Eine Tonspur mit Bild
Anka Schmids Film «Melodie» zeigt anhand von ganz unterschiedlichen Menschen, welche Kraft und welches Glück im Singen liegen kann.

Es gibt Filme, die sieht man. Und es gibt Filme, die hört man. Anka Schmids neustes Werk Melodie gehört eindeutig zur zweiten Kategorie. «Eine Tonspur mit Bild», so könnte man ihn auch nennen. Erstaufgeführt am 28. September 2025 in der Kategorie Sounds am Zürcher Filmfestival, ab März 2026 regulär im Kino, ist er weit mehr als ein Musikdokumentarfilm: Er ist ein poetisches Mosaik darüber, wie Singen zu Lebensader, Ritual, Widerstand, Trost und Zugehörigkeit werden kann.
Die Protagonistinnen und Protagonisten sind so vielfältig wie ihre Stimmen. Da ist die Black Woman Joanna Kora, die ihre Erfahrungen aus der Black-Lives-Matter-Bewegung in Gesang verwandelt und als Musiklehrerin und Leadsängerin im Chor Go and Sing mit jedem Ton Hoffnung und Begeisterung weckt. Die Appenzeller Sennerin, die Abend für Abend mit dem Alpsegen nicht nur ihre Kühe, sondern auch sich selbst beschützt. Die Tessiner Hip-Hopperin, im Zwiespalt zwischen Wut über die fehlende Förderung für alternative Jugendkultur und der tiefen Verwurzelung in ihrer Heimat. Der Kurde, dem sieben Jahre Gefängnis nicht die Stimme nahmen und der nun seiner kleinen Tochter in der Schweiz Lieder vorsingt, damit sie als Kurdin ohne Land nicht ohne Kultur bleibt. Und die letzte Totensängerin einer griechischen Insel, die nach dem Verlust ihres Mannes allein durch das Klagelied Halt und Lebensinhalt findet – und die bange Frage stellt: Wer wird ihre Klage anstimmen, wenn sie selbst nicht mehr ist?
Singen ist mehr als Klang
Schmid erzählt diese Geschichten ohne Pathos, getragen von der Musik und den Gesichtern der Singenden. Die Kamera fängt das Strahlen, die Müdigkeit, die Leidenschaft ein. Doch das eigentliche Herzstück ist die Tonspur. Tonmeister Reto Stamm verzichtet weitgehend auf elektronische Verfremdung, er transportiert die Stimmen pur, unverstellt, in ihrer ganzen Körperlichkeit. Man hört Atempausen, Reibungen, Unvollkommenheiten – und genau das macht den Film so echt.
Am Ende, wenn junge Frauen vom Frauenstreik singend und trommelnd den Platz füllen, schliesst sich der Kreis: Singen ist mehr als Klang. Es überwindet Grenzen, bringt Fremde näher zueinander als jedes Argument. Schmids Film zeigt, dass wir uns im Glück des Singens begegnen können, jenseits von Herkunft, Sprache oder Hautfarbe. Ein Dokumentarfilm, der nicht nur im Ohr bleibt, sondern auch im Herzen.
Melodie. Anka Schmid, Buch und Regie. Frenetic-Films. Ab 5. März 2026 im Kino.
