Langfristig künstlerisch präsent bleiben – Gesundheit im Musikberuf heute

Hoher Leistungsdruck, unsichere Perspektiven und permanente Sichtbarkeit prägen heute den Musikberuf.

Im Gespräch ­zwischen Katrin Frauchiger und Veronika Lubert geht es um die Frage, wie Musiker*innen regulierungsfähig und künstlerisch präsent bleiben ­können.

KF: Seit Mai 2025 bist Du Professorin für Musiker*innen-Gesundheit. Was war Dein persön­licher Weg zur Expertin?

VL: Ich bin über die Sportpsychologie zur ­Musiker*innen-Gesundheit gekommen. Mich hat schon früh interessiert, wie Menschen unter Druck leistungsfähig bleiben. In der Musik begegnen wir ähnlichen Situationen wie im Leistungssport: Vorsingen, Probespiel, Wettbewerb. Als Musiker*innen können wir für den Umgang damit viel von Athlet*innen lernen.

KF: Zur Zeit meines Studiums war Musiker*innen-Gesundheit noch kein Thema während der Ausbildung. Es gab zwar einige fakultative Angebote an Körpertechniken, wie zum ­Beispiel Alexandertechnik oder Atemkurse. Vor allem die psychischen, mentalen Herausforderungen und eventuellen Schwierigkeiten, welche es während des Musikstudiums und später im Berufsleben zu meistern gilt, waren – abhängig von der jeweiligen Lehrperson – ein Tabu, oder etwas, was man in Eigenverantwortung lösen musste. Wie hat sich in den letzten Jahren die Haltung dazu verändert?

VL: Gesundheit ist kein Randthema mehr, sondern wird zunehmend als Teil professioneller Ausbildung begriffen. Gleichzeitig sind die Anforderungen komplexer geworden: Internationalisierung, portfolioartige Erwerbsmodelle, Selbstvermarktung. Das heisst, wir müssen Gesundheit ­einerseits stärker als Kompetenz denken – als ­Fähigkeit zur Selbstregulation und nachhaltigen Karrieregestaltung – andererseits aber auch die Arbeitsbedingungen von Musiker:innen kritisch hinterfragen.

KF: Gerade Sänger*innen sind besonders von ihrer körperlichen und psychisch-mentalen Verfassung abhängig und von Unstimmigkeiten oft direkt betroffen. Während der sängerischen Ausbildung, dies unabhängig von Stilistik, sind die Entwicklung der eigenen Wahrnehmung von ­Körper und Seele und die Feinabstimmung dieser Zusammenhänge, sowohl in Bezug auf Technik als auch auf künstlerischen Ausdruck entscheidend. Was können Instrumentalist*innen von ­Sänger*innen lernen?

VL: Sänger*innen arbeiten sehr differenziert an der Verbindung von Körper, Atmung, Emotion und Ausdruck. Die Stimme macht unmittelbar hörbar, wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät – körperlich oder psychisch. Diese Sensibilität für innere Zustände und deren Regulation ist aus meiner Sicht ein Modell für alle Musiker*innen. Instrumentalist*innen können davon lernen, technische Exzellenz und Selbstwahrnehmung noch mehr miteinander zu verbinden. Sie können profitieren, wenn sie ihr Aktivierungsniveau vor einem Auftritt gezielter steuern, körperliche Signale der Überlastung besser erkennen, und Regeneration zwischen intensiven Phasen aktiver gestalten.Künstlerische Präsenz entsteht durch regulierte Spannung und Achtsamkeit im Moment. Die bewusste Arbeit an Wahrnehmung, Erholung und mentaler Vorbereitung ist kein Zusatz zur Technik, sondern Teil professioneller Kompetenz – etwa durch Vorbereitungsroutinen, Atem- oder Fokussierungsstrategien und klare Erholungsfenster im Wochenplan.

KF: Sonart setzt sich intensiv ein für die Verbesserung der Rahmenbedingungen und der öffentlichen Wahrnehmung des Musiker*innen­berufs. Dem kulturpolitischen Engagement ­verschiedener Berufsverbände steht eine sich gravierend und rapide verändernde Realität der Musiker*innen gegenüber. Das Musikbusiness scheint immer mehr ausser Balance; während sich Konzerne bereichern, bietet es den meisten Musiker*innen, abgesehen vom Star-Markt, keine Lebensgrundlage mehr. Die Selbstpromotion, die in erster Linie über Social Media stattfindet, nimmt zu. Musiker*in zu sein erfordert heute in noch grösserem Ausmass als bisher einen langen Atem, Flexibilität und Resilienz. Wie können wir diese Fähigkeiten gezielt unterstützen? Und wie verhindern, dass wir uns als Einzelkämpfer*innen erschöpfen?

VL: Die aktuellen Diskussionen zeigen, dass viele Musiker*innen eine starke Verdichtung von Anforderungen erleben. Hier ist es mir wichtig zu differenzieren: Resilienz darf nicht bedeuten, sich stillschweigend an problematische Strukturen anzupassen. Die kulturpolitische Arbeit von ­Sonart zur Verbesserung von Rahmenbedingungen ist deshalb zentral und notwendig. Zudem unterstreicht sie die Bedeutung von Austausch und Gemeinschaft der Musikschaffenden untereinander. Gleichzeitig brauchen Musiker*innen persönliche Kompetenzen, um in diesem Spannungsfeld handlungsfähig zu bleiben: klare Rollen- und Prioritätensetzung und Reflexion der eigenen Identität, bewusste Erholungsstrategien und Abgrenzung gegenüber permanenter digitaler Sichtbarkeit, aber auch psychologische Flexibilität – selbst bei schwierigen Gedanken und ­Gefühlen offen, bewusst, und in Handlungen ­engagiert zu sein, die den eigenen Werten entsprechen. Wenn wir diese Kompetenzen früh in der Ausbildung vermitteln, stärken wir nicht nur die Gesundheit, sondern auch die künstlerische Leistungsfähigkeit.

 

Prof. Dr. Veronika Lubert
… ist Psychologin, Violinistin, Professorin für Musiker*innen-­Gesundheit, und Professorin für Musiker*innen-Gesundheit an der Hochschule Luzern –

Musik.Katrin Frauchiger
… ist Sängerin, Komponistin, im Vorstand von Sonart tätig und Dozentin an der Hochschule Luzern – Musik.

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