Musikunterricht ist keine Fliessbandarbeit
Im „Rezept für guten Musikunterricht“ sehen wir, welch hohe Anforderungen Musiklehrpersonen an sich selbst stellen. Wie sieht aber die Realität aus?
Bis zum Master Pädagogik haben sich die Lehrpersonen genügend Wissen und Können im künstlerischen und pädagogischen Bereich angeeignet, um für den Beruf als Musikpädagog*innen bestens gerüstet zu sein. Vor allem die Praktika sind ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung. Insofern lohnt es sich, das Pilotprojekt der HKB mit der Musikschule Oberemmental zu verfolgen, das im Herbst 2026 startet: Studierende unterrichten während des gesamten Masterstudiums drei bis fünf Kinder an der Musikschule Oberemmental. Dabei werden sie von Fachdidaktikdozierenden der HKB und Praktikumslehrpersonen der Musikschule begleitet. Sie erhalten einen Lohn nach kantonalen Besoldungsvorgaben und den Musikschüler*innen kann dieser Unterricht vergünstigt angeboten werden. Gut möglich, dass ein solches Projekt die Attraktivität eines Masterstudiums Pädagogik steigert. Denn hier sehen wir ein Problem: es werden heute viel zu viele Master-Performance-Studierende ausgebildet, die niemals alle eine existenzsichernde Karriere haben werden, während der Fachkräftemangel bei Musiklehrpersonen (v.a. Gitarre und Klavier) bereits Realität ist. Auch weisen Lehrpersonen aus den Bereichen Rock/Pop und Jazz immer wieder darauf hin, dass die Musikhochschulen viel zu wenig Studienplätze in dem Bereich anbieten, und dass man in diesen Studiengängen eine grössere Offenheit gegenüber einer stilistischen Vielfalt haben müsste, die letztlich auch den Studierenden im Master Pädagogik Klassik zugute kommen könnte, die im Unterrichtsalltag an den Musikschulen oft auch Pop/Jazz unterrichten müssen.
Der Berufsalltag
Junge Musikpädagog*innen sind nicht darauf vorbereitet, dass es quasi unmöglich ist, 100% als Musiklehrperson zu arbeiten, wenn man nicht an einem Gymnasium oder einer pädagogischen Hochschule arbeitet. Sogar dann nicht, wenn man ein gefragtes Instrument wie Klavier unterrichtet.
Im Lehrplan 21 sind Blockzeiten festgeschrieben und die wöchentliche Lektionszahl wurde erhöht. Auch wenn es z. B. im Kanton Bern den Eltern unter gewissen Voraussetzungen möglich ist, ihre Kinder auf ein Gesuch hin von einer Schullektion dispensieren zu lassen, damit sie in dieser Zeit den Musikschulunterricht besuchen können, ist es leider Realität, dass die Musikschullehrpersonen oft erst im späteren Nachmittag mit dem Unterrichten beginnen können. Sie unterrichten dann vielleicht von 15.30 bis 21.00 Uhr, idealerweise ohne Pausen, damit sie möglichst viele Schüler*innen unterrichten können. Ein Vollpensum besteht je nach Kanton aus 37 wöchentlichen Lektionen à 40 Minuten bis zu 58 Lektionen à 30 Minuten, wie das z. B. im Kanton Graubünden der Fall ist. Dort kommt erschwerend hinzu, dass die Lehrperson in diesem knapp bemessenen Zeitfenster für Unterricht oft noch von Ort zu Ort reisen muss.
Im 1. Kapitel des Rezepts für guten Musikunterricht steht, was eine ideale Musiklehrperson leisten müsste, und dann frage ich mich, ob das „wache Auge und das analytische Ohr“ nicht auch mal ermüden, wenn sie jeden Tag 10-11 Schüler*innen nur je eine halbe Stunde direkt hintereinander hören und sehen ohne eine kleine Pause dazwischen, in der sie die Eindrücke kurz verarbeiten können. Hut ab vor den Musiklehrpersonen, die es schaffen, dass Musikunterricht da meistens Spass macht: in den 30 Unterrichtsminuten muss der Schüler oder die Schülerin ja zuerst ankommen, sein Instrument auspacken, vielleicht dringend noch ganz schnell etwas erzählen oder mal kräftig gähnen, weil der Tag schon lang und vollbefrachtet war. Dann muss man Aufgaben abfragen, etwas erklären, ein neues Stück einführen, im Duett spielen und improvisieren. Das alles in 30 Minuten bei immer guter Laune, während man immer individuell auf jeden Schüler und jede Schülerin eingeht und sorgsam darüber wacht, dass man sie nicht unter- und nicht überfordert.
Die Situation wird manchmal etwas entschärft, wenn man auch ein paar erwachsene Schüler*innen unterrichtet, die gerne an einem Vormittag oder über die Mittagszeit Unterricht nehmen. Oder man arbeitet noch als Musiklehrer*in an der Volksschule, wo die Lektionen in den Stundenplan integriert sind. Vielleicht tritt man als Musiker*in solistisch oder in einem Orchester auf. Proben für Konzerte können dann auf die Vormittage gelegt werden, aber die Konzerte, wenn sie nicht am Wochenende stattfinden, fallen wieder in die kostbare Zeit, in der man eigentlich unterrichten könnte. Es ist auch schwierig das Familienleben mit Kindern zu organisieren, wenn man quasi jeden Abend und am Wochenende arbeitet.
Zum Glück sind Musiker*innen kreativ und resilient und finden meist einen Weg, wie sie ihr kompliziertes Leben mit dem schönsten Beruf der Welt organisieren können.
Verbesserungsmöglichkeiten
Ganz wichtig ist eine gute Zusammenarbeit vom Musikschule und Volksschule, dass musikalischer Einzelunterricht nicht als störende Konkurrenz zum Volksschulunterricht empfunden wird sondern als wichtige Ergänzung, die man einbinden muss. Wenn Kinder sich einmal pro Woche – möglichst nicht erst nach einem ganzen Schultag, wenn sie schon müde sind – auf ein komplexes Tun einlassen, wie es der Instrumental- oder der Sologesangsunterricht ist, fördert das ihre Kreativität, ihre Konzentrationsfähigkeit und ihr Selbstvertrauen, was sich positiv auf ihr Verhalten und ihr Lernvermögen im Schulunterricht auswirkt.
Die Politik sollte das Budget für Subeventionen für Musikunterricht erhöhen statt kürzen, damit möglichst viele Kinder aus einkommensschwachen Familien Musikunterricht nehmen können, und dass die Lektionslängen so sind, dass sinnvoller Unterricht auch möglich ist. Musikunterricht darf nicht zur Fliessbandarbeit verkommen.
Wir blicken hier gespannt in den Kanton Aargau, wo die Botschaft zur 1. Lesung der Revision des Instrumentalunterrichts im Herbst an den Grossen Rat geht.
Wieviel Schaden das Sparen beim Musikunterricht anrichten kann, sieht man in der Stadt Chur, wo die musikalische Grundschule früher in den Blockzeiten am Morgen im Halbklassenunterricht stattfand. Freiwillig gingen alle Kinder hin, weil sie sonst in den Blockzeiten privat hätten betreut werden müssen. Heute findet der Unterricht nachmittags statt, und man muss die Kinder dafür anmelden, was gerade bildungsferne Familien oft nicht tun. So spart Chur zwar 40 000 Franken, aber viele Kinder verpassen eine elementare Förderung, während die Lehrpersonen für musikalische Grundschule kein existenzsicherndes Einkommen mehr haben.
