Forschungs-Interview: Carmina Burana online
O Fortuna! In der Bearbeitung von Carl Orff gehört die Carmina Burana zu den bekanntesten europäischen Musikstücken. Im Original handelt es sich um eine Textsammlung aus dem frühen Mittelalter, deren Geheimnisse ein Basler Forschungsprojekt zu lüften sucht.
Wie entstand die Idee für Carmina Burana Online?
Ich hatte den Wunsch schon lange, mich musikwissenschaftlich mit dieser berühmten Quelle zu befassen. Als ich an die Schola in Basel gekommen bin, wusste ich, dass ich dafür am richtigen Ort bin. Hier haben wir Musikwissenschaftler:innen, die auch als Musiker:innen auftreten, die Profis sind in historischer Aufführungspraxis. In dieser Form wäre das Projekt wohl nirgendwo anders möglich gewesen.
Für rund einen Drittel der Texte sind Neumen vorhanden, allerdings unlinierte, die nur ungefähr angeben, ob ein Ton höher oder tiefer sein soll. Wie ist es möglich, daraus die ursprüngliche Melodie zu rekonstruieren?
Wir wissen heute, dass die Verschriftlichung des Codex zu Beginn des 13. Jahrhunderts passierte, die Notation zum Teil aber viel später erfolgt ist – das ist etwas, was wir in diesem Projekt entdeckt haben. Wenn eine Melodie erst hundert Jahre später notiert wurde, ist es sehr schwierig zu erkennen, wie sie ursprünglich klang. Wenn man das Glück hat, mehrere Parallelquellen zu haben, kann man manchmal Muster erkennen, weil sich gewisse Dinge ähneln.
Es gibt Texte, bei denen wir nicht sicher sind, ob die Neumen überhaupt Melodien entsprechen. Und wir sind auch nicht sicher, ob all diese Liedtexte überhaupt mit festen Melodien gesungen wurden.
Die Neumen wurden zusammen mit Studierenden an der Schola erforscht. Wie sind sie an die Aufgabe herangegangen?
Es ist ein spannendes Experiment. Sie und ihre Professor:innen haben so viele Melodien vom Mittelalter im Kopf, sie verfügen über so viel Wissen und Erfahrung, dass sie Musik entstehen lassen können, die für diese Zeit wahrscheinlich ist. Es ist eine Übung, die sie im Studium sowieso oft machen, denn vom Mittelalter, aber auch von der Renaissance und vom Barock gibt es so viele unvollständige Quellen, dass die Rekonstruktion zum Alltag gehört.
Sie werden den Codex Buranus und die Parallelquellen erstmals komplett in einer Open-Access-Datenbank online stellen. Welche Herausforderungen stellen sich Ihnen dabei?
Der Codex Buranus ist einzigartig und sehr wertvoll. Es ist eine der allerersten Quellen für die mittelhochdeutsche Lyrik und die grösste Sammlung lateinischer Lieder des Mittelalters. Trotz der umfangreichen bisherigen Forschung über die Texte der Carmina Burana bleibt noch eine editorische Arbeit zu leisten, um die Texte in Verbindung mit der Musik zu edieren. Die Texte, die in der Sammlung Unikate sind, stehen besonders in unserem Fokus, insbesondere die bilingualen Lieder sowie die liturgischen Spiele.
Gibt es einen Text, der Ihnen persönlich besonders viel bedeutet?
Was mich immer berührt, ist die Aktualität der Texte. Selbstverständlich haben sich gesellschaftliche Normen geändert, wir leben nicht mehr im Mittelalter – das ist klar, und das zeigt sich zum Beispiel am Frauenbild. Aber es geht oft auch um Korruption, um Gerechtigkeit, um Reiche und Arme. Sie vermittelten nicht nur Inhalte im Sinne moralischer Bildung, sondern dienten auch der formalen Schulung, etwa im Erlernen des Lateins und der Dichtung. Ganz allgemein sind es sehr schöne Texte, deren Reime und Klänge hörbar werden müssen, was natürlich in einer Aufführung am besten geschieht.
Digitale Ausgabe, musikwissenschaftliche Untersuchung und praktische Erforschung des Codex Buranus und verwandter Quellen
Forschungsprojekt der Schola Cantorum Basiliensis / FHNW, finanziert vom Schweizerischen Nationalfonds
Laufzeit: 01.01.2024 – 31.12.2027
Personen: Christelle Cazaux (Projektleitung), Laura Albiero, Ugo Bindini, Matthieu Romanens (Schola Cantorum Basiliensis)
