ein Kahlschlag – mit Folgen für Arbeitsplätze, Nachwuchs, Vielfalt und kulturellen Zusammenhalt.
Darum sagen Musikerinnen und Musiker gemeinsam mit Filmschaffenden, Autorinnen, Schauspielern und Kulturverbänden: Nein zur SRG-Halbierungsinitiative. Nein zum Abbau der medialen Bühne.
Video mit Patti Basler
Was passiert, wenn man Mani Matter neu hört – politisch zugespitzt und hochaktuell? Satirikerin und Kabarettistin Patti Basler hat zur Melodie von «I han es Zündhölzli azündt» einen eigenen Text gegen die SRG-Halbierungsinitiative geschrieben.
Mit Witz, Schärfe bringt sie auf den Punkt, worum es geht: um Kultur, Haltung – und darum, keine halben Sachen zu machen.
